Warum Gelddrucken alternativlos ist

Warum Gelddrucken alternativlos ist

Es gibt zahlreiche Argumente, die gegen das Drucken von Geld durch die Zentralbank sprechen. Sie sind so allgegenwärtig im Bewusstsein des bürgerlichen und liberalen Denkens, dass jedem spontan mindestens drei Punkte einfallen würden, von denen jeder einzelne mit zehnägelumbiegenden Konsequenzen verbunden ist. Doch es gibt auch mindestens ein triftiges Argument, welches das Nachdrucken von Geld in einer Krise zwingend macht. Es ist kein gutes, so viel ist sicher, jedoch gibt es quasi keinen Weg daran vorbei, wenn man den unmittelbaren Absturz vermeiden möchte.

Inflation eigentlich eine Sache für Reiche

Eine der wichtigsten Vehikel der geldpolitischen Konjunkturhilfe in jüngerer Zeit besteht im Schaffen von Anreizen, das gehortete Geld auszugeben. Effizient allokiert werden die Geldreserven nicht, wenn man sie mit einem Negativzins belegt und gleichzeitig die großen Geldnoten abschafft, um die physische Tresorhaltung zu verteuern. Doch das Geld muss ausgegeben werden, da es mehr kostet es zu behalten, und so findet das Geld seinen Weg in den Wirtschaftskreislauf. Mindestens auf dem Papier trägt dieses unfreiwillig ausgegebene Geld zur Schaffung von wirtschaftlichem Wohlstand bei.

Die Nebenwirkungen dieser Maßnahme sind massiv. Neben der Verzerrung von Marktpreisen und dem Risiko einer Blasenbildung vor allem im Immobiliensektor verlieren die Barguthaben von Kleinsparern systematisch an Wert. Langfristig führt das Gelddrucken damit zu Armut und zwar insbesondere bei jenen, die eigentlich alles richtig machen, sich finanziell (oder hinsichtlich ihrer finanziellen Bildung) jedoch auf einem zu niedrigen Niveau befinden, um sich dagegen absichern zu können.

Diese Nebenwirkung wäre im Grunde gar nicht nötig, wie auch das Drucken von Geld als Anreiz für das Ausgeben von großen Barvermögen keine Notwendigkeit wäre. Der Grund dafür liegt darin, dass die Zahl der Menschen mit einem nennenswerten Barguthaben extrem klein ist. Für (sehr) Wohlhabende gilt, dass sie selten mehr als 15% ihres Vermögens in liquiden Mitteln vorhalten. Hinzu kommt bei diesen die Diversifikation in mehrere Währungen, so dass selbst Privatiers mit Zehn Millionen Euro im Portfolio kaum mehr als eine halbe Millionen Euro auf dem Sparbuch liegen haben. Eine solche Summe ist zwar einiges, doch sie verblasst im Verhältnis zur Geldmenge M1 in Höhe von derzeit über 10 Billionen Euro als jener Summe, die in der Eurozone auf Sparbüchern, in der Portokasse oder unter dem Kopfkissen liegen.

Geldpolitisch interessant sind lediglich größere Summen, die mindestens im siebenstelligen Bereich liegen. Kaum jemand hat so viel auf der hohen Kante liegen, wobei die große Mehrheit der Personen mit einem solchen Barguthaben keine natürlichen Personen sind, sondern juristische. Genau genommen sind es Großunternehmen, darunter vor allem Versicherungen und Banken, aber auch Konzerne im realwirtschaftlichen Bereich, sowie einige große Behörden. Vor mittlerweile 10 Jahren beispielsweise wurde über Siemens berichtet, wie das Unternehmen aufgrund der damaligen Unsicherheiten am Kapitalmarkt über den Kniff einer eigenen Bank zwischen 4 und 6 Milliarden Euro bei der EZB parkte.

Institutionen in der Größe von Siemens gibt es nicht allzu viele. In Deutschland gibt es vielleicht 100 davon, im Euroraum vermutlich das Vierfache dessen. Wollte die Regierung (oder auch die Zentralbank) dafür sorgen, dass diese liquiden Mittel abgebaut werden, damit sie in den Wirtschaftskreislauf gelangen und dort die Konjunktur beflügeln, sie müsste nicht mehr als 100 bzw. 400 Anrufe tätigen und die Angerufenen mit der Drohung einer Steuererhöhung oder vielleicht eines Besuchs der Steuerfahndung darum bitten, einige Prozent des entzogenen Geldes da zu investieren, wo es gerade am nötigsten ist. Eventuell böte sich zusätzlich als Zuckerbrot die ein oder andere Steuergutschrift an, um nicht nur die Peitsche schwingen zu müssen. Die meisten Konzernleitungen sind vernünftig genug, um dem folge zu leisten. Das Senken der Zinsen wäre also nicht nötig und doch wird es getan.

Private Pensionskassen würden hops gehen

Einer der wichtigen Gründe, warum trotz dieser eigentlich intuitiven Lösung des Problems selbst die wenigen Vernünftigen im politischen Zirkus meist nur mit angezogener Handbremse vor dem Drucken von Geld warnen, liegt an den Systemen zur privaten Altersvorsorge. Dieser Aspekt bleibt von der Debatte um den Sinn und Zweck von Zentralbanken genauso ausgespart, wie der oben beschriebene Winkelzug über einen simplen Anruf bei jenen, die den Unterschied machen könnten. Jedenfalls ist mir in den vielen Jahren, in denen ich die Debatte über das Thema verfolge nie etwas in diese Richtung über den Weg gelaufen.

