Deutschlands größtes Alternativmedium kommt aus der Schweiz & weitere mediale Bizarrheiten

Deutschlands größtes Alternativmedium kommt aus der Schweiz & weitere mediale Bizarrheiten

Im neuesten Podcast von Achgut sagte der Moderator Burkhard Müller-Ullrich an einer Stelle etwas, dessen Bedeutung für die aktuelle politische Situation kaum zu überschätzen ist. Die Mächtigen Europas, und damit meinte er Regierungen, Ministerien und Behörden aller Ebenen, seien alle bestens miteinander vernetzt. Auf der anderen Seite dagegen gäbe es kaum eine gesamteuropäische Medien- und Debattenkultur. Quasi keine kritische Debatte über das Gebaren der Mächtigen in Europa schafft über eine EU-Binnengrenze. Diese Asymmetrie gibt den Regierungen eine ungeahnte Gestaltungsmacht, die sie umfassend für sich zu nutzen wissen. In meinen Augen trifft er damit voll ins Schwarze. Exakt das ist ist eines der größten unserer chronischen Probleme in der politischen Öffentlichkeit und es lässt sich anhand verschiedener statistischer Größen klar ablesen.

Das Massenproblem alternativer Medienmärkte

Trotz Schmähungen, finanzieller Engpässe und gesetzlicher Zwänge konnten sich mit dem Aufkommen des Internets kleine mediale Biotope etablieren, die sich abseits der leitmedialen Leitplanken in außerparlamentarischer Opposition üben und das mitunter in einer hohen Qualität. Das Ausbleiben eines durchschlagenden Erfolgs kann meines Erachten aber nur teilweise mit den entgegengebrachten Repressalien erklärt werden.

Größer noch als das Problem mit der Obrigkeit ist meines Erachtens noch das Problem der Masse. Für einen großen Durchbruch gegen die etablierten Angebote mangelt es schlichtweg an genügend deutschsprachigen Lesern, was insbesondere im Vergleich zum englischsprachigen Medienmarkt deutlich wird. Geht man von einem vergleichbaren Prozentsatz von Medienkonsumenten aus, die sich auf der Suche nach alternativen Angeboten befinden, dann ist deren absolute Anzahl die entscheidende Kennzahl für die Dynamik des Gesamtmarktes.

Für global erreichbare digitale Medien vor allem all jene Menschen interessant, die sowohl die Publikationssprache fließend beherrschen, als auch zahlungskräftig sind, so dass sie entweder für ein Angebot zahlen können, oder für die Werbewirtschaft von Interesse sind. Der englische Medienmarkt bietet in dieser Hinsicht mit mindestens einer Milliarde Menschen als potenziellen Kunden die größten Vorteile und genießt dadurch einen erheblichen strukturellen Vorteil gegenüber quasi allen anderen Sprachmärkten, wobei der deutsche Markt mit ungefähr 150 Millionen potenziellen Kunden in dieser Hinsicht noch recht gut dasteht zu den größten gehört.

Dennoch geht diese Relation mit der unmittelbaren Konsequenz einher, dass ein Angebot auf Englisch in etwa sieben Mal so viele Konsumenten erreichen kann als ein vergleichbares auf Deutsch. Es verwundert nicht, dass die größten Nachrichtenseiten der Welt größtenteils aus den USA oder England kommen und die allermeisten davon auf Englisch publizieren. Noch einmal stärker ist diese Dominanz aber bei den kleinen alternativen Medien, denen die institutionelle Unterstützung versagt wird und die mit wenigen Artikeln pro Tag über die Runden kommen wollen. Auf jeden englischen Text müssen sieben auf Deutsch verfasst werden, um auf das selbe finanzielle Ergebnis zu kommen. So groß ist der Unterschied.

Je kleiner, desto dürftiger

Dabei hat Deutschland sogar noch Glück, wenn man unsere Situation mit den kleinen skandinavischen Ländern vergleicht. Schwedens Sprachraum beispielsweise bietet nicht viel mehr Platz als für ein einziges professionelles Angebot. Dieser wird von Fria Tider belegt, das monatlich auf knapp 7 Millionen Zugriffe kommt. Für schwedische Verhältnisse ist das ziemlich imposant.

Letztlich ist es strukturell nur auf den großen Sprachmärkten Europas möglich, dass sich ein ansprechendes alternatives Medienspektrum herausbilden kann. Neben Deutschland lassen sich noch Französisch und Spanisch hinzuzählen als Länder mit der notwendigen Anzahl an Sprechern, wobei die große Masse bei den beiden letztgenannten vor allem jenseits der eigenen Landesgrenzen lebt und das in den wenigsten Fällen in wohlhabenden Ländern. Das Problem der fehlenden Masse wird bereits bei Italienisch relevant, dessen Markt nur knapp oberhalb der Grenze zum alternativmedialen Break-Even existieren kann und das, obwohl der Sprachraum noch den Vorteil Rumäniens als italienische Dialektsprache genießt.

