Der Politelite ist aufgefallen, dass Pakistan verdächtig nahe an Afghanistan liegt

Der Politelite ist aufgefallen, dass Pakistan verdächtig nahe an Afghanistan liegt

Vor knapp zwei Wochen bin ich der Frage nachgegangen, warum im politischen Betrieb der westlichen Welt infolge der Geschehnisse in Afghanistan niemandem der Begriff „Pakistan“ eingefallen ist. Aus dieser auffälligen Fehlstelle im öffentlichen Bewusstsein habe ich drei Szenarien abgeleitet, die sich mit der Frage beschäftigen, warum dem so gewesen sein könnte und was es für die weitere Entwicklung auf der Welt zu bedeuten hat. Nachdem die Frankfurter Analzone gestern Abend von ihren englischsprachigen Kollegen abschreibend Pakistan als aktiven Spieler im Kampf um Afghanistan bezeichnete haben wir eine Antwort. Es ist keine gute.

Endsieg, Ersatzteile & Eigenlob

Wer nicht regelmäßig Mannikos Blog liest, für den muss die aktive Beihilfe Pakistans ein ziemlicher Schock gewesen sein, so viel Eigenlob gönne ich mir. In der zweiten Augusthälfte spuckt die Suchmaschine auf den ersten zehn Seiten kein einziges deutschsprachiges Ergebnis zur Anfrage nach „Afghanistan Pakistan“ aus, das sich auch nur halbwegs konkret mit der Rolle Pakistans in dem Schlamassel am Hindukusch auseinandersetzte. Jenseits von Evakuierungsberichten, Flüchtlingsstrombefürchtungen (oder -hoffnungen) und Heiko-Maaß-Betroffenheitsgesten bekamen die Leser zwei Wochen lang nicht geboten, nicht einmal aus der Schweiz. Lediglich über eines wurde noch sporadisch berichtet.

Irgendwo in einem der vielen afghanischen Täler konnte sich nach der Übernahme des Landes durch die Taliban über mehrere Wochen ein Widerstandsnest gegen die Taliban halten. Seit gestern ist es damit auch vorbei, nachdem laut verschiedenen Berichten Pakistan mit seinen amerikanischen Kampfflugzeugen Bombardements flog, da die Taliban mit ihrem amerikanischen Gerät beim Ausheben der Widerständler vergleichbar gut in dem bergigen Gelände zurecht kamen wie die Amerikaner bis vor wenigen Wochen noch selbst. Daher musste in der Berichterstattung über Afghanistan schlussendlich auch das P-Wort fallen, da es einfach zu offensichtlich wurde, wie Islamabad in systematischer Weise dem – gefühlt bis gestern jedenfalls – Todfeind der westlichen Besatzer militärisch unter die Arme griff.

Mit Pakistan als neuem offiziellen Spieler auf dem Schachbrett Zentralasiens hat sich nebenbei auch die Frage geklärt, was die Taliban mit den ganzen militärischen Fluggeräten anstellen werden, die sie von den USA „geschenkt“ bekamen. Die wahrscheinlichste Antwort darauf lautet, dass sie die Flugzeuge an Pakistan weiterverkaufen werden, da das Land aufgrund des Doppelspiels mit den Taliban demnächst sehr wahrscheinlich keine Ersatzteile mehr aus den USA oder einem anderen westlichen Ländern erhalten wird und deswegen auf sie angewiesen ist. So einfach ist die Sache.

Zwei von drei Szenarien ohne Substanz

Über die korrekte Interpretation der neuen Berichterstattungslinie bin ich mir noch nicht ganz sicher, sehe insgesamt aber eine deutliche Tendenz, wo die Reise hingehen wird. Zu dieser Tendenz kommt als neues Element noch der Eindruck hinzu, dass in den oberen Entscheidungsebenen womöglich ein gewisser Unwille mit hinein gespielt haben könnte und sie das durchtriebene Pakistan in der fraglichen Angelegenheit am liebsten gänzlich ignoriert hätten. Wie wir wissen, kam es nun doch anders und so müssen sie jetzt in erster Linie abwägen, mit welchen diplomatischen Daumenschrauben genau sie das Land endgültig in die Arme des kommunistischen China treiben möchten.

