Atomstromhändler muss dicht machen, weil keine Bank mehr dessen Überweisungen durchführen will. Sind ESG-Ratings und die EZB schuld daran?

Atomstromhändler muss dicht machen, weil keine Bank mehr dessen Überweisungen durchführen will. Sind ESG-Ratings und die EZB schuld daran?

Bei Bachheimer.com wurde gerade der oben abgebildete Kündigungsbrief des Unternehmens Ener.my veröffentlicht, das bislang schweizerischen Atomstrom in Deutschland verkauft hatte, nun aber seine Geschäftstätigkeit einstellen muss. Laut dem Brief wurde dem Geschäft seitens der Banken der Garaus gemacht, da keine mehr bereit ist, das Unternehmen als Kunden zu akzeptieren. Mein erster Gedanke ging in Richtung ESG-Ratings, die dafür sorgen, dass Unternehmen und Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines Produkts Nachteile erfahren, wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht. Das ist bei Atomstrom mit Sicherheit der Fall. Da es in diesem Fall überdies um Banken geht, die den Stöpsel ziehen müssen, oder diesen gezogen bekommen, könnte niemand geringeres als die EZB und ihre neue aktivistische CO2-Politik schuld an der unfreiwilligen Pleite des Händlers sein.

Atomstrom in den ESG-Bewertungsregeln der Allianz

Dank Klaus Schwab und den Bemühungen seines World Economic Forum gibt es ESG-Ratings heute wie Sand am Meer. Zur Frage, ob Atomstrom positiv oder negativ in die Bewertung einfließen soll, sagen sie im Tenor allerdings alle mehr oder weniger das gleiche: Atomstrom sei mit Vor- und Nachteilen behaftet, so dass es bei der Einordnung des jeweiligen AKW auf die Details ankomme, wie etwa das Einhalten internationaler Sicherheitsregularien oder das Vorhandensein eines Endlagerplans für die abgebrannten Brennstäbe.

Für das ESG-Ratingsystem der Allianz Versicherung wird in diesem PDF auf Seite 23 stichpunktartig aufgeführt, wie das Unternehmen den Einfluss von Atomstrom aus ESG-Perspektive interpretiert und auf welche Details bei AKWs konkret geachtet werden. Die Mehrheit der zwölf Punkte beziehen sich dabei auf die Einhaltung von Empfehlungen durch die IAEA, die mit weiteren Kriterien ergänzt werden, von denen ich zwei Stück davon in diesem Fall als relevant erachte:

  • Absence of plans for decommissioning / end-of-life
  • Negative reputational impacts on Allianz stakeholders (investors, customers, business partners, regulators, staff, …)

Ein Moral Hazard für Umweltbewegte

Der erste Punkt mit dem fehlenden Endlager für Atommüll trifft auch auf die Schweiz zu, wo sich ein Umweltnetz gerade erst Ende letzten Jahres fragte, wo der Atommüll des Landes irgendwann einmal eingelagert werden soll. So lange die Schweiz kein solches Endlager für Atommüll hat, gibt es für alle Unternehmen einen Punktabzug im ESG-Rating, die direkt oder indirekt zur Wertschöpfungskette schweizerischer AKWs gehören.

Konkret bedeutet es, dass eine Bank mit einem Kunden im Atomstromgeschäft von der EZB (oder im Beispiel von der Allianz) so lange mit schlechteren Konditionen als alle anderen Banken gegängelt wird, bis die Schweiz endlich ein Endlager für Atommüll gefunden hat – oder eben wie es geschehen ist, bis die Bank den betreffenden Kunden rauswirft. Vermutlich ohne Absicht erhalten Atomkraftgegner über dieser Regelung nebenbei einen deutlichen Anreiz dafür, sich unabhängig von dessen Eignung so lange gegen jeden Vorschlag für ein Endlager auszusprechen, bis das letzte AKW von der Zentralbank vom Markt gedrängt wurde.

Viel Gummi für Ideologen

Der zweite Punkt handelt von „negative Auswirkungen auf die Reputation bei Stakeholdern der Allianz“ und ist als eine gezielt gesetzte Variable zu erachten, in die sich all das einsetzen lässt, was woanders nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Als „Stakeholder“ explizit genannt werden Investoren, Geschäftspartner und Regulierungsbehörden. Diesen allerdings kann der Atomstrom im Portfolio herzlich egal sein.

Zusätzlich dazu werden jedoch noch die Mitarbeiter und Kunden der Allianz als relevante Stakeholder genannt. Vor allem unter letzteren dürften sich einige Grüne befinden, da sich verbeamtete Lehrerinnen als treueste Wählergruppe der Grünen privat krankenversichern müssen und die Allianz in Deutschland zu den größten Anbietern für private Krankenversicherungen gehört. Der Rauswurf eines Atomstromhändlers wäre für die Allianz folglich fast schon eine Pflicht.