Das Problem mit der privaten Altersvorsorge im Zusammenhang mit dem Ausbleiben von frischem Geld – das in den USA übrigens noch einmal erheblich stärker ausgeprägt ist – zeigt genau dann, wenn man sich einen massiven Konjunktureinbruch vorstellt, auf den es nicht zu geldpolitischen Maßnahmen kommt. Unter Ausblendung möglicher Bankenprobleme würden die Großunternehmen durch die Bank sofort einen Gewinneinbruch erleben. Das selbst muss nicht deren Ende bedeuten, jedoch bedeutet es auch, dass entweder die Dividende geringer ausfallen muss, oder aber das Unternehmen muss sich selbst liquidieren, oder neue Kredite aufnehmen.

Entschiede sich das Unternehmen aufgrund eines unerwarteten Minus im Jahresabschluss zu einer rabiaten Kürzung der Dividende, dann bekämen die vielen Pensionskassen und privaten Versicherungsanbieter kein Geld, das sie ihren Kunden auszahlen könnten. Die Wirtschaft könnte über den obigen Trick zwar wieder zum Laufen gebracht werden, allerdings würde das den vielen Rentnern kaum weiterhelfen, die fest auf die Zuverlässigkeit der Zahlungen gebaut haben. Alternativ könnten die Unternehmen auch damit beginnen, sich selbst zu verzehren und Unternehmensanteile zu veräußern. Kurzfristig würde dies funktionieren, jedoch würde das Unternehmen bei einer solchen Teilliquidierung dauerhaft an Wert verlieren. Die Folge wäre, dass in den Folgejahren nicht mehr die übliche Dividende geleistet werden kann und die Rentner ebenso leiden.

Als dritte Möglichkeit gäbe es noch die Aufnahme von Krediten, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf decken zu können. Dies wird teilweise sogar gemacht, wobei an dieser Stelle das Kalkül der Zentralbank hineinspielt. Für sie macht es keinen Unterschied, ob sich einzelne Unternehmen unplanmäßig verschulden, deswegen später möglicherweise Probleme bekommen und daher bei den Zinszahlungen unterstützt werden müssen. Oder ob sich die Volkswirtschaft als ganzes verschuldet, dafür etwas gleichmäßiger verteilt, und ohne dass man es auf dem Finanzmarkt unmittelbar bemerkt.

Die Wahl zwischen diesen Möglichkeiten ist aus der Perspektive der Zentralbank eine einfache. Je indirekter, umfassender und unmerklicher ihr Eingreifen in das System wirkt, desto vorteilhafter ist dies in Bezug auf die Systemstabilität insgesamt. Würden die Unternehmen ihre Bilanz mit Fremdkapital fluten, dann wäre das Ergebnis am Ende sehr wahrscheinlich das selbe, nur dass ihre Produktivität dazu noch leiden würde, da der Umsatz nicht zur weiteren Unternehmensentwicklung eingesetzt werden können, sondern als Fixkosten an die Kreditgeber fließen muss. Die Regierung und im Hintergrund die Zentralbank müssten in letzterem Fall am Ende ohnehin sehr wahrscheinlich eingreifen – und zwar mit erheblich hässlicheren Folgeproblemen für die Zuversicht in das System – ohne aber, dass es im Ergebnis besser aussähe.

Catch22-hoch-X

Die zwangsweise Rettung der privaten Pensionen – die nebenbei bemerkt keineswegs ein Randphänomen weniger Reicher sind, sondern mit 30% weite Teile selbst der finanziell-nicht-so-affinen Deutschen umfasst – durch das frische Nachdrucken von Geld durch die Zentralbank stellt einen Widerspruch dar. Denn mit dem kurzfristigen Fluten der Finanzmärkte mit Geld mag zwar die aktuelle Dividende gerettet werden, allerdings senkt sich dadurch das allgemeine Zinsniveau, was insbesondere Versicherungen zu schaffen macht. Werfen die von ihnen gehaltenen Anleihen nicht mehr genug sichere Zinsen ab, dann müssen höhere Risiken gefahren werden, was langfristig immer schief geht, oder das Niveau der gezahlten Renten muss sinken, was die Kundschaft vertreibt.

Wie man es dreht und wendet, lässt sich fast mit Sicherheit schließen, dass Versicherungen in einem Regime mit einer Zentralbank, die das dauerhafte Nachdrucken von Geld für notwendig hält, kaum langfristige Überlebenschancen haben. Als Trost lässt es sich leider jedoch kaum bezeichnen, dass nicht nur Kleinsparer alles verlieren, sondern auch jene, die sich eine zusätzliche private Absicherung leisten können. Die einzige Lösung aus dem Dilemma heraus besteht in der Sanierung der öffentlichen Haushalte, infolge derer der Staat eine gewisse Robustheit gegenüber externen Schocks erlangt. Ist dies gegeben, kann auch auf unerwartete Krisen in finanzieller Hinsicht besser reagiert werden.

Daher hört man von den wenigen Finanzpolitikern mit Rückgrat und Grips auch sehr oft, dass die Kassen saniert werden müssen und nur in seltenen Ausnahmen, dass eine spezifische Gelddruckmaßnahme umgehend eingestellt werden muss. Denn die meisten davon sind es wahrscheinlich nicht, aber hin und wieder ist vermutlich eine dabei, ohne bei 30% aller Rentner der nächste Monat sehr kalt ausfallen könnte. Das will niemand, der noch bei Verstand ist. Ich vermute auch, dass es der Haken ist, mit dem viele eigentlich gute Leute innerhalb des Systems gefangen und zu jenen Drohnen umgebaut werden, die bereitwillig auch jenen Teil der geldpolitischen Abartigkeiten zulassen, die am Ende zu nichts anderem taugen als noch mehr Korruption und dem Verbrennen unseres hart erwirtschafteten Wohlstandes.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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