In Sri Lanka sollten Sie klimatisch aktiv werden, Herr Palmer, nicht in Tübingen

In Sri Lanka sollten Sie klimatisch aktiv werden, Herr Palmer, nicht in Tübingen

Boris Palmer gilt als einer der wenigen bei den Grünen, dessen Kopf mit mehr gefüllt ist als nur mit Stroh. Dennoch tritt auch bei dem Oberbürgermeister von Tübingen immer mal wieder der irrationale Hang zu grünem Aktionismus zutage. Bestes Beispiel ist der neueste Clou gegen den grünen Erzfeind SUV, der mit prohibitiven Parkgebühren aus der Stadt vertrieben werden soll. Es gibt noch mehr Punkte in Palmers grünem Praxisprogramm, die genauso schwachsinnig daherkommen wie sie teuer sind. Wie ineffektiv Tübingen grüne Politik ist, möchte ich im folgenden anhand einer Opportunitätenrechnung zeigen. Es geht die Frage, ob es nicht vielleicht vorteilhafter wäre für die Stadt, in der Heimat alles zu belassen wie es ist und das freigewordene Ökobudget in Sri Lanka zu investieren.

Tübingens Ökofimmel

Die effektiven Klimaschutzausgaben der Stadt Tübingen lassen sich leider nicht aus dem offiziellen Haushaltsplan ablesen. Ebenso wäre es zu viel Arbeit für diesen Text, eine Kosten-Nutzen-Schätzung für die zahlreichen dem Umweltschutz dienenden örtlichen Regulierungen und geldwerten Maßnahmen vorzunehmen. Ich bin mir sicher, dass es zahlreiche Ausgabenposten gibt, mit denen die Steuerzahler der Stadt in die ökogrüne Richtung bestraft werden, die es ohne den allgemeinen CO2-Wahn der Grünen allerdings nicht gäbe.

Explizit im Haushaltsplan genannt wird einzig die „Deckungsreserve Klimaschutz“. Damit sollen unterjährig außer-oder überplanmäßige Ausgaben oder ausgewählte Projekte für den Klimaschutz“ finanziert werden. Vermutlich ist das der Topf, über den auch der Kauf der neuen Parkverbotsschilder laufen wird. Die Größenordnung dieser Deckungsreserve ist relativ klein und schwankte bislang jährlich zwischen 50- und 160.000 Euro.

Wie viel der Tübinger Weltrettungsversuch tatsächlich kostet, lässt sich kaum mehr als erahnen. Etwa an dem Wort „Klima“, das einzeln oder als Wortteil im Haushaltsplan 40 Mal genannt wird. „Corona“ als dem aktuellen und hoffentlich bald wieder verschwindenden Modethema wird das Klima nur um zwei Nennungen geschlagen. Die „Beschäftigung“ als ehemals bedeutendstem Thema ist in dem Dokument nur noch 18-fach vertreten. Von der „Polizei“ oder gar ihrer Hauptbeschäftigung der Bekämpfung von „Kriminalität“ sucht man vergeblich in den Plänen der Stadt Tübingen für das Jahr 2021.

Gnadenlos ausgesaugte Stadtwerke

Der einzige Ort, an dem sich recht genau nachvollziehen lässt, wie wichtig Tübingen die klimatische Weltrettung nimmt, sind die Stadtwerke Tübingen, die zu 100% von der örtlichen Politik kontrolliert werden. In deren neuesten Geschäftsbericht kann jeder nachlesen, was ein grün dominierte Kommunalpolitik macht, wenn ihr ein einträgliches Geschäft zur Verfügung steht und sie sich selbst kontrollieren muss.

Die Bilanzsumme der Stadtwerke Ende 2020 betrug etwas mehr als 247 Millionen Euro, der Gesamtumsatz knapp 245 Millionen Euro. Gut geführte Unternehmen im Bereich der Energieversorgung schaffen es zuverlässig, aus diesem Kapital und dem generierten Umsatz 10% Rendite zu erwirtschaften. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es in Tübingen anders liefe. Immerhin reden wir über gelernte Schwaben, die für deren Betrieb verantwortlich sind.

Dennoch schafft es die Stadt, das Unternehmen so weit zu irgendwelchen Ökoexperimenten zu quälen, dass nach Abzug aller Steuern gerade einmal 1,01 Millionen Euro verdient wurden. Das entspricht einer inakzeptabel mageren Rendite von gerade einmal 0,4%. Schlimmer noch, auf die Stadtwerke selbst entfällt nur der Nachkommagewinn, quasi der gesamte Jahresgewinn wird von einigen wenigen profitablen Töchtern und anderen Beteiligungen erwirtschaftet.