Ich selbst wiederum muss mich in Bezug auf mein Gedankenspiel von vor zwei Wochen fragen, welches der drei ausgearbeiteten Szenarien sich gestern als das Wahre erwiesen hat. Folgende Möglichkeiten hatte ich mir ausgemalt:

Erstens, das politische Personal hüben wie drüben ist auch im Hintergrund so kopflos-konfus wie es im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit wirkt. Zweitens, es wurde heimlich Druck auf Pakistan ausgeübt und es kam hinter den Kulissen tatsächlich zu glaubwürdigen Absprachen bezüglich des Abzugs ausländischer Zivilisten und des weiteren Verhaltens der Taliban gegenüber seinem kürzlich erworbenen Volk. Drittens, es wurde heimlich Druck auf Pakistan ausgeübt, jedoch sieht sich das Land (mit einigem Recht) in einer Position der Stärke und lässt sich diese von der höchstbietenden Partei bezahlen.

Für das erste Szenario spricht mein neue gewonnener Eindruck, wonach Pakistan als altbekannter unsicherer Kantonist in internationalen Angelegenheiten bewusst ausgespart wurde, weil das Doppelspiel des Landes mit den Taliban eventuell erahnt wurde und man im Trubel der Ereignisse nicht noch ein weiteres Fass aufmachen wollte. Sollte es so gewesen sein, dann wäre das wirklich ein Tiefschlag für die westliche Diplomatie. Es wäre in etwa so, als würde man ein brennendes Haus betreten, weil es draußen regnet.

Spontan fällt mir gerade noch ein, dass sich Pakistan über diplomatische Kanäle eventuell sogar dem Westen angeboten haben könnte, dann aber brüsk zurückgewiesen wurde, weil man „ein Zeichen setzen“ wollte, wie es bei anderen außenpolitischen Fremdschämgelegenheiten gerne heißt. Diese Version würde ich sogar als einen Tiefschlag Plus werten, weil es einer Pflichtverletzung in höchster Not gleichkommt. Für die Herrschaften im rein politischen Teil der Diplomatie würde das Urteil nicht mehr auf den überwiegenden Verlust der Bodenhaftung lauten, sondern auf den umfassenden Verlust inklusive Heliumballons (und Stimme).

Das zweite Szenario, in dem ich den militärischen und zivilen Akteuren des Westens eine heimliche Kompetenz unterstelle, während nach außen Dumm und Dümmer gespielt wird, kann ebenso ausgeschlossen werden, wie ich meine. Die von den relevanten Akteuren an den Tag gelegte Konfusion zunächst bei der Durchführung der allgemeinen Flucht aus Afghanistan und nachfolgend bei ihrer persönlichen Flucht vor der Verantwortung und öffentlicher Rechenschaft darüber ist in einer Weise umfassend, dass es selbst meinen Eindruck in Zweifel zieht, wonach einfach nur ein allgemeiner Unwille bestand, sich in der Situation auch noch mit Pakistan befassen zu müssen. Denn ein solcher Unwille würde noch immer voraussetzen, dass diese Leute überhaupt so weit zu denken in der Lage sind. Bei einigen habe ich ernste Zweifel, ob sie dazu in der Lage sind.

Szenario 4: Die offene Demütigung

In meiner Analyse habe ich das dritte Szenario als das gefährlichste der drei bezeichnet. Mit Pakistans offener Parteinahme für die Taliban denke ich aber, entstand noch ein viertes Szenario bestehend aus einer Mischung des ersten (= reine Dummheit auf westlicher Seite) und dem dritten (=fundamentale Verschiebungen auf dem globalen Schachbrett). Während das dritte Szenario vor allem auf die Gemengelage hinter den Kulissen abzielt und dabei allen Beteiligten eine gewisse Intelligenz unterstellt, geht es beim vierten nur noch um Machtdemonstrationen und die offene Zurschaustellung der Verachtung gegenüber den ehemaligen Verbündeten und vormalig (kulturellen wie kolonialen) Lehnsherren, die sich in eine verachtenswerte Mickey Mouse Truppe verwandelt haben, die genauso schwachsinnig handeln, wie ihre Regenbogenfahnen und die Gelöbnisse darauf daherkommen.

