Linksislamismus: Vom Zweckbündnis zur tödlichen Giftmischung

Linksislamismus: Vom Zweckbündnis zur tödlichen Giftmischung

Vor einiger Zeit sorgte Frankreichs Präsident Macron bei vielen für ein Stirnrunzeln, als er beim Thema Neomarxismus von der gewohnt inkompetent-globalistischen Linie heutiger Staatschefs abwich und der Ideologie den Kampf ansagte. Frankreich müssen die Probleme wirklich bis zum Hals stehen, sonst hätte er das wohl nie getan. Tatsächlich scheint dort die Ideologie des Islamismus eine wesentlich wichtige Rolle zu spielen, als sonst überall der Fall ist. Die linke Blase des Neomarxismus und der Islamismus haben dort mehr als anderswo eine Allianz gebildet, die nicht nur aus gegenseitiger Ausnutzung besteht, sondern tatsächlich auf Gemeinsamkeiten beruht, so dass sie zusammen eine veritable Bedrohung für den heutigen Staat bilden. Wir sollten aufmerksam beobachten, wie sich die Lage in Frankreich weiter entwickelt, der Linksislamismus könnte bald auch bei uns an der Tür klopfen.

The Spectator: An Macrons Krieg gegen den Islamismus ist nichts auszusetzen

Immer diese Franzosen, nicht wahr? Was haben sie der modernen Welt nur alles angetan: Den Existentialismus, den Strukturalismus, den Dekonstruktivismus (mit etwas Hilfe aus Belgien) und natürlich die marxistische Psychoanalyse. Die Liste geht weiter und endet bei etwas, für das sich in Frankreich der Begriff Linksislamismus eingebürgert hat („Islamo-gauchisme“) – bestehend aus einer unheiligen Allianz aus Linken und Islamisten.

Vielen Franzosen stoßen sich an diesem Phänomen. Oder besser gesagt, sie sind sauer auf Präsident Macron und seine Minister. Erstens, weil sie es tatsächlich gewagt haben, in aller Öffentlichkeit davon zu sprechen, dass dieser Linksislamismus tatsächlich existiert, und zweitens, dass es es sich bei diesem Linksislamismus um eine Bedrohung für den Zusammenhalt der Fünften Republik handelt – mehr noch: für die gesamte westliche liberale Ordnung – und dass man ihm deshalb unbedingt widerstehen muss.

Unter den Empörten befinden sich längst nicht nur französische Linke und ihr intellektuelles Vorfeld. Im angloamerikanischen Raum sind überdies auch zahlreiche Akademiker von jener Sorte erzürnt von dem Begriff, die gerne in den Kategorien des Guten denken. Die Islamisten Frankreichs und ihre Sympathisanten wiederum werfen Macron vor, die republikanische Laizität gegen Muslime generell in Stellung zu bringen.Die Qualitätspresse der Anglosphäre schließlich, also das von der New York Times bis zur Washington Post reichende Spektrum, sieht in Anbetracht der Begriffsverwendung bei dem französischen Präsidenten – und manchmal auch den Franzosen im Allgemeinen – Rassismus und Islamophobie mit einem Hauch Autoritarismus.

Worum also geht es wirklich? Hat Macron Recht, wenn er sagt, dass es eine Verschwörung durch Islamisten und Linke gibt, die sich gegen die liberale Ordnung richtet und wir unbedingt dagegen vorgehen müssen? Oder haben vielmehr seine Kritiker recht, von denen einige das Problem nicht sehen, während andere Macron durchaus recht geben, jedoch als Ursache auf den sich als repressive liberale Toleranz tarnenden weißen Herrenrassismus zeigen, gegen den sich ein Aufstand zusammenbraut?

Islamisten und Linke als ihre jeweiligen Nützlichen Idioten

In einem neuen Aufsatz für Policy Exchange analysiere ich, wie Islamisten und die westliche Linke in den letzten 30 bis 40 Jahren gemeinsame Sache gemacht haben, daran gibt es rein gar nichts anzuzweifeln. Zu Beginn der ideologischen Waffenbruderschaft mag dabei seitens der Linken in Bezug auf die Islamisten durchaus das Kalkül des „Nützlichen Idioten“ eine gewisse Rolle gespielt haben, denen nach dem Sieg über den Kapitalismus der kurze Prozess gemacht werden konnte.

Zur Jahrtausendwende scheint sich diese Berechnung jedoch geändert zu haben, als zunehmend Antikriegsproteste und andere Querfrontthemen auf die Tagesordnung drängten. Diese gemeinsamen Ziele scheinen den schleichenden Prozess der Bildung einer gemeinsamen kulturellen und politischen Basis merklich beschleunigt zu haben. Elemente der kritischen Theorie und die postkolonialen Kritik an der westlichen Moderne auf Seiten der Linken gehörten in diesem Zusammenhang zu den wichtigsten Werkzeugen, mit denen die ideologischen Mauern zum theologischen Machtsystem des Islams eingerissen wurden.

In dieser islamoffenen linken Welt sind Hamas und Hisbollah nicht einfach nur als „soziale Bewegungen zu verstehen, die überdies progressiv, links und ein Teil der globalen Linken sind“, wie es die amerikanische Gendertheoretikerin Judith Butler in kaum fehlinterpretierbaren Worten ausdrückte. Sie sind überdies auch – wie Jeremy Corbyn nicht weniger deutlich formulierte – „Freunde“ der Linken überall.

