Warum Japan nur zusammen mit den USA Taiwan schützen will

Warum Japan nur zusammen mit den USA Taiwan schützen will

Japans stellvertretender Regierungschef Taro Aso hat gerade öffentlich darüber gesprochen, dass Japan gemeinsam mit den USA eingreifen könnte, falls Peking ernst macht und sich das de facto unabhängige Taiwan einverleibt. Das ist eine eindeutige Antwort an Xi Jjinping, der vor wenigen Tagen unter dem Jubel der Westpresse das hundertjährige Bestehen seiner KP feiern ließ und dabei den Herrschaftsanspruch über Taiwan bekräftigte. Per Krieg soll China vereint werden, wobei Beobachter meinen, dass die Volksbefreiungsarmee PLA ab circa 2025 fähig sein soll, eine solche Operation durchzuführen. Die große Frage ist, wie ernst es Japan meinen könnte, was geschehen müsste, oder ob es doch nur ein Bluff war.

Taiwan braucht die Bombe

Bedenkt man die Unterschiede beim Umgang mit Ländern, die über ein Atomwaffenarsenal verfügen verglichen mit jenen, die darauf verzichten, dann gibt es für Taiwan nur eine Möglichkeit, ex ultimo die Unabhängigkeit zu bewahren. Sie brauchen mindestens zwei Dutzend Atomwaffen und zwar in Verbindung mit Raketensystemen, die in der Lage sind, den 1.000 Kilometer entfernten Dreischluchtendamm zu erreichen.

Das wäre das langfristig einzige Drohpotenzial, das den Planern in Peking ein Stirnrunzeln bescheren würde. Alles andere sind effektiv nur leere Worte. Insbesondere das Versagen der USA gegenüber den Philippinen in der Frage um Seerechte im Südchinesischen Meer zeigt, wie wenig Taiwan auf militärische Hilfsversprechen bauen kann. Die Aussichten auf die Einhaltung eines Bündnisversprechens werden immer unter der Kuratel der nächsten Wahl in den USA stehen und der Frage, wie das Umfeld des nächsten Präsidenten dazu steht.

In Anbetracht der größeren Umstände im Bereich der US-Bündnispolitik in Verbindung mit den Begrenzungen Japans in militärischer Hinsicht, wäre ein japanisches Garantieversprechen jedoch unmöglich oder eventuell sogar ein Selbstmord, falls die USA nicht fest dahinter stehen. Daher kann Japan nur gemeinsam mit den USA eine Garantie geben, wie es Aso auch getan hat. Dies führt zu dem Problem für beide Parteien, die USA fundamental zu binden, was nur bedingt möglich ist.

Für Taiwan wie auch Japan (und vor allem auch unter Ausfall der Philippinen infolge des Rückziehers der Obamaregierung) kann eine erfolgreiche Verteidigung der Insel letztlich prinzipiell nur dann erfolgreich sein, wenn vor Ort dauerhaft strategische Kernkomponenten existieren und diese umfassend unter deren Kontrolle stehen. Zuallererst betrifft dies Atomwaffen und deren Trägersysteme. Der Lackmustest für Taiwans Aussichten, auch künftig unabhängig zu bleiben besteht darin, ob das Land ein eigenes Arsenal aufbaut oder nicht. Falls sein, ist die Übernahme durch Rotchina gewiss.

Silicon Valley West

Die politische Rechte in den USA steht fest zu Taiwan. Dies lässt sich daran ablesen, dass sowohl das Establishment als auch wichtige Personen der Gegenkultur offen für die Verteidigung der Insel eintreten. Steve Bannon beispielsweise bezeichnete Taiwan kürzlich als das „Silicon Valley West“, da die Insel eine überragende Bedeutung für den Hardwarebereich der globalen Computerindustrie spielt.

Würden die Fähigkeiten Taiwans im Computerbereich in die Hände von Peking fallen, dann würde es erst einmal zappenduster werden, bis eigene Kapazitäten aufgebaut sind und der Rückstand gegenüber Taiwan aufgeholt ist. Doch selbst wenn die wichtigsten Kapazitäten rechtzeitig abgezogen werden könnten, würde es noch immer einige Jahre dauern, bis die Lücke wieder gefüllt ist. Das Beispiel des frühen Kalten Krieges, als die Industrie aus Böhmen und Sachsen in den Westen verlegt wurde, zeigt, dass etwas derartiges selbst unter Einsatz umfassender staatlicher Mittel und Methoden längere Zeit in Anspruch nimmt. In einer Industrie mit einem derart hohen Produktivitätsdurck wie der Hardwareindustrie ist dies gleichbedeutend mit der Pleite.

