Warum Zyklon-B, wenn es auch ohne gegangen wäre?

Warum Zyklon-B, wenn es auch ohne gegangen wäre?

Das folgende geistert mir schon sehr lange in meinem Kopf herum. Es stammt noch aus der Zeit, bevor ich des ständigen Hitler-Tourette überdrüssig wurde und fortan jedes Mal dann weggeschaltet habe, wenn das Stichwort fiel (das ist schon so lange her, dass ich über das Spiegel Cover mit Hitlers Uhr schon nur noch gelacht habe). Dennoch werde ich als Ausnahme in diesem Beitrag meinen Senf zu einem der großen Weltkriegsthemen ausbreiten,der wie der Titel andeutet zwar recht scharf daherkommt, aber nicht zwingend ungenießbar ist und in meinen Augen eine neue Perspektive auf das Thema eröffnet (man darf mir gerne schriftlich widersprechen; es würde mich interessieren). Konkreter Anlass ist ein aktuelles Video von Feroz Khan, in dem er sich unter anderem mit der dann doch recht grob gerundeten Zahl von sechs Millionen Holocaustopfern auseinandersetzt. Meine Hypothese spielt sich in einer anderen Dimension ab, aber auch sie befasst sich mit einer Frage, die in der Regel nicht einmal mit der Kneifzange angefasst wird.

Der Krieg als sauber durchlaufendes Programm

In meiner Schulzeit fand ich es immer seltsam, dass beim Thema des Zweiten Weltkriegs nie der Krieg selbst behandelt wurde. Einzig die industrielle Judenvernichtung nach der Wannseekonferenz 1941 und selten einmal eine Rede einer der Nazigrößen wurden behandelt, der inhaltliche Rest fand vor dem Krieg statt. Im Nachhinein ist mir klar, dass der Vorlauf zum Krieg in der Analyse erheblich bedeutender ist als das Kriegsgeschehen selbst, auch wenn bei mir am Ende einige kritische Lücken klafften. Insbesondere die Frage nach der Genauigkeit kommunistischer Gräueltaten gegen deutsche Soldaten und daraus abgeleitet deren Bedeutung um die Gegenwehr bis zum bitteren Ende, aber auch Fragen zum Verhalten von Italien und Japan als den beiden wichtigsten Verbündeten Nazideutschlands blieben weitgehend offen.

Bis heute frage ich mich beispielsweise, warum Japan überhaupt mit den USA in den Krieg eingetreten ist. Naheliegend ist zwar das Argument mit den unter US-Kontrolle stehenden Philippinen, die dem japanischen Ziel einer Kontrolle über den Pazifik und den Indischen Ozean entgegen standen. Das Risiko der damals noch im Aufsteigen begriffenen Großmacht USA allerdings war kein geringes und es wäre vermutlich auch unter Umgehung aller amerikanischen Besitzungen im Pazifikraum möglich gewesen, die Kontrolle über die damals zum niederländischen Kolonialreich gehörenden Inseln Indonesiens, Malaysias und Papua Neuguinea zu erlangen. Pearl Habor jedenfalls liegt deutlich weiter von den japanischen Hauptinseln entfernt als die genannten drei Länder.

Vermutlich hätte es in den meisten Fällen ausgereicht, eines der mächtigen Schiffe der Yamato-Klasse an die Küste fahren zu lassen, um die spärlich verteidigten Inseln unter japanische Besatzung zu bringen. Selbiges gilt für das damals von Frankreich verwaltete Indochina, wobei beide europäischen Mächte damals bereits von Nazideutschland geschlagen waren und eine neue Unabhängigkeit unter japanischer Hegemonie von den Einheimischen eventuell sogar goutiert worden wäre. Das zeitweise Vordringen Japans bis ins heutige Burma zeigt das Potenzial, das mit einer direkten Konfrontation mit den USA vergeben wurde.

In südlicher Erweiterung Ozeaniens wäre es für das imperiale Japan ohne den Krieg gegen die USA sehr wahrscheinlich ebenso ein leichtes gewesen, Neuseeland und Australien zu erobern. Beide Inseln waren damals schon für ihren Rohstoffabbau bekannt, wobei Australien in den 1940er Jahren mit unter sieben Millionen gerade einmal so viele Einwohner hatte wie Neuseeland heute. Zum Vergleich: Japan hatte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs mehr als 70 Millionen Einwohner. Mit Australien und Neuseeland wäre Japans Hegemonie über den Pazifik gesichert gewesen, dem Land wären die für eine weitere Expansion die dringen Rohstoffe zur Verfügung gestanden, während insbesondere Australien das Tor in den Indischen Ozean und damit nach Indien und nach Ostafrika weit geöffnet hätte. Das Verdrängen der USA aus dem Westpazifik wäre mit der entstandenen Wucht vermutlich leichter gelungen.