Aus dieser selbst für Energiewendedeutschland recht unnatürlichen Situation (die Regel für Stadtwerke unter EE-Bedingungen ist eine Rendite von 4-6%) lässt sich eindeutig schlussfolgern, dass Tübingen sein grünes Monster jedes Jahr mit mindestens 25 Millionen Euro füttert. Das entspricht fast 10% des Gesamthaushalts der Stadt Tübingen, wobei ich in Anbetracht von schlechten Scherzen wie dem SUV-Verbot oder auch der Solarzellenpflicht für Neubauten schätzen würde, dass die Stadt direkt und indirekt mindestens doppelte für Klimagedöns rauswirft.

Tübingens größe Solaranlage befindet sich auf dem Dach eines (sic!) Autohauses

Nein zum irrationalen Nationalökologismus!

Schon öfters hier im Blog und jenseits davon habe ich mich darüber aufgeregt, dass die deutschen Klimaschutzmaßnahmen sich immer nur auf Deutschland selbst beziehen. Unabhängig davon, wie man zur Notwendigkeit einer Abkehr von CO2-Emissionen steht, ist es höchst irrational und in der Sache schädlich, immer nur Deutschland als Inertialsystem für Klimaschutzmaßnahmen heranzuziehen.

In Deutschland mag die nächstbeste Möglichkeit zur Einsparung von CO2 fünf Mal so effektiv sein als die durchschnittliche Möglichkeit. Im internationalen Vergleich allerdings liegt diese Relation oftmals beim Faktor 100 oder sogar einmal darüber. Konkret bedeutet es, dass mit einem für den Klimaschutz eingesetzten Euro in Deutschland vielleicht 100 Tonnen CO2 eingespart werden könnten, am optimalen Ort auf der Welt dagegen 2.000 Tonnen.

Wäre die „Klimakatastrophe“ tatsächlich so schlimm, wie es stets dargestellt wird, die deutsche Politik hätte die Regulierungen und Maßnahmen schon längst in einer Weise optimiert, dass nicht nur die nächstbesten Projekte in Deutschland finanziert werden, sondern weltweit. Die Hebelwirkung wäre immens im Vergleich zum aktuellen Gefrickel. So bleibt ein eklatanter Logikfehler zurück, den ich nicht nur der grün gestrichenen Politik vorwerfe, sondern auch dem vermeintlich rational denkenden Herr Palmer in Tübingen. Denn es gäbe konkrete Alternativen für den Klimaschutz, die nicht nur genauso effektiv wären, sondern sogar ganz konkret Gewinne abwerfen würden.

Sri Lanka ist übersät mit Wasserkraftwerken

Sri Lanka, Herr Palmer

Ich bin nicht der einzige, den dieser irrationale Missstand ärgert. Irgendwann machte mich jemand sogar auf ein konkretes Beispiel aufmerksam, wie man es besser machen könnte. Es ging um Sri Lanka, der Insel südöstlich von Indien, die genauso tropisch ist, wie sie über Berge mit voll ausgebauten Wasserkraftwerken verfügt. Genau daran musste ich denken, als ich über Palmers Anti-SUV-Pläne las und die Wut über diesen und anderen bräsig-dummen Aktionismus in mir hochkochte.

Tatsächlich würde sich die Insel perfekt für einen umfassenden Umbau zu Ökostrom eignen. Im Norden von Sri Lanka scheint die Sonne das Jahr über durchschnittlich nie weniger als fünf Stunden am Tag, in der Hauptstadt Colombo im Südosten der Insel sind es sogar mindestens sechs Stunden. Alleine das wäre schon ein gewichtiges Argument, nicht mehr in Tübingen irgendwelche Solarparks zu bauen, wo im Winter nicht einmal halb so lange die Sonne scheint. Effiziennte Ressourcennutzung – einstmals ein weiteres grünes Steckenpferd – geht anders.