Taiwan hat damit ein ungeheuer potentes Mittel in der Hand, mit dem es die USA und vermutlich noch mehr das hochtechnisierte Japan „erpressen“ kann. Vermutlich müsste man in diese Liste auch Südkorea mit einbeziehen, jedoch hält sich das Land bei derartigen Angelegenheiten zurück, da es weiterhin umfassend mit Nordkorea beschäftigt ist. Eine Parteinahme des Landes könnte sehr schnell eskalieren, vor allem da China die hochgerüstete Steinzeitdiktatur problemlos mit modernen Waffensystemen beliefern könnte. Seoul wäre vermutlich das erste Opfer eines Krieges in Ostasien.

Signale und keine Signale

Wäre das gesamte politische Spektrum in den USA sensibilisiert gegenüber dem Schadenspotenzial, das ein Wegfall der taiwanesischen Hardwareindustrie zur Folge hätte, dann wäre die Verteidigung Taiwans keine Frage. Doch dem ist offenbar nicht so. Nicht wenige aus der oberen Etagen des US-Politzirkus lassen sich von Peking lieber auszahlen und lavieren in einer Weise herum, als hätten sie bereits ein Konto im chinesischen Sozialkreditsystem.

Würde Taiwan so zu sehr zu den USA gehören wie es Israel – in Anbetracht der Umstände wäre es angebracht – dann wäre die Rhetorik die kommunistische Staatsführung weniger aggressiv, die PLA würde sich nicht so intensiv auf eine Übernahme vorbereiten und regelmäßig in den taiwanesischen Luftraum eindringen, und auch die Obamaregierung hätte im Fall der Philippinen nicht einen derartigen Rückzieher gemacht. Vielmehr wäre die Situation als Signal genutzt worden, um der gesamten Region deutlich zu machen, wie sehr die USA zu ihren Zusagen in der Region stehen.

Die Gesamtsituation präsentiert sich in einer Weise, die in Bezug auf die Aussagen der japanischen Regierung auf zwei mögliche Szenarien hindeutet. Im ersten Szenario geht es alleine um einen taktischen Zeitgewinn. Japan weiß, dass die USA bei einer Invasion nicht helfen würden und die Insel daher fallen wird. Daher versucht die Regierung nun zumindest den Eindruck zu erwecken, dass eine größere Front gegen Rotchina stehen würde, falls das Land den Sprung wagen würde.

Neben dem in der Aussage verborgenen generellen Abschreckungspotenzial beinhaltet sie für Peking den Zwang, sich militärisch deutlich stärker und breiter aufzustellen, was den Termin für eine erfolgreiche Invasion weiter nach hinten schieben würde. Niemand weiß zwar, was in den Jahren ab 2035 geopolitisch der Fall sein wird, allerdings wäre eine Invasion für die Zeit davor abgewendet.

Zweites Szenario in Japans Kalkül könnte darin bestehen, dass es die Regierung durchaus ernst meint mit der militärischen Unterstützung Taiwans und zwar auch ohne die USA im Rücken. Dies wäre ein hochgefährliches Unterfangen, da Japan zwar technologisch deutlich vorne liegt und ein Meer zwischen den beiden Ländern liegt. Allerdings ist der Vorsprung nicht mehr groß genug, um eine 10:1 Übermacht ohne dramatische eigene Verluste abwehren zu können. Japan an der Seite Taiwans könnte tatsächlich auch fallen. Der Preis wäre für Peking so groß, dass sie diesen eventuell sogar haben wollen.

Der Gedanke hinter einem derartigen Risikokalkül Japans besteht darin, dass sich die USA nicht mehr heraushalten könnten. Sollte Japan gegen China in den Krieg ziehen, dann hätte keine Regierung in Washington mehr die Wahl mehr. Eine Neutralität wäre ausgeschlossen, der Krieg um ganz Ostasien müsste gegen die KP Chinas ausgefochten werden. Leider muss unbekannt bleiben, was die japanische Regierung genau mit den Aussagen verfolgt. Allerdings sollte einen beunruhigen, dass sie überhaupt gefallen sind. Immer dann, wenn eine derartige Andeutung öffentlich fällt, sind im Hintergrund bereits sehr viele Würfel in diese Richtung gefallen.