Bekanntlich kam es ganz anders und so war die Geschichte des Krieges an quasi allen Fronten im Grunde genommen bereits geschrieben, noch bevor die Schlachten geschlagen waren. Mit ganz wenigen Ausnahmen – wie etwa die Eroberung von Kreta, Italiens idiotischer Angriff auf Griechenland, Japans Angriff auf die USA, Francos und vor allem Finnlands Indifferenz, Heisenbergs Unfähigkeit (Unwille?) zum Bau der Bombe – lief der Zweite Weltkrieg zuverlässig ab wie Programm, in dem immer das wahrscheinlichste geschehen sollte und dann auch geschah. Dies gilt für die deutsche und auch die japanische Expansion, für das Überstrecken der jeweiligen Fronten, für den quälenden und verlustreichen Rückzug, und auch für die Rohstoffknappheiten und infolge dessen der Kampf zwischen Masse und Klasse der unterschiedlichen Kriegsparteien, in dem letztere infolge der intrinsischen Fragilität ihrer Technologie (und vermutlich auch ihrer Ideologie) den Kürzeren zogen.

Industrielle Menschenvernichtung ohne Giftgas

Ein weiteres Element in diesem Programm der maximalen Wahrscheinlichkeit, das in meinen Augen irgendwie nicht so recht ins Bild passen will, ist die Verwendung von Zyklon-B bei der Vernichtung der europäischen Juden und anderer Unerwünschter unter der Naziideologie. Wenn man es genau nimmt, dann gehört der Holocaust als prinzipiell rein politische Maßnahme zwar nicht wirklich zum Kriegsgeschehen hinzu. Da die Judenvernichtung allerdings gleich hinter der Eroberungen zum Prioritätsziel erklärt wurde, hatte diese einen so großen Einfluss auf den Verlauf des Krieges in Osteuropa, dass diese zum allgemeinen Kriegsprogramm hinzugezählt werden kann.

Die nagende Frage im Zusammenhang mit der Judenvernichtung, die nicht ins Bild passen will, lautet für mich, wie sich die Abwesenheit von Zyklon-B auf den Massenmord in den Konzentrationslagern ausgewirkt hätte. Gemeinhin wird hingestellt, dass die Verwendung von Giftgas deswegen erfolgte, weil es als besonders zuverlässig galt und als eine saubere Methode für ein dreckiges Geschäft erachtet wurde, mit dem sich die von einer herrenrassistischen Ideologie getriebenen Täter auf psychologischer Ebene auf Distanz von ihren abgründigen Taten halten konnten.

Letzteres mag durchaus sein. Doch zuverlässig oder gar effizienzverbessernd war die Verwendung von Giftgas mit Sicherheit nicht. In Anbetracht der Priorität, die der Judenvernichtung mit dem ins Stocken geratenen Eroberung der Sowjetunion eingeräumt wurde, handelt es sich bei der Verwendung von Zyklon-B als Hauptmordmittel um einen einen Luxus, den sich Himmlers SS eigentlich nicht hätte leisten können und auch nicht hätte leisten müssen. Dafür waren die Frontberichte zu negativ und der zugehörige Führerbefehl zu bedeutend. Wer einen klaren Auftrag mit Priorität auszuführen hat, der überdies komplex ist und unter Zeitdruck erfolgen muss, der treibt keine Sperenzchen, sondern wendet systematisch jene Methoden an, die sich in der Vergangenheit schon als erfolgreich erwiesen haben. Das gilt für das Betreiben eines Weihnachtsmarktstandes genauso wie für den Betrieb eines Vernichtungslagers.

Das Gegenteil von Vernichtungseffizienz

Die Belagerung von Leningrad diente dem Ziel der Aushungerung der dort eingeschlossenen Menschen. Warum wurden die Juden und Zigeuner Europas nicht ebenso systematisch ausgehungert? Aus vielen leidvollen Erfahrungen auch aus dem militärischen Bereich war damals gut bekannt, dass unhygienische Zustände unter dicht gedrängten Menschen an einem Ort sehr schnell zur Verbreitung schwerer Infektionskrankheiten führt. Warum wurden die Unerwünschten nicht einfach eingesperrt und dann sich selbst, der Ruhr und Typhus überlassen?