Was den Standort Sri Lanka gegenüber quasi allen anderen sonnigen Standorten weltweit so besonders macht, ist es auf der Insel ein hohes Gebirge gibt, das schon vor langer Zeit für die Stromerzeugung nutzbar gemacht wurde. Zahlreiche Wasserkraftwerke stehen dort mit einer Gesamtleistung von über 1.000 MW, weitere werden gebaut. Das ist ein unschlagbarer Standortvorteil für den Ausbau mit Solarzellen, da deren Speicherseen für relativ wenig Geld zu Hydrospeichern umgewandelt werden könnten, so dass aus dem Zitterstrom der Photovoltaik eine zuverlässige Stromquelle wird.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/31/Lakvijaya-December2012-3_-_crop.jpg
Sri Lankas Kohlemeiler der Marke KPCh

Sri Lanka baut auf chinesische Kohlemeiler und Atomstrom

Sri Lanka hat aktuell knapp 22 Millionen Einwohner und wächst jährlich um das Äquivalent der Stadt Tübingen. Analog zur wachsenden Bevölkerung wurde auch die Wasserkraft ausgebaut. Doch das war nicht genug, zumal die natürlichen Kapazitäten begrenzt sind. Hinzu kamen in den letzten Jahren immer wieder Trockenperioden mit der Folge eines Produktionsabfalls bei der Stromerzeugung per Wasserkraft.

Abhelfen schaffen will die Regierung mit dem Bau weiterer Kohlekraftwerke aus China, die bekanntlich als ganz besonders effizient gelten, nachdem ein Jahr vor Boris Palmers Wahl zum Oberbürgermeister bereits ein erstes Kohlekraftwerk an das Netz angeschlossen wurde. Insgesamt 45% der Stromerzeugung wird heute mit Hilfe fossiler Energieträger erzeugt, Tendenz stark steigend. Für die Zeit ab 2030 ist überdies der Bau eines Atomkraftwerks im Gespräch. Auch das ist bekanntlich ein Anti-Steckenpferd der Grünen, Herr Palmer.

Die Solarstromkapazitäten Sri Lankas belaufen sich derzeit auf magere 22 MW, der Kohlemeiler in Lakvijaya bringt es auf die 40-fache Leistung und das nicht nur zu Spitzenzeiten. Laut offiziellen Verlautbarungen soll das Solarprogramm zwar weitergeführt werden, wird absehbar aber nur ein Nischendasein führen. Priorität hat die sichere und billige Großversorgung.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b8/Electricity_sector_in_Sri_Lanka.png
Sri Lankas aktueller Strommix; braun befindet sich stark im steigen

Reicher Onkel spielen leicht gemacht

Sri Lankas eingeschlagener Weg bei der Energiepolitik ergibt sehr viel Sinn. Das Land leidet noch immer unter den Nachwehen eines bis 2009 dauernden Bürgerkriegs und ist wirtschaftlich nach wie vor unterentwickelt. Gerade einmal 84 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet das Land jedes Jahr. Pro Kopf sind das in etwa 5.000 Dollar, weniger als einem Sechstel des Durchschnittseinkommens von Tübingern.

Diese Orientierung am billigsten für Sri Lanka müsste keineswegs so sein. Insbesondere dann nicht, wenn es um ein wichtiges Thema geht. Gäbe es ein Interessenvertreter, der als sagen wir „reicher Onkel“ entschieden in Sri Lanka auftritt und eine langfristig angelegte Strategie vorlegt, wäre es sicherlich im Rahmen des Möglichen, die Politik und Geschäftswelt des Landes von einem besseren Weg zu überzeugen.

So weit scheint diese Rolle jedoch nur das kommunistische China einnehmen zu wollen. Dort legt man auf vieles Wert, nur nich auf die Ressourceneffizienz und noch viel weniger auf das Einsparen von CO2-Emissionen. In Anbetracht der Relationen und der (finanziellen!) Bedeutung, die Tübingen dem Klimaschutz zubilligt, sehe ich keine prinzipiellen Einwände dagegen, dass nicht auch die Stadt dort auftreten könnte, um der weiteren energiepolitischen Entwicklung den entscheidenden Impuls zu geben.

Die Stadt ist zwar geradezu winzig im Vergleich zu China und auch Sri Lanka, kommt allerdings sie auf ein BIP von über 3 Milliarden Euro, was in etwa 5% der Gesamtwirtschaftsleistung von Sri Lanka entspricht. Mit einem konsistenten und glaubwürdigen Programm würde Tübingen in den Regierungsstuben von Colombo mit Sicherheit offene Türen einrennen. Boris Palmer könnte sich ein weiteres Mal als rationaler Investor in eine klimatisch erträgliche Zukunft profilieren.