Das verheerende dabei ist, dass wenn sich ein Land wie Pakistan – immerhin einem Shithole wie aus dem Bilderbuch – sicher genug fühlt, um vor den Augen der Welt und an der Seite einer siegreichen extremistischen Guerillaorganisation eine Machtdemonstration durchzuführen, obwohl diese bis eben noch vergebens von dem mit Abstand mächtigsten Militärbündnis aller Zeiten bis auf die Knochen bekämpft wurde, dann hat sich im globalen Bewusstsein etwas verschoben, das sich nie wieder in seinen vorigen Zustand zurückversetzen lässt. Mehrere Gründe sehe ich für die überragende Symbolik des offenen Eingreifens durch Pakistan.

Das Widerstandsnest wäre früher oder später ohnehin gefallen, oder aber die Taliban hätten es dauerhaft einkesseln und von der Außenwelt hermetisch abriegeln können. Das Eingreifen von Pakistans Luftwaffe war daher völlig unnötig. Daraus ergibt sich für das Problem, dass es entweder erheblich größer war als dargestellt, oder aber es gibt für Pakistan noch etwas anderes auf der außenpolitischen Wunschliste, das einmal eine zeitlich exakte Taktung erforderte und für das ein schnelles Ende jeglicher Widerstandshandlungen in Afghanistan zwingend notwendig war. Beides ist möglich, allerdings ist ersteres eher unwahrscheinlich und letzteres muss so groß und bedeutend sein, dass es sämtliche Konsequenzen wieder wettmacht, die sich aus dem Luftangriff als öffentlichen Bekenntnis Pakistans ergeben, ein Schurkenstaat zu sein.

Die Probleme in Pakistan sind groß und wachsen weiter wie eh und je. Mit Ausnahme des islamischen Extremismus kann sich das Land in keinem Bereich selbst versorgen und ist dauerhaft auf finanzielle, technische, organisatorische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und militärische Hilfe von außen angewiesen. Mindestens die beim Luftangriff eingesetzten F-16 der pakistanischen Luftwaffe werden wohl sehr bald schon durch russische oder vermutlich eher chinesische Modelle ersetzt werden müssen. Eventuell wird sich Pakistan auch einige der genannten Problembereiche temporär mit Geld aus Peking zukleistern lassen, indem die Maschinen in kompetente chinesische Analystenhände gegeben werden. Das mit dem Luftangriff erfolgte Bekenntnis machts möglich. Vom Tischtuch zwischen Pakistan und den USA ist sehr wahrscheinlich nicht mehr viel übrig, da kommt es auf das Ausreizen der noch bestehenden Potenziale im Verrat auch nicht mehr an.

Trotz allem verfügt Pakistan über eine hochgebildete Oberschicht. Politik, Militär und Imame sind sich zwar nicht immer grün, doch sie sind intelligent genug, um abschätzen zu können, was für einen Preis das Land bezahlen muss für dieses leichtfertige Bekenntnis zum Schurkenstaat. Leider muss man der westlichen Politelite wirklich jede Dummheit zutrauen, das Problem daran ist allerdings, dass man sich nicht darauf verlassen kann. Unter Trump wäre eine solche Aktion eventuell sogar mit einer Kriegserklärung quittiert worden und wer weiß, wer in einem oder zwei Jahren in den USA oder Großbritannien an der Macht ist. Pakistan muss daher über umfassende Zusagen der verbindlichen Form verfügen, die dem Land von Drittparteien gegeben wurden. Die Wertewelt jenseits des Westens – gemeint sind das kommunistische China und circa die Hälfte aller islamischen Länder – muss sich verbündet haben mit dem Ziel, die USA zu vernichten. Vernichten deshalb, weil ein reines Zurückdrängen der aktuell noch globalen Supermacht und ihrer Verbündeter auch ohne eine öffentliche Erniedrigung möglich gewesen wäre. Irgendwer hat gemeinsam mit Pakistan so viele Nägel mit Köpfen gemacht, dass sich das Land eine derartige Pose gegen einen auf dem Papier in jeder Hinsicht außer der Willenskraft um das Zehntausendfache überlegenen Gegner erlauben konnte.

Erniedrigen, Erpressen, Erdrosseln

Eine selbstvergessene und überforderte westliche Elite präsidiert über ein völlig überstrecktes globales Machtsystem, das in einem Wachstumszwang gefangen ist, während es innerlich strukturell schon länger stagniert. Ihm gegenüber entstanden mehrere Interessensphären, die noch jung sind und in ihrem Wachstumsdrang massiv all das überwuchern, das sich aus der Vergangenheit noch im Griff des alten Herrschaftssystems befindet. Gleichzeitig kommt eine rapide wachsende finanzielle Potenz und Systemintelligenz hinzu, deren Kompetenz dank des Beginns des digitalen Zeitalters gleichauf ist mit dem alten, westlichen System, da es für alle fast gleichzeitig begann und völlig andere Verbreitungsmuster erlaubt.