Wäre es den zuständigen Parteikadern wirklich um chemische Sauberkeit gegangen, dann hätten es auch luftdicht abgeschlossene Schlafbaracken getan, in denen die Gefangenen dicht gedrängt selig eingeschlafen wären und nie wieder auf. Über Himmler heißt es in diesem Zusammenhang, dass er sich übergeben haben soll, als ihm eine mobile Vergasungsanlage präsentiert wurde, bei der die Abgase eines LKW in den luftdicht abgeschlossenen Laderaum geblasen wurde. Es funktionierte, Himmler sah es, musste sich übergeben und blies die Sache ab. Warum, frage ich mich, setzte die SS nachfolgend dennoch auf Zyklon-B, wenn schon das verhältnismäßig harmlosere CO2 bei den Planern des Massenmordes zu Würgereiz führte?

Mit Zyklon-B wurde der gesamte industrielle Vernichtungsprozess in völlig unnötiger Weise teurer und komplexer gemacht. Beispielsweise musste die Substanz immer wieder nachbestellt und geliefert werden, die Gaskammern mussten nach deren Verwendung zum Schutz der Mitarbeiter stets gereinigt werden, was auch für den Transport der Leichen zur Verbrennung galt, die vermutlich Reste von Gas auf ihrer Haut hatten. Mit dem Einsatz von Zyklon-B wurde der Vernichtungsprozess um sicherlich mehr als ein Dutzend Arbeitsschritte verlängert, ohne dass dies am Prozess oder am Arbeitsergebnis etwas wesentliches verbessert hätte. Es mag sein, dass die Betroffenen schneller umgekippt sind, oder beim Krepieren etwas leiser geröchelt haben.

Psychopathen mit der Verantwortung über den reibungslosen Betrieb in einem Vernichtungslager für unwertes Leben würden sich sehr wahrscheinlich eher über Verzögerungen bei der Nachlieferung von Zyklon-B stören, denn am Ton des verzweifelten Schreiens und Flehens im Tötungsprozess befindlicher Insassen. Ebenso macht es für sie keinen Unterschied, ob es 20 oder lediglich 12 Minuten bis zum Eintreten des Todes dauert – nur um die eingesparten acht Minuten mit dem Wegwischen der Giftgasreste zu verbringen. Wie ich es drehe oder wende, Zyklon-B ergibt keinen Sinn. Ich weiß, der gesamte Gedankengang ist zynisch und geht über die gängigen Geschmacksgrenzen hinaus. Gleichzeitig lassen sich derartige Bilder bei der Analyse eines derartig abgründigen Vorgangs jedoch nicht vermeiden. Man muss sich in die Situation hineinzuversetzen.

Steile These: Lebensretter Zyklon-B

Meine Schlussfolgerung aus dieser Analyse fällt dabei noch einmal eine ganze eine Ecke schräger aus als das Durchspielen der gegebenen Alternativen. Sie gefällt mir selbst nicht, allerdings komme ich jedes Mal zu dem selben Schluss, wenn ich den konkreten Prozess der Judenvernichtung durchdenke. Dieser besteht darin, dass ein Vernichtungssystem ohne Zyklon-B zu wesentlich mehr Toten geführt hätte, als es damals mit der Verwendung des Giftstoffs der Fall war. In Ableitung daraus sieht es für mich ganz danach aus, als wurde mit dem Einsatz von Zyklon-B sehr vielen Insassen der Vernichtungslager das Leben gerettet, die mit Hilfe anderer Tötungsmethoden sehr wahrscheinlich ebenfalls umgebracht worden wären.

Mit dieser Feststellung ergibt sich das nächste Problem, da den Verantwortlichen die sich aus Zyklon-B ergebenden Umständlichkeiten damals bewusst gewesen sein muss. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei der Judenvernichtung um eine Operation handelte, in deren Rahmen innerhalb von drei Jahren quer über Europa verteilt circa sechs Millionen Menschen ermordet wurden. Das sind durchschnittlich 6.000 pro Tag. Von diesen starben viele sicherlich aus anderen Gründen. Doch selbst wenn es nur ein Zehntel war, das mit Hilfe von Zyklon-B ermordet wurde, muss dennoch eine ganze Kompanie alleine für die Bereitstellung des Giftstoffs abgestellt worden sein. Das ist eine Menge Personal. Trotzdem und trotz aller sonstiger Sachzwänge hat die Führungselite dennoch darauf bestanden.

