Feudalismus ante portas: Werden ESG-Ratings zu einer ideologisch motivierten Personalpolitik führen?

Feudalismus ante portas: Werden ESG-Ratings zu einer ideologisch motivierten Personalpolitik führen?

Auf meinen Beitrag über den Atomstromhändler, der kein Bankkonto mehr bekommt, hat mir ein Leser geschrieben, der sich fragt, ob ESG-Ratings nicht irgendwann auch zu einer ideologisch motivierten Personalpolitik führen könnten. Im Grunde genommen ist das mit der Forderung nach Genderquoten für Führungspositionen heute schon der Fall, doch er fürchtet, dass der Zwang zum Wohlverhalten für Unternehmen irgendwann auch auf die Mitarbeiter ausgedehnt werden könnte. Denn wer die falsche Meinung hat oder sich gar öffentlich für die falsche Sache einsetzt, der schädigt den Ruf seiner Firma nicht weniger wie ein Kunde, der inopportune Produkte vertreibt. Falls das so kommen sollte, da gebe ich dem Leser recht, wäre das nichts anderes als Feudalismus.

Ein Szenario…

Nehmen wir einmal an, ein Bankmitarbeiter ist begeisterter Jäger. Er besitzt legal mehrere Schusswaffen, mit denen er sich in seiner Freizeit regelmäßig auf dem Jägerstand auf die Lauer legt. Da er viel Erfahrung darin hat, tritt er auch für den Schützensport ein und ist Vorstand sowohl im örtlichen Jagdverein als auch im Schützenverein. Seine Trophäen- und Waffensammlung ist groß und er zeigt sie gerne in den Sozialen Medien herum, wo er auch aktiv für sein Hobby wirbt und es genauso gegen unberechtigte Vorwürfe verteidigt.

Diese Vorwürfe umfassen die Kontroverse, wonach Schusswaffen an sich gefährlich seien und daher verboten werden sollten, das Jagen von Tieren als empfindsamen Wesen, was unmoralisch sei und als konkreter Programmpunkt die Verwendung von Bleimunition, die auch dann gefährlich für Wildtiere sei, wenn der Jäger daneben schießt.

Für den Bankmitarbeiter sind die Vorwürfe unbegründet und so tritt er unter seinem Echtnamen regelmäßig in der digitalen Öffentlichkeit in Erscheinung, um seine Meinungsgegner in Debatten vom Gegenteil zu überzeugen. Da er auch ein geschickter Vereinsmeier ist, schafft er es überdies, überregional seine Jagd- und Schützenfreunde zu vernetzen und baut eine veritable Front gegen das Ende politische Ende seiner Freizeitbeschäftigungen auf.

Was, wenn man den falschen quer kommt?

Der Link über die Bleimunition führt zum WWF, einer sehr einflussreichen Umweltorganisation mit Kontakten bis in höchste Kreise und sehr viel Erfahrung in wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Dort sieht man, wie der Bankmitarbeiter immer weiter an Boden gewinnt, allerdings findet sich kein Hebel dagegen, nicht inhaltlich und auch nicht über seine Person. Weder weist die Biografie des Bankmitarbeiters Schwachstellen auf, noch hegt er irgendwelche genuin „rechten“ Ansichten, die sich ausnutzen ließen. Er strahlt einfach nur jene biedere Zuverlässigkeit aus, dem Bankmitarbeiter in ihrem Vorurteil entsprechen.

Mit ESG-Ratings wurde für NGOs wie den WWF allerdings ein neuer Mechanismus geschaffen, der sich ausnutzen lässt, um unliebsame Unternehmen wie den Atomstromhändler, aber eben auch Einzelpersonen wie den Bankmitarbeiter zu neutralisieren. Der Hebel zu seiner wirtschaftlichen Vernichtung wird dabei an seinen Vereinen angesetzt. Denn diese verfügen selbstverständlich alle über ein Konto bei der Bank des Bankmitarbeiters. Diese Information lässt sich aus öffentlichen Informationen recherchieren, oder im Zweifel über einen Anruf mit der Bitte um Auskunft, wo die Spende hingeschickt werden soll.

Ist diese Information bestätigt, werden im nächsten Schritt alle wichtigen ESG-Ratingagenturen angeschrieben mit dem Hinweis, dass sich in der Kundenliste der Bank Vereine mit „kontroversem“ Vereinszweck befinden, die überdies grundlos die Umwelt verschmutzen. Letzteres deswegen, da es bekanntlich bleifreie Munition gibt, diese von den Vereinsmitgliedern aber nicht verwendet wird, weil es noch kein allgemeines Gesetz dagegen gibt. Ideal eignet sich zum Nachweis eine Debatte im Internet, in deren Verlauf der Bankmitarbeiter zur Aussage gebracht wird, dass er „selbstverständlich weiterhin Bleimunition verwendet, so lange sie nicht verboten ist“.

Entscheidungstrichter mit Endstation Entlassung

Den kontaktierten Agenturen wird dadurch keine andere Wahl, als das ESG-Rating der Vereinshausbank mit einem Malus zu versehen und sämtlichen anderen Banken mitzuteilen, dass ab sofort alle Jagd- und Schützenvereine auf dem Index stehen, aber selbstverständlich nur so lange, „bis deren spezifischen Probleme ausgeräumt sind“. Da es bei der Refinanzierung des Bankkapitals auf jedes Hundertstel ankommt und die EZB wegen des neuen ESG-Ratings eine Verteuerung der Konditionen androht, bleibt der Bank keine andere Wahl, als den beiden Vereinen das Konto zu kündigen. Gleichzeitig bekommen die Vereine bei keiner anderen Bank ein neues Konto, wie es auch dem Atomstromhändler geschehen ist.

