Über das Sichtbarmachen emotionaler Sackgassen beim Debattieren

Über das Sichtbarmachen emotionaler Sackgassen beim Debattieren

Im Zusammenhang mit den Überschwemmungen im Rheinland bin ich auf die Bedeutung von antrainierten Abwehrreflexen eingegangen, die dafür sorgen, dass sich intelligente und reflektierte Menschen bei manchen Themen irrational verhalten. Sobald jemand das falsche sagt oder mit dem falschen in Verbindung gebracht wird, macht es Klick und die Ratio wird überrumpelt, als würde derjenige gerade an eine heiße Herdplatte fassen. Ein in der Wirkung artverwandtes Phänomen stelle ich immer wieder bei Diskussionen im Internet fest. Manche Menschen schaffen es nicht, die emotionale Ebene von der sachlichen zu trennen und können nicht anders, als zum Schluss gelangen, dass jemand nicht (nur) falsch liegt, sondern von bösen Absichten getrieben sein muss.

Emotionen und Aggregate

Ich bin vermutlich nicht der einzige, der immer wieder an die Grenzen seiner Verständnisfähigkeiten gerät, wenn jemand einerseits die aufgrund des Wohnungsmangels zu hohen Mieten im Land beklagt und andererseits offene Grenzen für Flüchtlinge aus aller Welt fordert. Bei manchen mag der Grund dafür in mangelnder Intelligenz, einer ausgeprägten Borniertheit oder vielleicht auch in ideologischer Berechnung liegen. Bedenkt man allerdings, wie viele Menschen dennoch linksgrüne Politik zu wählen bereit sind, kann das kaum für alle gelten. Sie sind sich der sachlichen Ebene bewusst, sind aber dennoch nicht in der Lage, die notwendige Schlussfolgerung zu ziehen.

Sehr oft, wenn ich irgendwo im Netz eine längere Diskussion führe, komme ich zum Schluss, dass ich mich mit jemandem streite, der nicht in der Lage ist, die emotionale Komponente zu trennen von der sachlichen Ebene, auf der nur Aggregate betrachtet werden. Sie aggregieren die missliche und damit emotional mitreißende Situation der Einzelschicksale und aggregieren sie mit. Im Ergebnis steht dann nicht nur ein Fall, in dem es nur menschlich ist, eine emotionale Regung zu zeigen, sondern Tausende, wenn nicht gar Millionen.

Aus dieser Perspektive emotionaler Aggregate verwundert es keineswegs, dass manche Menschen an einem Punkt nicht mehr mitdenken können. Ihnen haut es schlichtweg die Sicherungen raus, weil sie ansonsten mental unmittelbar zusammenbrechen würden. Folglich müssen sie den Widerspruch in ihren Aussagen akzeptieren und lassen etwaige negative Folgen über sich ergehen, oder verschieben deren Kausalitäten in ein anderes Feld.

Falsche Informationen und schlechte Menschen

So verständlich diese Reaktion ist, sie trägt jede Menge Gefahren in sich,. Emotional getriebene Menschen mit einer nur unzureichend die Trennung zwischen emotionaler und sachlicher Ebene können quasi beliebig manipuliert werden, da die gezielte Vermischung nicht schwer ist. Praktisch gesprochen bedeutet es, dass man lediglich Leid schaffen und darüber in möglichst eindringlicher Weise berichten muss und schon bricht bei manchen Menschen infolge ihrer empathischen Reaktion darauf die Ratio zusammen.

Als ob die Vorstellung absichtlich erzeugten und verbreiteten Leids nicht schon perfide genug ist, lässt sich diese emotionale Überwältigung dazu verwenden, all jene zu dämonisieren, die weiterhin in der Lage sind, die beiden Ebenen voneinander zu unterscheiden. Der Vorwurf ist dabei ein leichter und er muss nicht einmal aktiv erhoben werden. Dies liegt in de emotionalen Synchronisierung von Menschen bei Schicksalsschlägen. Es gibt Situationen, in denen nur eine einzige Emotion legitim ist, wie etwa Trauerfälle, auf deren Nachricht jeder unabhängig der Umstände nur mit Trauer reagiert werden kann. Wer das nicht macht, der macht sich verdächtig.

Wenn daher jemand die sachliche Ebene aus emotionaler Perspektive betrachtet, dann erwartet derjenige keine sachliche Debatte darüber, sondern hält jeden für verdächtig, der nicht die selbe einzig legitime Emotion dabei zeigt, die jeder zeigen würde, wenn es sich um ein Einzelschicksal handeln würde, und nicht um ein vom Einzelfall und dessen Emotionen abstrahiertes Aggregat. Vermutlich basiert die immer wieder bestätigte Feststellung genau auf dieser Unfähigkeit, die emotionale Einzelfallbetrachtung von der nüchternen Betrachtung abstrakter Aggregat zu trennen auf dem Spruch, wonach „Rechte denken, Linke lägen falsch und Linke denken, Rechte seien von bösen Absichten getrieben“.

Männer und Frauen

Gerate ich in eine Diskussion, dann versuche ich versuche mittlerweile immer, mein Gegenüber darauf abzutesten, ob derjenige an dieser Abstraktionsunfähigkeit leidet. Manche zeigen es sofort und wollen gar nicht tiefer gehen, andere wiederum geben vor, zu den „Guten“ zu gehören und nehmen unbewusst schon an, dass jemand mit einer anderen Meinung ein schlechter Mensch sein muss, keineswegs aber schlecht informiert ist. Selten gilt beides nicht, was dann hin und wieder zu großartigen Diskussionen führt, woraus beide etwas lernen können. Der häufigste Fall ist dies jedoch leider nicht.

Meistens teste ich es ab und wenn ich merke, dass derjenige die Unterscheidung nicht treffen kann, weise ich darauf hin. Manchmal bemerkt mein Gegenüber dann den Fehler in seinem System und passt es an, woraus sich manchmal ebenso interessante Gespräche ergeben. Manche nehmen es auch hin und ignorieren es oder brechen die Diskussion ab, wobei sie vielleicht darüber nachzudenken beginnen.Mit Abstand am häufigsten jedoch erlebe ich eine Abwehrreaktion und – ganz so, als hätten sie darauf gewartet – die explizite Bestätigung des Vorwurfs, was für ein schlechter Mensch ich doch sei. Wie man nur könne und so weiter. Manch einer kennt es vermutlich.

Im Grunde genommen ist die emotionale Überlagerung eine Ableitung aus dem Unterschied zwischen Mann und Frau, wonach letztere in der Tendenz ebenso eher auf der emotionalen Ebene argumentieren und erstere die sachliche Ebene bearbeiten. Am Ende folgt dann irgendwann die Trennung, zumindest ist das bei Beziehungen der Fall. Auf der gesellschaftlichen Ebene lässt sich dies wohl kaum bewerkstelligen. Das ist die schlechte Nachricht des ganzen. Die gute ist, dass sich vieles noch retten lässt, sobald klar ist, an welchen Stellen man in welcher Weise aneinander vorbei redet. Das gilt für Beziehungen und vielleicht – nein: hoffentlich – gilt das auch für ganze Gesellschaften. Andernfalls droht uns nicht nur beim Wohnungs- und Migrationsthema eine emotional getriebene Apokalypse, mit dem Feminismus, Islam, Klima und weiß nicht was gibt es jede Menge Munition. Es gibt so viel, dass man fast meinen könnte, es sei Absicht im Spiel

Quelle Titelbild

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