Wie oben erwähnt gibt es einige Erklärungsansätze, warum auf Zyklon-B zurückgegriffen wurde. In meinen Augen sind diese jedoch allesamt entweder schwach oder widersprüchlich. Einzig das psychologische Argument mit der Sauberkeit hat eine gewisse Stärke, da wie in jedem höheren Apparat zwar vermutlich auch bei der NSDAP die Psychopathen überwogen, der Selektionsprozess mit einer Generation jedoch viel zu kurz wirkte, als dass ein geschlossenes Psychopathensystem entstehen konnte, wie es heute beispielsweise bei der Kommunistischen Partei Chinas vorzufinden ist. Ein vermutlich unbewusster Wille zur mentalen Entlastung von der Wahnsinnstat muss innerhalb des Apparats stets bestanden haben.

Warum wurde Zyklon-B trotzdem eingesetzt?

Mehrere Möglichkeiten sehe ich, warum es trotz der Gegenargumente dennoch zur Verwendung von Zyklon-B kam. Die erste Möglichkeit wäre, dass es in der Hierarchie aus welchen Gründen auch immer zu einer Fehlerkette kam, an deren Ende die Entscheidung für die Verwendung von Zyklon-B gefällt wurde. Entweder kann dies auf mangelnden Informationen oder Fehlinformationen beruht haben, was auf Inkompetenz an den entscheidenden Schnittstellen hindeuten würde. Unmöglich ist das nicht, die SS allerdings war eine elitäre Organisation, deren Karrierekader einer rigorosen Auswahl ausgesetzt wurden. Es bleibt daher eher unwahrscheinlich, was auch für mögliche Fehlinterpretationen gilt, da derartige Entscheidungen selten nur durch eine Hand gehen und das Giftgas über mehrere Jahre zum Einsatz kam.

Zweite Möglichkeit sehe ich in einer Überproduktion mit oder ohne Korruption. Die SS oder der Hersteller könnten zu viel der ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzten Zyklon-B auf Lager gehabt haben. Der Beschluss zur Verwendung der Substanz als Giftgas wäre in diesem Fall gegenüber anderen Mordmöglichkeiten getroffen worden, um die Überbestände abzubauen, bevor beispielsweise die Haltbarkeit der Dosen überschritten wird. Eine andere Möglichkeit in dieser Hinsicht könnte auch Korruption gewesen sein, wonach jemand in der Industrie das Produkt loswerden wollte und mit Hilfe von etwas monetärem Schmiermittel und dem Versprechen der Wirksamkeit auch gegenüber „zweibeinigen Schädlingen“ in der SS einen gut zahlenden Abnehmer fand. Unmöglich ist auch diese Variante nicht, allerdings wäre auch hier die Frage, ob es auf der Entscheiderebene hätte auffallen müssen, dass die Verwendung von Zyklon-B den gesamten Prozess verteuern und verkomplizieren würde.

Die dritte Möglichkeit schließlich ist eine, die genauso absurd klingt wie die Spekulation, wonach die Massenmordmaschine der SS ohne Zyklon-B sehr viel mehr Tote produziert hätte. Es geht darum, dass einzelne oder vielleicht auch nur eine einzige Figur weit oben in der Hierarchie ganz bewusst Zyklon-B in das Bewusstsein der Verantwortlichen gebracht haben könnte, damit möglichst viele KZ-Insassen den absehbar verlorenen Krieg überleben würden. Der Hebel wäre in diesem Fall vor allem über die Psychologie gelaufen, eventuell war auch Korruption im Spiel, oder auch einfach nur die Autorität eines uneinsichtigen Vorgesetzten, der gegen jeden Einwand auf eine „saubere“ Endlösung bestand. Ich kann nicht beurteilen, wie wahrscheinlich diese Version im Vergleich mit den anderen ist, würde sie aufgrund der Umstände aber nicht als die unwahrscheinlichste einstufen.

Am Ende bleibt nur Albert Speer

Lässt man sich auf das Gedankenspiel mit dem Zyklon-B als Hemmschuh im Vernichtungszirkus ein, dann gilt es nach potenziellen Verantwortlichen zu suchen, die dazu in der Lage gewesen wären, diese Idee in die Köpfe der entscheidenden und in verantwortlicher Position ausführenden Ideologen einzupflanzen. Es gibt einige Eigenschaften, die diese Person auf sich vereinen müsste, um in Anbetracht der größeren Umstände überhaupt zu etwas derartigem in der Lage zu sein.