Weltweit multiple Krisenszenarien

China kann die Welt nicht aktiv erobern, das Land kann lediglich die Konkurrenz so weit schwächen, dass diese innerlich zu schwach sind, um China als Lückenfüller zu verhindern. Chinesische Planer wissen dies und berücksichtigen es in ihren Szenarien. Sollte die Eroberung Taiwans also in Pekings Liste mit Vorhaben ganz nach oben rücken, dann würden davor weltweit zahllose wirtschaftliche und politische Krisen ausbrechen, mit denen die USA und deren Verbündete beschäftigt werden. Hier einige Beispiele:

  • ein offener Krieg gegen Russland um die Ukraine
  • die Türkei aktiviert seine Eroberungspläne für Armenien und Griechenland
  • Krieg zwischen Indien und Pakistan
  • Krieg um das Nilwasser zwischen Ägypten, dem Sudan und Äthiopien
  • Gewalttätige Aufstände durch Separatisten (Jugoslawien, Äthiopien, Irak, Somalia, Syrien, Afghanistan, Nordirland, Transsylvanien, Moldau, Baskenland, Indonesien, Indien, Kongo, Mittelamerika etc; die Liste ist lang)
  • ein Aufflammen des islamischen Terrors in Arabien, Afrika, Europa und rund um Israel
  • Ölembargos durch wichtige arabische Länder (Iran, Katar) und Venezuela
  • Dauerangriffe auf kleinere Ziele durch „russische Hacker“, die den Wirtschaftskreislauf unter Stress setzen
  • „Unfälle“ in wichtigen Industrieanlagen (zB Raffinerien, Handelsrouten, Chemiekomplexe)
  • Politische Skandale, Wahlfälschungen und Polarisierung der Wahlbevölkerung
  • Flüchtlingswellen in Richtung der USA und US-Verbündeter
  • Flutung der Zielgesellschaften mit harten Drogen, evtl auch mit Falschgeld

Es gäbe mit Sicherheit noch einige weitere Druckpunkte, die sich mit relativ wenig Aufwand seitens chinesischer Geheimdienste aktivieren ließen. Mehr als eine Milliarde Dollar an monatlichem Budget plus umfassende Zugriffsmöglichkeiten auf chinesische Auslandspotenziale bräuchte es wohl nicht, um den Planeten in das ultimative Chaos zu stürzen.

Die USA als bedeutendster globaler Spieler wären dadurch in einer Weise beschäftigt und belastet, dass die erfolgreiche Abwehr einer Invasion Taiwans wohl nicht mehr möglich wäre. Dank der NATO und anderer Verteidigungsbündnisse ließe sich die Kriegsführung in Teilen zwar externalisieren, jedoch ist abhängig von den Kriegsgebieten fraglich, ob Taiwan auf der Prioritätenliste noch immer ganz oben stünde.

Mit einem Dutzend Flugzeugträgern und zwei Kriegen, die das US-Militär gleichzeitig führen kann, kann in einem außer Kontrolle geratenen globalen Krisenszenario würde die Macht der USA zwangsläufig überstreckt werden. Sollte Peking dann noch Nordkorea zu einem Angriff auf Südkorea anreizen, dann wäre es wohl sehr schnell vorbei mit der US-Hegemonie über Ostasien.

Es verwundert daher keineswegs, wenn chinesische Planer als Parole ausgeben, die USA unter keinen Umständen zu einem Krieg zu reizen. Erst müssen alle Vorbereitungen stehen und dann kann zur Welteroberung mit dem Zwischenschritt Taiwan angesetzt werden.

Für Taiwan heißt es: Tertiam non datur

Im Grunde genommen müsste Taiwan noch heute eine Invastion des Festlandes beginnen. Mit einem gut getakteten Überraschungsangriff wäre ein erfolgreiches Überrennen der gegenüberliegenden Provinz Fujan nicht unmöglich. Gleich zu Beginn sämtliche KP-Mitglieder der Provinz exekutiert werden und nachfolgend müsste die Provinz dann so lange gehalten werden, wie es möglich ist, ohne die Hauptinsel unmittelbar zu gefährden. In Anbetracht der bergigen Region ist das für eine Weile zumindest nicht undenkbar. Taiwan müsste Fujan für die PLA in ein Afghanistan verwandeln, in dem jeder Einwohner der PLA selbst nach einem Rückzug Taiwans mit einer eigenen AK47 und reichlich anderen militärischen Mitteln entgegentreten könnte.

Eine derartig blutige Kampagne wäre nicht unmöglich und sie würde absehbar wohl auch Pekings Herrschaftsträumen über Taiwan ein Ende bereiten. Doch es wäre auch ein Plan, der zu verrückt ist, als dass er ernsthaft erwogen werden könnte.

Damit bleiben Taiwan exakt zwei Möglichkeiten für den Umgang mit der Gefahr vom Festland:

  1. Die Entwicklung eigener Atomwaffen inklusive Trägersystem
  2. Das Einleiten von Kapitulationsverhandlungen mit Peking

Genau das hat Taro Aso den politisch Verantwortlichen in den USA und Taipeh mitgeteilt, als er öffentlich eine Bündnisverpflichtung gegenüber Taiwan durch Japan und den USA ins Gespräch brachte. Taiwan selbst scheint sich zumindest teilweise Variante 1 vorbereitet zu haben. Den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnete das Land zwar, ratifiziert wurde er von Taipeh allerdings nicht.

Quelle Titelbild

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