Mit völliger Sicherheit lässt sich letztlich nicht beurteilen, ob auch die EZB diesen Punkt in ihre ESG-Bewertungen einfließen lässt, beziehungsweise ob er bei jenen ESG-Ratingagenturen in der Note berücksichtigt wird, auf deren Dienste die EZB zurückgreift. Wie oben erwähnt ähneln sich die Bewertungsysteme jedoch sehr stark, während in der Regel auf mehr als nur eine Bewertungsagenturen zurückgegriffen wird. Daher ist es wahrscheinlicher als nicht, dass die Kündigung seitens der Banken auch wegen dieses hypothetischen Reputationsverlusts erfolgte.

Hü- und Hott mit Klaus Schwab

Während sich der erste Punkt mit dem fehlenden Endlager durchaus noch als stichhaltig bezeichnen lässt, besteht der zweite quasi nur noch aus Gummi. In Bezug auf die generelle Anwendung befürchten muss man dennoch, dass vor allem der zweite von Bedeutung ist, da sich der Punkt vor allem um die Außenwirkung dreht. Bekanntlich spielt diese in jenen Kreisen, in denen ESG-Ratings ausgeheckt wurden, eine erheblich größere Rolle als die inhaltliche Substanz, die – man erinnere sich an Klaus Schwabs Ansage und deren kindliche Ausmalung durch eine dänische Politikerin – hinter blumigen Begriffen, hochtrabenden Konzepten und Hochglanzkulissen ohnehin kaum wahrnehmbar ist.

Hinzu kommt bei der Frage der Endlagerung von Atommüll, dass nicht einmal Frankreich mit seinen 70% Atomstrom über ein Endlager verfügt. Auch westlich des Rheins wird weiterhin nach einem solchen gesucht, so dass prinzipiell sämtliche Geschäftspartner der EDF von den Banken genau gleich behandelt werden müssten wie der kleine deutsche Atomstromhändler. Das aber kann sich nicht einmal die EZB leisten. Gleichzeitig spielt der Reputationsfaktor von Atomstrom in Frankreich keine Rolle, da die dortigen Grünen heute zwar für den Ausstieg aus der Atomkraft sind, jedoch über keinerlei Macht oder einen vergleichbaren kulturellen Einfluss verfügen, wie es bei ihren deutschen Kollegen der Fall ist.

Die Zweiteilung der Volkswirtschaft

Sollte Ener.my tatsächlich wegen zu schlechter Werte für das ESG-Rating seine Konten und damit seine Geschäftsgrundlage verloren haben, dann muss diese kleine Episode als Bruchpunkt gewertet werden, da es nicht weniger als ein staatlich sanktioniertes Berufsverbot wäre. Fundamentaler kann ein Paradigmenwechsel weg von privatwirtschaftlichen Prinzipien und hin zu einer reinen Staatswirtschaft kaum ausfallen. Mit dessen Sichtbarmachung haben wir nun Gewissheit darüber, dass fortan politische Erwägungen in unbedingter Weise über wirtschaftlichen stehen. Wirtschaftspolitisch haben damit effektiv die DDR 2.0 betreten und das bedeutet, dass es von nun an nur noch bergab gehen kann.

In meinem Beitrag über ESG-Ratings hatte ich die Konsequenzen daraus bereits angesprochen. Vor allem wird es zunehmend zu einer Zweiteilung der Volkswirtschaft kommen mit dem ersten Teil als dem „offiziellen“, der das politisch gewünschte macht, dafür mit günstigen Markt- und Finanzierungsbedingungen belohnt wird, im Gegenzug allerdings immer ineffizienter wird, weil der Anreiz zur Anpassung an die wirklichen Gegebenheiten ersetzt wurde durch den unbedingten Anreiz zur Anpassung an das sich gerade in Mode befindliche politische Wunschkonzert.

Der davon komplett getrennte zweite Teil der Volkswirtschaft wird zwar nicht illegal sein, aber er wird dennoch keinen offiziellen Charakter haben dürfen, weil die ESG-Ratings der dortigen Anbieter zu schlecht sind. Vorteile durch die Zentralbank, die Staatsbürokratie oder sonstige Institutionen werden diesem Teil vorenthalten bleiben, wobei darunter auch Unternehmen mit gutem ESG-Rating fallen, die keine Geschäftsbeziehungen mit diesen mehr eingehen können, wenn sie ihre Bewertung nicht riskieren wollen.

Dadurch werden sich zwangsläufig Parallelstrukturen bilden müssen mit eigenen Banken, Versicherungen, Ratingagenturen (allerdings anderer Natur) und vielleicht sogar bis hin zu Ausbildungsbetrieben, Kommunikationssystemen und einer eigenen Verkehrsinfrastruktur. Wer das für irre hält, dem stimme ich zu, möchte aber auch auf das Gedankenspiel mit einer Privatstraße mit gutem ESG-Rating hinweisen, die ein Unternehmen mit schlechtem ESG-Rating benutzen möchte. Solche Szenarien, in denen etwa jegliche Symbole entfernt werden müssen, oder gar der Preis für das Ratingrisiko bezahlt werden muss, sind in der näheren bis mittleren Zukunft sehr wohl denkbar. All das wird legal sein und es gehört heute schon bei den großen staatlichen Institutionen zur Alltagspraxis.