Aufgrund der spezifischen Umstände ist es selbst für das mit 200 Millionen Brasilianern aufgeblähte Portugiesisch quasi unmöglich, eine eigene alternative Medienkultur zu entwickeln, da sich ein Großteil seiner Sprecher kein Abo leisten kann. Ablesen lassen sich die Kalamitäten von Portugiesisch ebenfalls bei Similarweb, wo ich für diesen Beitrag zahlreiche nichtlinke englischsprachige Nachrichtenseiten durchgegangen bin und dort in sehr vielen Fällen bei den Zugriffen nach Land auf den Plätzen 3-5 entweder Deutschland fand – oder eben Brasilien.

Es will etwas heißen für den eigenen Sprachmarkt mit einem so großen Bruttovolumen, wenn dennoch so viele Sprecher auf das englische Angebot zurückgreifen, dass zahlreiche andere Länder mit weit besserer Verbindungen zur englischen Sprache und Mentalität auf den Plätzen gelassen werden.

Alternative Meinungsmacher und ein Erfolg

Kleinere Sprachmärkte haben in diesem Geschäft kaum eine Chance. Das gilt selbst dann, wenn sie wie etwa Tschechien über einige wortgewaltige Meinungsmacher verfügen. Ihre Debattenversuche zwangsläufig ins Leere, der Wechsel zu einer großen Sprache ist fast zwingend. Dennoch, obwohl Osteuropa beispielsweise die halbe Europäische Union ausmacht, findet die Region medial quasi nicht statt. Wie Müller-Ulrich bemerkte, gilt dies jedoch nicht für deren jeweilige Politikerkaste. Sie darf mitreden und sich wie Donald Tusk oder Dalia Grybuskaite an den elitären Träumereien ergötzen. Ebenso wird auf der anderen Seite jeder leitmedial bis auf die letzte Faser zerrissen, der sich wie Viktor Orban dem vorgegebenen Kurs verweigert. Seine Ansichten aber existieren medial nur im kleinen Ungarisch und so hat er nicht den Hauch einer Chance, da die Gegenseite nie auch nur ein Deut über jene Ansichten weitergibt, die ihn gegen den Status Quo opponieren lassen.

Das Spiel ist so abgekartet, dass nicht einmal jemand wie Januz Korwin-Mikke als jahrzehntealter Veteran im Debattenkampf gegen den alten und neuen Sozialismus in der Lage ist, mehr als nur schemenhaft bis jenseits der polnischen Grenzen zu wirken. Eine solche Rolle kann im heutigen EU-Land nur dann jemand ausfüllen, wenn die notwendigen sprachlichen und damit nationalen Voraussetzungen vorliegen. Beispiele dafür wären Nigel Farage, oder vielleicht noch Hendryk Border oder Roger Köppel, deren Sprachmärkte in Europa einen ausreichenden Resonanzraum bieten.

Doch selbst bei diesen dreien zeigt sich eine Abstufung ihres Erfolgs in der Form, als dass Farage mit dem Brexit als bis dato einziger dissidentischer Meinungsmacher in Europa einen politischen Erfolg verbuchen konnte. Broder dagegen wirkt so, als würde er beständig mit einer Wand reden (was er womöglich nur deswegen noch darf, weil er Jude ist), während Roger Köppel in Vollzeit damit beschäftigt ist, das Hereinkriechen der in Deutschland gängigen leitmedialen Leitplanken in die schweizerische Debatte abzuwehren.

Alternative „deutsche“ Medienangebote und die alternative „europäische“ Debatte

Die Medienlandschaft der kleinen Schweiz mit ihren 5 Millionen Deutschssprachlern gilt schon länger als das neue „Westfernsehen“. Die schriftliche Bestätigung dessen erhielt ich, als ich die obige Aussage von Müller-Ullrich bei Similarweb anhand der Zugriffsstatistiken für Webseiten nach dem Ursprungsland auf ihre Substanz getestet habe und dabei auch einige schweizerische Medienangebote durchgegangen bin.

Similarweb eignet sich deswegen gut dafür, weil es die fünf wichtigsten Ursprungsländer von Nutzern einer Internetseite anzeigt, die in der Regel mehr als 95% aller Zugriffe ausmachen. Daran, so meine Idee, ließe sich ablesen, inwieweit alternative deutsche Medienangebote (ADMs) aus dem Ausland wahrgenommen werden und welche alternativen Medien – darunter auch ausländische – für deutsche Konsumenten die wichtigsten sind.