Schon länger ist allen bekannt, dass die passive Konfrontationshaltung irgendwann zu Ende sein wird. Das alte Herrschaftssystem hoffte darauf, dass es sich geordnet zurückziehen kann, während ihnen ausreichend viele neue Verbündete unter den Emporkömmlingen wenigstens einen Teil der alten Macht erhalten bleibt. Die Aggressiven unter den neuen mit eigenen Wertvorstellungen und alten Rechnungen, die sie begleichen wollen auf der anderen Seite wissen, dass die Zeit für sie spielt und sie selbst dann sehr wahrscheinlich gewinnen würden, wenn es zuvor zu einem großen Krieg oder globalem Chaos kommen würde.

Genau das hat sie dazu getrieben, in einem Himmelfahrtskommando nach dem anderen das bestehende System so lange zu traktieren, bis es im richtigen Moment an der richtigen Stelle die Sollbruchstelle ausmachte. Auf Basis der in den letzten Wochen ablaufenden Sequenz sollte man sich besser keine Hoffnungen auf eine sich bessernde Lage machen. Die kaum steigerbare Demütigung der USA vermittelte den Feinden des Landes nämlich nicht nur neuen Mut und neues Selbst- und Sendungsbewusstsein, sondern legte auch bloß, wie fragil das alte System ist, wo genau dessen Schwachstellen zu finden sind und wie sie sich optimal ausnutzen lassen.

Sollte sich nicht bald eine fundamentale politische Kursänderung abzeichnen, dann wird dem Westen letztlich tatsächlich nichts anderes übrig zu bleiben, als für den unblutigen und oberflächlich geordneten Rückzug sehr tief in die Taschen zu greifen. Oberflächlich deshalb, weil eine Million Afghanen und dazu noch einmal so viele Glücksritter und Islamisten aus aller Welt dennoch das sichere Ende mindestens Europas und bei weiterhin offenen Südgrenzen der USA auch dort alles beenden werden. Abhängig von der Wanderungsgeschwindigkeit von Migranten und der Dauer, die es benötigt, um neue Gelder aus der „Entwicklungshilfe“ freizugeben, wird es bis zum finalen Zusammenbruch wohl nicht einmal mehr zwei Jahre dauern. Man sollte genau hinsehen, ob nicht nur in Afghanistan, sondern überall in der islamischen Welt neue Programme für „Mädchenschulen“ aufgesetzt werden. Jede einzelne davon könnte dem Westen auf dem Weg in den Untergang einen Tag mehr Zeit verschaffen.

Neue Machtblöcke am Horizont mit Russland in der Mitte

Beschleunigt werden könnte der Prozess, sollte es eine neue Indifferenz oder gar Aversion geben unter jenen aufstrebenden Ländern und Kulturen, die sich bislang gut einzufügen begannen, denen infolge der Ereignisse in Afghanistan aber klar werden musste, dass sie auf das falsche Pferd gesetzt hatten. Deren Verantwortungsträger werden in den kommenden Wochen und Monaten einige sehr weitreichende Entscheidungen treffen müssen, welches Risiko ihnen geringer erscheint. Die Standhaftigkeit zum ausgehöhlten alten System mit der Gefahr, von dessen Feinden gefressen zu werden, oder die Gefahr, sich neu zu justieren, um vom alten System in einem letzten verzweifelten Hieb doch noch für den Verrat bestraft zu werden.

Zu diesen Ländern gehören Ägypten, das vermutlich keine andere Wahl hat, als sich weiter an die USA zu binden, wobei es künftig eher Israel sein wird, das seine eigenen Loyalitäten neu ausrichten muss. Dazu einige Länder der arabischen Halbinsel, die bislang das Dollarmonopol als Schutzzoll akzeptiert hatten und zunehmend in verbindlicher Weise nach Russland blicken, dazu die etwas besser regierten Länder Afrikas, die weder islamisch sind, noch sich von der neuen Kolonialmacht China ausbeuten lassen wollen, und auch die beiden zentralasiatischen Länder Mongolei und Kasachstan gehören zu den Wackelkandidaten, die sich wie auch die ostasiatischen Küstenländer jetzt aussuchen müssen, ob sie einen Gesandten mit voller Schatztruhe nach Peking oder nach Moskau schicken sollen und vor allem ab wann sie das machen sollten. Das einzige Land, das erstmals nach mehreren Jahrzehnten entspannt auf die kommenden Jahre blicken kann, ist der Iran.