Sri Lankas bislang einzig nennenswerte Solaranlage mit der 50-fachen Leistung der größten Anlage in Tübingen

Tübingen wäre der perfekte Ankerinvestor

Anstelle mit globaler Perspektive Nägel mit Köpfen zu machen, drangsalieren Palmer und seine Grün*innen weiterhin bevorzugt die eigenen Leute mit sinnlosem Kleinklein. Alleine das in den Zahlen der Tübinger Stadtwerke versteckte heimliche Klimaschutzbudget entspricht in der Höhe dem Einkommen von 5.000 Sri Lankern – oder einem Euro pro Sri Lanker insgesamt.

Umgemünzt in Solarzellen (100 Euro pro Stück) könnten von diesem Geld jedes Jahr Solarparks mit 75 MW Leistung installiert werden mit einer Gesamtproduktionsmenge, die vermutlich einem Mehrfachen dessen entspricht, was in Tübingen möglich wäre. Hinzu kommt dank der Wasserkraftwerke die Grundlastfähigkeit dieses Stroms. Auch das ist in Tübingen in keinster Weise gegeben, zumindest nicht in bezahlbaren Dimensionen.

Worin Tübingen in Sri Lanka denn auch definitiv und wohl als erstes investieren müsste sind Pumpstationen als Grundvoraussetzung für den weiteren grundlastfähigen Ausbau mit Photovoltaik, und damit so die Speicher stets von neuem gefüllt werden und vor allem in der Trockenzeit nicht einfach leer laufen. Das würde einiges kosten und erst einmal nicht in unmittelbar das Elektrizitätspotenzial des Landes erhöhen.

Aber auch in diesem Fall würde Tübingen profitieren, da es in der Stadt mit Sicherheit einige Experten auf diesem Gebiet gibt und der Ausbau der Wasserkraftwerke zu Hydrospeichern im Rahmen von mischfinanzierten Solarprojekten umgesetzt werden könnte, so dass die finanzielle Last nicht nur auf einer Schulter lastet und hinterher sicher ist, dass es mit dem Ausbau weitergehen wird. Die zentrale Aufgabe der Stadt bestünde darin, als Anker aufzutreten und all jene Voraussetzungen schaffen und garantieren, mit denen die Auslandsrisiken für Privatinvestoren sinken, so dass sie einen Anreiz bekommen, in den Wachstumsmarkt von Sri Lanka zu investieren.

Win-Win-Win

Mit Sicherheit würde sich bei einem solchen Projekt auch eine eigene Solarzellenfabrik für Sri Lanka lohnen. Diese könnte dank der Lohnkosten vor Ort in etwa so billig produzieren wie in China, aber weder wäre Sklavenarbeit dabei und auch keine Umweltsauereien. Palmers Tübingen könnte dafür garantieren und würde nebenbei dafür sorgen, dass auch in Tübingen selbst keine Sklavenware mehr auf die Dächer kommt. Schließlich würde die Stadt überdies kein Geld mehr verbrennen, sondern auf dem Wachstumsmarkt Sri Lanka welches verdienen und darüber hinaus auch seinen Bürgern und weiteren Privatinvestoren zu einer einträglichen Investition verhelfen.

Grob geschätzt würde ich sagen, dass Tübingen sein Klimabudget von 25 Millionen Euro in Sri Lanka um mindestens das Vierfache hebeln könnte. Auf dem Boden der Energiewenderealitäten würde es bedeuten, dass die Phototoltaik jedes Jahr im Äquivalent von drei Kohlekraftwerken ausgebaut werden könnte. Innerhalb weniger Jahre könnte das bestehende Kohlekraftwerk und mit ihm alle anderen Verbrenner wieder abgeschaltet werden. Hätte Boris Palmer gleich zu Beginn seiner Amtszeit mit der Umsetzung eines Plans für Sri Lanka begonnen, das Land wäre heute schon wieder bei 100% Ökostrom.

Anstelle Ihren Bürgern das Leben zu vermiesen und die Stadtwerke zu plündern, Herr Palmer, wie wäre es damit?

PS: Wäre nett, wenn einen Link in Palmers ins Facebook Profil setzen würde. Vielleicht bringts ihn ja zum Nachdenken. Man weiß nie.

PPS: Wenn nicht Sri Lanka, wie wärs dann mit Kenia?

PPPS: Wie stehts in Tübingen eigentlich um den Baufahrzeugpark?

Quelle Titelbild 1, 2; Wasserkraftkarte, Kohlekraftwerk, Grafik, PV-Anlage Tübingen, PV-Anlage Sri Lanka

Bloggerei.de
Consent Management Platform von Real Cookie Banner