Rang ZielseiteMio Zugriffe aus DeutschlandMio Zugriffe aus EU ohne D-A-CHWichtigste EU-Ursprungsländer
1NZZ6,850,07Italien
2Reitschuster4,480,11Frankreich, Schweden
3Tichy4,290,01Niederlande
4Achgut4,150,04Frankreich, Dänemark
5Epoch Times3,910,02Tschechien
6Daily Mail3,320**USA, UK, CAN, AUS
7Pi-News3,080,07Luxemburg, Polen
8RT2,950**Thailand, (sic!) Fiji
9Krone.at2,920,44Ungarn
10Jouwatch2,650,12Luxemburg, Spanien
11Junge Freiheit1,960,03Slowakei, Schweden
12Danisch1,940,09Niederlande
13The Sun1,630**USA, UK, CAN, AUS
14Cicero1,380,03Luxemburg
15ZeroHedge0,710,55Frankreich
16NY Post0,50**USA, UK, CAN, AUS
insgesamt46,7110,37Frankreich, Dänemark, Schweden, Italien, Luxemburg, Spanien, Polen, Niederlande, Slowakei, Tschechien, Ungarn

Die Tabelle bietet einige geradezu bizarre Aussagen:

  • Die NZZ als das mit Abstand größte ADM ist in der Schweiz ansässig und versteht sich als schweizerisch.
  • Das von Boris Reitschuster betriebene zweitgrößte ADM ist weniger als ein Jahr alt und verdankt seinen Erfolg einem einzigen unerwartet entstandenen und zeitlich begrenzten Thema.
  • Mit acht der 16 größten ADMs ist die Hälfte entweder gar nicht oder nur nebenbei Deutsch: NZZ, Epoch Times, Daily Mail, RT, Krone, The Sun, ZeroHedge und die NY Post.
  • Zählt man Achgut zur „Israellobby“, dann ist mehr als die Hälfte der größten ADMs nicht genuin deutsch.
  • Vier der 16 größten ADMs erscheinen auf Englisch.
  • Weniger als 0,01% aller EU-Ausländer teilen ihre alternative Medienerfahrung mit Deutschen.
  • Der Anteil an EU-Ausländern, die regelmäßig ADMs verfolgen liegt im Nanobereich.
  • Der bedeutendstedeutsch-französische Debattenraum abseits des Mainstreams ist der auf Englisch erscheinende US-Blog ZeroHedge.

Diese Werte sollten einem zu denken geben. Similarweb ist sicherlich nicht perfekt und auch wenn ich es persönlich kaum wahrnehme, so weiß ich, das bei Twitter und zunehmend bei Telegram immer wieder sehr schnell die Sprachbarriere überwunden wird. Das gilt allerdings meist nur für skandalöse Videoaufnahmen, wenn wieder einmal ein Migrant sich besonders bereichernd verhält, oder eine Demonstration Ausmaße annimmt, dass sich Revolutionsstimmung breit macht.

Ein Raum für die Wahrnehmung der Alltagsgeschehen in den anderen EU-Ländern, gar eine vertiefte Debatte über den gemeinsamen Kultur- und Wirtschaftsraum, das Netzwerken zum Erreichen gemeinsamer Ziele oder überhaupt nur ein Forum zum Ansprechen von Problemen jenseits von Eliteinteressen, gibt es dagegen nicht. Es ist bezeichnend, dass zu den wichtigsten Ursprungsländern für ADMs innerhalb der EU ausgerechnet das landkreisgroße und zu einem Gutteil ebenso deutschsprachige Luxemburg gehört.

Warum diese nationalen Scheuklappen?

Eine Karte mit der EU des alternativen Spektrums wäre ziemlich klein und sie bestünde quasi nur aus Inseln. Italien bleibt weitgehend abwesend, Polen ist quasi inexistent und auch die Niederlande als großer Nachbar mit deutscher Sprachnähe tröpfelt nur in homöopathischen Dosen in die hiesige Debatte hinein. Woran das nur liegt?

Die Antwort scheint einfach, die Zensur ist es, das Unterdrücken der Viralität für als falsch deklarierte Inhalte. Die eklatante Fehlstelle im alternativen Debattenbewusstsein jedoch ausschließlich mit den gegebenen Repressalien zu erklären – oder vielleicht auch auf Sprachbarrieren zu verweisen (es gibt inzwischen erstklassige Lösungen dafür) – halte ich für falsch. Es wäre leichtfertig und würde das Stellen der eigentlichen Fragen verhindern, die in diesem Zusammenhang den Kern des Problems freilegen können.