Diese zweite Volkswirtschaft wird ähnlich wie in der DDR jene Lücken füllen, die von der ineffizienten „offiziellen“ Volkswirtschaft hinterlassen wurden. In der Folge werden die Preise für bestimmte in der offiziellen Volkswirtschaft nicht handelbare Waren wie Zigaretten, Alkohol, Schusswaffen, Diesel, Heino Lieder, Atomstrom und so weiter stark ansteigen, da ihre Logistik und Finanzierung deutlich teurer wird. Im Gegenzug wird der Ersatzmarkt all jenen Anbietern hohe Gewinne abwerfen, die sich dorthin trauen und er wird auch sehr effizient sein. Leider wird sich dadurch vermutlich auch der Abstand zu heute schon illegalen Waren und Dienstleistungen verringern, was dem politischen Establishment Munition liefern wird, nicht mehr nur über ESG-Ratings gegen unliebsame Betätigungen vorzugehen, sondern auch mit der gesetzlichen Keule.

Die Maschine muss gefüttert werden

Die wichtigste Frage neben den Höhenmetern, die uns das neue Regime in den Abgrund stoßen wird, lautet, wie lange sich ein derartiges System am Leben erhalten kann. Vom ehemaligen Ostblock wissen wir leider, dass es durchaus 70 Jahre dauern kann, während es bei innerer Wehrhaftigkeit und einer hartnäckigen äußeren Opposition auch schon nach 40 Jahren wieder vorbei sein kann. Beim ESG-Regime allerdings könnte es deutlich schneller gehen.

Eines der Hauptmotive der aktuellen Regulierungspolitik über ESG-Ratings und andere Hebel sehe ich in der Verschleierung der fortgesetzt massiven Geldmengenausweitung. Die EZB hat sich mit ihrer Nullzinspolitik in eine Situation hinein manövriert, aus der sie nicht mehr herauskommt. Ohne absehbares Ende ist sie dazu gezwungen, mit ihren Anleihenkaufprogrammen die staatlichen Budgets der Eurozone zu finanzieren. Andernfalls würden fast alle Staatshaushalte pleite gehen, infolgedessen die Währungsunion als ganzes zur Disposition stünde.

Da das viele billige Geld stets droht, auf die Realwirtschaft durchzuschlagen, was früher oder später zu einer galoppierenden Inflation führen würde, muss das Geld in unproduktive Kanäle gelenkt werden, bevor es jemand gewinnbringend anzulegen beginnt. Die Ausgaben von Geld für den reinen Konsum ohne Weg über Investitionskonten, Bankeinlagen oder andere Multiplikatoren im Geldkreislauf regt die Inflation nur wenig an. Werden dann noch effiziente und kostengünstige Systeme durch ineffiziente ersetzt, die mehr Geld kosten und gleichzeitig geringere Gewinnmargen erzeugen, dann kann über einen längeren Zeitraum eine expansive Geldpolitik gefahren werden, ohne befürchten zu müssen, dass es zu einer (zu) hohen und unkontrollierten Inflation kommt.

Wann implodiert das System?

Diese Strategie des bewussten Geldverbrennens hat einen sehr hohen Preis. Erstens werden die Verwerfungen mit der Zeit immer größer, während das Wohlstandsgefälle stark ansteigt. Zweitens sinken die Reallöhne und damit die Lebensqualität aller Menschen. Drittens wird das System irgendwann alles konsumiert haben und dann ist nichts mehr da. Es ist der Gang in die DDR 2.0 – nur ohne Mauer. Fallen wird das System genau dann, wenn das Vertrauen in selbiges plötzlich verschwindet, wobei sich mit jeder weiteren Einschränkung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine Externalität auftritt, die genau dazu führt. Etwa eine Naturkatastrophe (zB dass wir im Jahr 2031 trotz steigender CO2-Konzentration weiterhin leben), oder eine Erfindung aus dem von ESG-Ratings verschonten Ausland, die sämtliche „Bemühungen“ um eine ökologische Lebensweise Null und Nichtig macht, oder vielleicht auch, dass den Menschen irgendwann auffällt, dass im „offiziellen“ Teil der Volkswirtschaft weniger und schlechtere Waren erhältlich sind als im anderen.

Die Implosion könnte schneller kommen, als es den Anschein macht und wir sollten auch darauf hoffen. Denn mit jedem Tag, an dem ehrliche Makler aus politischer Gesinnungsgründen ihre Tätigkeit untersagt bekommen, verlieren wir mehr von jener Substanz, die uns in der Vergangenheit den Wohlstand brachte. Gleichzeitig erleben wir seit einem Jahrzehnt eine multiple Systemkrise, die jetzt schon einen Gutteil unserer Freiheit und unseres Wohlstandes konsumiert hat. Was im Ostblock in 40 Jahren verloren wurde, könnten wir in 4 Jahren verlieren. Sollte es bis ganz nach unten gehen, dann würden wir am Ende dieses Jahrzehnts kaum besser dastehen als Albanien im Jahr 1990.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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