Der Bankmitarbeiter ist natürlich zornig und versteht die Welt nicht mehr. Nach so vielen Jahren treuer Dienste als Mitarbeiter und integrer Schatzmeisterei mit einer niedrigen 6-stelligen Summe an Spareinlagen bei der Bank, kann es einfach nicht sein, dass eine ätherische Nichtigkeit – gar eine inhaltlich unbegründete – alles wegwischt. Dennoch akzeptiert er, gibt aber dennoch nicht auf und bietet sich den Vereinsmitgliedern als persönlich haftender Schatzmeister an, der das Geld der Vereine über sein Privatkonto laufen lässt.

Die Bank bekommt das natürlich mit und bezeichnet die Handlung als „geschäftsschädigend“, weswegen der Bankmitarbeiter eine Abmahnung erhält. Schlimmer noch, werden die Protokolle der Vereinssitzung öffentlich, woraufhin auch der WWF, die ESG-Ratingagenturen und die EZB davon erfahren. Als Strafe für diese Verfehlung, den Mitarbeiter in unwirksamer Weise gemaßregelt zu haben, während die beiden Vereine weiterhin Kunden bei der Bank sein konnten, wird das ESG-Rating vorübergehend herabgestuft und die EZB verteuert den gerade angefragten Zentralbankkredit von 50 Millionen Euro um 0,2%, was die Bank 100.000 Euro kostet.

Für die Bank ist das ein herber Schlag und frisst einen Gutteil des Quartalsgewinns auf. Sämtliche Boni für die Führungskräfte der Filiale sind gestrichen und es müssen zahlreiche Überstunden geleistet werden, da sämtliche in der Mache befindlichen Kreditlinien überarbeitet werden müssen. Die Verärgerung über den Mitarbeiter ist so groß, dass ihm ein weiteres Mal ein geschäftsschädigendes Verhalten vorgeworfen wird, das in seiner Konsequenz so schwerwiegend ist, dass ihm sowohl als Kunde, wie auch als Mitarbeiter gekündigt wird. Der Bankmitarbeiter, der als Kunde und Mitarbeiter nun auch für alle anderen Banken ein rotes Tuch darstellt, steht vor dem persönlichen Ruin.

Per rationaler Perfidie zum neuen Feudalismus

Das Szenario mit dem Bankmitarbeiter war sehr spezifisch und ich habe es bewusst ganz zu Ende durchgespielt, um zu zeigen, wie ein solcher Prozess für die Angreifer immer erfolgreich enden wird. Die Bedingung dafür lautet, dass Geld im Spiel sein muss und sich die als Hebel dienende Institution aus wirtschaftlichen Gründen nicht dagegen wehren kann, während der Angegriffene rational handeln muss. Damit ESG-Ratings als Waffe verwendet werden können, und das ist das perfide daran, müssen die Angegriffenen rational handeln. Sie handeln also nicht nur legal, sondern auch so, wie man es sollte.

Mit der Installation von ESG-Ratings gelang es Ideologen, ein Gefangenendilemma in unserem Institutionenapparat einzubauen, das in der Lage ist, jeden Dissens über den Hebel der wirtschaftlichen Existenzvernichtung zu erdrosseln. Alles, was es für die Umsetzung auch in der Privatwirtschaft benötigt (im staatlichen Sektor steht das System sehr wahrscheinlich bereits), ist ein Präzedenzfall mit einer Handlungslogik, die in etwa jener meines Beispiels mit dem Bankmitarbeiter folgt.

Sobald dies geschehen ist, steht das Tor dann sperrangelweit offen. Letztlich lässt sich auch nie mit letztinstanzlicher Sicherheit sagen, ob ein Mitarbeiter seine inopportune Haltung in oder außerhalb seiner Arbeitszeit ausgedrückt hat, oder gar Firmenressourcen dafür verwendet hat (gar deren Reichweite und Ruf!). Alles ist möglich und daher werden früher oder später auch sämtliche bestehenden Schutzmechanismen zu reinen Papierparagraphen degradiert werden. Die Gerichte wiederum (nicht zu sprechen von den Gewerkschaften) werden sich in verhandelten Fällen sehr wahrscheinlich nicht auf die Seite der Täter stellen. Wenn zwischen der finanziellen Schädigung über die Herabstufung der ESG-Ratings und der zugrundeliegenden Handlung des Mitarbeiters eine derart unmittelbare Verbidnung besteht, dann bleibt ihnen gar keine andere Wahl als die Anerkennung der Geschäftsschädigung durch den Mitarbeiter.

Was uns mit ESG-Ratings droht ist ein direkter Gang in den Feudalismus, in dem sich hohe Apparatschiks mit den richtigen Verbindungen alles erlauben können, während der Rest nach deren Pfeife zu tanzen hat. Jeder, der künftig der Obrigkeit widerspricht muss damit rechnen, dass ihm die Existenz vernichtet wird. Denn wenn erst einmal das Tor offen ist, dann wird irgendwann auch kein ESG-Rating mehr als Begründung notwendig sein, um jemanden abzuschießen. „Das Gefühl“ jemand habe ich falsch verhalten wird ihnen genügen, so, wie es jetzt schon nachweislich in Großbritannien der Fall ist, wo die Polizei „Hasszwischenfälle ohne strafrechtliche Relevanz“ zur neuen Verbrechenskategorie erklärte. Uns droht ein System, das uns am ganz schlimmen Ende dazu bringen könnte, nach dem chinesischen Sozialkreditsystem zu betteln, weil dieses wenigstens mit objektiven Kriterien arbeitet.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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