In den letzten zwei Jahrzehnten konnten sich entgegen der Dauerpropaganda dagegen überall auf dem Kontinent politische Kräfte etablieren und in das EU-Parlarment einziehen. In aller erster Linie wären sie es, die ein Eigeninteresse daran hätten, dass die Debatte über die Unzulänglichkeiten in Brüssel ein weiteres Forum erhalten als nur die Wählerschaft im eigenen Land. Doch die Briten haben sich bis zu ihrem Abschied genauso auf die Aufklärung ihrer eignen Bürger beschränkt, wie Italiener, Polen, wir Deutsche und alle anderen als Inertialsystem ausschließlich den eigenen Sprachmarkt als Plattform wahrnehmen.

Aus diesen nationalen Scheuklappen und der Unfähigkeit, bis zum Nachbar zusehen, folgt fast schon zwangsläufig, dass man am Ende unter dem Gelächter des Publikums in der Manege politischer Interessen herumgeführt wird. Die Ausnahmen von dieser Regel tatsächlich so selten, dass es sich anfühlt, als hätte Wladimir Putin alleine mehr Kolumnen in deutschen Zeitungen verfasst als die gesamte eurokritische Opposition zusammen. So erbärmlich ist die Situation.

Die Frage ist: Warum hat noch niemand ein potentes Angebot aufgebaut, um diese Lücke im alternativen Spektrum zu füllen? Warum gibt es keine zuverlässige Stelle, wo ich verfolgen kann, worüber gerade in Italien oder auch im Baltikum abseits des Mainstreams debattiert wird? Wieso findet das trotz 12 Jahren Eurokrise und 6 Jahren Migrationskrise noch immer nicht statt? Es gibt einige im Geschäft der politischen Meinungsbildung, die sich im Angesicht ihrer Möglichkeiten dafür an die eigene Nase fassen müssten, dass sie den Aufbau einer solchen Plattform vernachlässigt haben.

Wir brauchen potente Debattenräume

In Anbetracht von 20% EU-kritischen liberalen und konservativen Abgeordneten im EU-Parlament ist kaum zu glauben, dass sich so wenige – eigentlich quasi niemand – in die alternative Debatte jenseits der eigenen Landesgrenze einschaltet, und die wichtigsten Berührungspunkte der alternativen Szene weiterhin im Abseits englischsprachiger Alternativmedien existieren. Denn gefüllt wird das Bewusstsein dort mit sehr vielem, nur nicht mit einem Bewusstsein darüber, warum man als Deutscher, Franzose oder Holländer auf der Suche nach „alternativen Wahrheiten“ überhaupt dort gelandet ist und nicht irgendwo innerhalb der für uns erheblich relevanteren EU. Das sollte man nie vergessen, auch wenn ZeroHedge und wie sie alle heißen, einem wenigstens ein bisschen darüber berichten, was man sonst nirgends erfährt.

Mit dem Wissen um diese Leerstelle, wo eigentlich ein Bewusstsein sein sollte, ist es letztlich in keinster Weise überraschend, dass quasi alle Ideen aus der linksgrünen Ecke, darunter auch die verrücktesten, ihren Weg in die Realität der EU finden, während gleichzeitig rein gar nichts davon verhindert wird. Mehr noch sorgt diese selbstverschuldete Asymmetrie dazu, dass ein liberal-konservatives Kernfundament nach dem anderen geschliffen wird, bis bald nichts mehr da ist.

Burkhard Müller-Ulrich hat recht. Uns fehlen sämtliche Institutionen, die es uns ermöglichen, in einer Weise in die größere Debatte eintreten zu können, um am Ende auch zu entscheidungsrelevanten Ansichten zu gelangen. Denn nur darum geht es am Ende: Wer mitbestimmen will, der muss informierte und pointierte Verhandlungsergebnisse vorlegen können. Nur diese sind mehrheitsfähig und sie werden genau dann mehrheitsfähig, wenn sie zunächst debattiert und so geschliffen werden, dass sich möglichst wenige daran stören. Die Voraussetzung dafür wiederum ist, dass man überhaupt erst einmal herausfindet, worin die eigentliche Debatte besteht. Für all das braucht es Gelegenheiten zum regelmäßigen Austausch ohne obrigkeitsstaatliche Betreuung, das aber gibt es nicht einmal im Ansatz innerhalb von Europa.

Ohne einen gemeinsamen permanenten und breit angelegten Debattenraum ist jede Dissidenz von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Genau deswegen können unsere Eliten dank ihrer Vernetzung heute schalten und walten wie ihnen beliebt.

PS: Wie erwartet hat Google auch diesen Beitrag auf den Zensurindex gesetzt.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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