Auf der anderen Seite des Spannungsbogens könnte insbesondere Indien mit einem ultra-aggressiven Pakistan gänzlich unter die Räder kommen, sollten die USA plötzlich ausfallen (das werden sie), während China über die Wipfel des Himalaya hinweg seine behaupteten Einflussrechte geltend zu machen beginnt und Pakistan freihändig mit allem ausrüstet, das es für ein Bestehen gegen den großen Bruderfeind benötigt. Indien ist mit seiner übervölkerten, unterentwickelten, rohstoffarmen Halbinsel geostrategisch in einer denkbar schlechten Position, vermutlich der schlechtesten weltweit: Die Wand im Norden beginnt drohend zu wackeln, der für die Rohstoffversorgung existenziell wichtige westliche Seeweg wird absehbar zu einem pakistianisch-chinesischen Gewässer werden und im Osten versperren nicht weit entfernt die durchislamisierten Inselketten Malaysias und Indonesiens den freien Seeweg nach Amerika, während der Indische Ozean im Süden nichts als Eis und unwirtliche Kälte bereit hält.

Weder die USA noch die alte koloniale Mutter Großbritannien könnte Indien in ausreichender Weise gegen eine Aggression beistehen. Selbst kleinere Scharmützel in der Grenzregion zu China würden Indien wahrscheinlich schnell an den Rand der Erschöpfung bringen, wenn es der neue islamo-chinesische Machtblock mit pakistanischen Elementen so möchte. In fast der exakt selben Weise, wie die ostasiatischen Küstenländer bald nur noch auf Russland werden vertrauen können, wird auch Indien in Kürze zu Russlands bestem Freund werden wollen. Mit etwas Geschick könnten die beiden Länder sogar zu einer veritablen dritten Alternative heranwachsen und in ferner Zukunft Eurasien dominieren, sobald sich Pekings Kommunisten und der Islamismus totgelaufen haben. Das aber ist Zukunftsmusik. In den kommenden beiden Jahrzehnten muss sich Indien mit der Übermacht Chinas arrangieren und sich so weit neutral aber wehrhaft halten, dass niemand auf dumme Gedanken kommt. Das wird eine Herausforderung für sich werden, die nur übertroffen wird von jener, den 1,4 Milliarden Menschen, die im Durchschnitt pro Tag mit unter 5 Dollar auskommen müssen, ein besseres Leben zu verschaffen.

Alles verdichtet sich zu einem epochalen Horror

Das Denken in geopolitischen Dimensionen ist selten so spannend wie heute, da derartige Verschiebungen in der globalen Machtstruktur nur sehr selten geschehen. Das letzte Mal trat eine derartige Situation in den Jahren 1937-1939 auf, doch damals betraf es hauptsächlich ein Dutzend Länder mit einer europäischen Prägung. Was sich aktuell abspielt ist absolutes Neuland in jeder Hinsicht. Noch nie waren so viele Mächte und Interessenten unterschiedlichster Größe und Prägung involviert und – so scheint es zumindest – noch nie lagen so viele Informationen auf dem Tisch, die zum fröhlichen Spekulieren einladen.

Freude allerdings kommt kaum auf, oder ausschließlich bei jenen, die Peking oder dem Schriaislam die Daumen drücken. Die Vorkriegsjahre sollten Warnung genug sein, dass sich die Welt ein weiteres Mal zu erhitzen beginnt und ihre Einzelteile lose an der Oberfläche herumschwimmen. Niemand weiß, was sich wirklich darunter verbirgt, was der vorliegenden Größe des Handlungsraums und seiner Komplexität noch einmal eine Tiefe gibt, die einen das Fürchen lehren sollte. Gulags, Konzentrationslager, Stalingrad und Hiroschima folgten auf 1939. Mir graut es davor, was auf das Jahr 2022 folgen könnte.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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