Infrage käme jeder, der einen direkten Zugang zu den höchsten Kreisen der Naziherrschaft genoss und gleichzeitig die Weitsicht und einen tiefen Einblick in die wirkliche Kriegslage ab 1942 hatte, als mit dem umfassenden Einsatz von Zyklon-B begonnen wurde. Ebenso muss diese Person weiterhin über die Fähigkeit zu moralischen Zweifeln verfügt haben, was bedeutet, dass derjenige (oder diejenige?) kaum an Kampfhandlungen oder frühen Gräueltaten beteiligt gewesen sein konnte, da dies genauso zu einer Gefühlskälte gegenüber Opfern führt, wie etwa auch das hautnahe Miterleben von Bombardierungen deutscher Städte. Nicht zuletzt musste diese Person auch über erstklassige Kontakte in die Industrie verfügt haben oder um Wissen, wie sich Prozesse optimieren oder wie in diesem Fall unmerklich sabotieren lassen.

Eva Braun war es wohl eher nicht, so viel ist sicher. Am Ende des Trichters bleibt für mich vielmehr nur Hitlers Architekt Albert Speer übrig. Er pflegte bis zum bitteren Ende einen intensiven Kontakt zu Hitler und war per Du mit quasi allen Beteiligten des Regimes. Als eine Art künstlerischer Berater von Hitler genoss er im Unterschied zu allen anderen überdies einen quasi gänzlich unpolitischen Zugang zu ihm, was ihm gegenüber allen einen Vorteil verschaffe. Hinzu kam ab 1942 eine dezidiert kriegspolitische Komponente in Speers Rolle, als er zum Minister für die Kriegswirtschaft ernannt wurde. In dieser Funktion standen Speer buchstäblich alle Türen offen. Vermutlich war er damals in der Lage, mit nur einem Telefonat festzustellen, an welchen Orten gerade wie viele Kisten Zyklon-B gelagert wurden.

Kein Strick, sondern 20 Jahre Haft

Obwohl Speer zutiefst in das Regime verstrickt war, wurde er in Nürnberg im Unterschied zu fast allen anderen aus der Führungselite der Nazis nicht zum Tode verurteilt. Vielmehr konnte er das Gericht trotz seines Umgangs mit der obersten Führungsebene und seiner Verantwortlichkeit für die Kriegswirtschaft davon überzeugen, dass er nichts von den Todeszügen und der systematischen Menschenvernichtung gewusst zu haben. In Anbetracht dessen, dass sich die deutsche Vernichtungsindustrie in fundamentaler Weise von den kommunistischen davor und danach in der Weise unterschied, als dass nicht einfach nur wahllos getötet wurde, sondern ein komplexes material- und personalintensives Unternehmen dafür aufgebaut wurde, das mit Priorität einen signifikanten Teil der Kriegswirtschaft belegte, klingen die Beteuerungen durch Speer kaum glaubwürdig. Speer war ein kompetenter Wirtschaftsminister und als solcher musste er auch über den Bedarf und die Prioritäten der für die Ausführung des Holocaust verantwortlichen SS gewusst haben.

Dennoch bekam Speer nur 20 Jahre für seine nicht gerade insignifikante Beteiligung an der Naziherrschaft und wird von manchen sogar als der einzige „gute Nazi“ hingestellt, der sich von jeglichem Grauen um ihn herum freihalten konnte. Kurz vor dem Ende soll Speer nach eigenen Angaben beispielsweise auch versucht haben, Hitler von seinem Nerobefehl zur Zerstörung der Infrastruktur in Deutschland abzubringen. Die Frage ist, ob das wirklich so stimmte, wie er es darstellte, oder aber ob er damit nach außen hin lediglich seine vernunftbasierte Einsicht unterstreichen wollte, um von etwas anderem abzulenken, das ihn vor dem eigentlich verdienten Strick rettete, und was den Siegermächten intern zwar vielleicht bekannt war, aber als Geheimnis bewahrt wurde.

Über die wahren Gründe für die Verwendung von Zyklon-B wird wohl nie Sicherheit herrschen können. Selbiges gilt für die Verantwortlichen und ihre individuelle Motivation dahinter, sei es bei der Entscheidung für die Verwendung des Giftgases oder gegen den Einspruch zu dessen Verwendung. Zumindest die allgemeine Öffentlichkeit wird noch sehr lange auf die Wahrheit darüber warten müssen und ob es tatsächlich Speer war, der sich damit vor dem verdienten Todesurteil retten konnte. Sollte es so gewesen sein, dann werden wir selbstverständlich ebenso lange auf die Begründung dafür warten müssen, warum der Sachverhalt überhaupt zum Geheimnis erklärt wurden, oder ob es sich am Ende dann doch ganz anders verhielt. Eines aber erachte ich als (fast) sicher: Ohne Zyklon-B wäre der Zählerstand für das industrielle Morden in den Lagern bei Kriegsende weit höher zum stehen gekommen. Besser macht es die ganze Angelegenheit allerdings nicht wirklich.

Quelle Titelbild

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