Das sind ziemlich verblüffende Äußerungen. Denn immerhin ist die Hamas genauso wie die Hisbollah und quasi jede andere islamistische Bewegung in ihrem fundamentalen Weltbild nicht nur antisemitisch, sondern auch frauenfeindlich, homophob, identitär, totalitär, rassistisch und generell illiberal am Rande der Totalität. Noch erstaunlicher sind die Aussagen der beiden, wenn man sich die ideologischen Differenzen zwischen Islamisten und Linken vergegenwärtigt. Letztere verneinen absolute Wahrheiten; erstere sehen sich dank Allah und Mohammed im Besitz eines einzigartigen Direktzugangs zu dieser.

Mit der Akzeptanz dieser Beobachtung, wonach diese Differenzen keine Rolle mehr spielen, lassen sich einige Aussagen treffen, die zuvor noch unsichtbar waren. Denn ideologisch bewegt haben sich quasi nur die Linken, deren postmoderner Narzissmus sich darin äußert, dass sie sich davon geschmeichelt fühlen wie die Islamisten ihre Ideologie erlernt haben. Die Linke selbst dagegen hat bei der Durchdringung des Islamismus völlig versagt.

Kein Zeitgeist, sondern ideologische Wurzelfäule

Dieses Missverhältnis ist jedoch nicht auf irgendwelche taktischen Allianzen der letzten Jahrzehnte zurückzuführen. Vielmehr hat dieses Unverständnis seitens der Linken strukturelle Ursachen und liegt tief vergraben und ist zu finden in den Wurzeln der Kritik an der Vernunft der Aufklärung – von Fichte und Schlegel bis zu Heidegger, Adorno, Sartre und Fanon – auf der heute noch immer die zeitgenössische antikapitalistische, anti-universalistische, anti-eurozentrische und anti-liberale Theorie und den Diskurs geprägt wird, und zwar in Europa wie auch in der islamischen Welt.

Für diese Zusammenhänge gibt es komplexe historische Gründe. Aber sie zeichnen sich deutlich ab, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Das Denken der Aufklärungsgegner schlug sich in den Arbeiten zahlreicher muslimischer Reformer des 19. Jahrhunderts nieder, darunter wichtigen Vordenkern der Moslembruderschaft und anderer heute weit verbreiteter Islamistenorganisationen, wie etwa: Sayyid Qutb, Abul A’la al Mawdudi, Jalal Al-e-Ahmad und Ali Shariati – nachzeichnen.

Die größte Eruption aufgrund einer geistigen Schmelze zwischen Okzident und Orient ereignete sich mit der Iranischen Revolution im Jahr 1979. Damals glaubte der französische Philosoph und Schutzpatron des Poststrukturalismus Michel Foucault das Aufkommen einer neuen Form der „politischen Spiritualität“ zu beobachten, deren Schicksal es sei, einer von der Ratio der Aufklärung ihrer Mystik beraubten Welt wieder ein Stück Authentizität zurückzugeben.

Die linksislamistische Allianz trägt Früchte

Diese Art des mystischen Denkens ist mittlerweile dominant in den Sozial- und Geisteswissenschaften des westlichen Wissenschaftsbetriebs. Die dort vorherrschende Dekontruktion aller moralischer und politischer Grundlagen, auf denen die zeitgenössische westliche Staatsvorstellung beruht, wurde von Islamisten nur zu gerne für ihre eigenen Zwecke adaptiert. Die Folge war eine enge epistemische Allianz, die sich gegen die liberale Ordnung wendet und die Konsequenzen daraus schwappen immer öfters in praktische Lebensbereiche über.

Es gibt heute zahlreiche politische und allgemein gesellschaftliche Belange, in denen die Debatte und mehr noch jeder Widerstand gegen den unter ideologischer Vorgabe eingeschlagenen Weg unterdrückt wird. Dies reicht von der Extremistenbekämpfung, über die Polizeiarbeit, bis hin zur Bildung, dem Umgang mit sozialer Benachteiligung und der Gleichheit vor dem Gesetz. Die Stoßrichtung der Zersetzungsarbeit spiegelt sowohl die identitäre Besessenheit von Islamisten und Linken wieder, als auch die von den beiden Weltanschauungen geteilte Charakterisierung westlicher Staatswesen als prinzipiell unterdrückerische Systeme. Die Überzeugung, dass dem so sei wurde in den letzten Jahren – vor allem im Zusammenhang mit der kritischen Rassentheorie – in den Leitmedien, in der Privatwirtschaft, im ehrenamtlichen und kulturellen Sektor, im Sport und sogar in Teilen der Staatsführung immer mehr zum Diktum erklärt. Die meisten unter jenen, die sich dieses neue Leitbild lediglich aus Opportunismus zu Eigen gemacht haben, durchblicken oftmals nicht, was sie damit in Wirklichkeit gutheißen.

In der normalen Bevölkerung lässt sich ein erheblicher Widerstand gegen diesen fundamentalen ideologischen Richtungswechsel festmachen, wobei es selbst unter Linken einige gibt, die in fundamentaler Weise die Implikationen dieser Entwicklung ablehnen – und das längst nicht nur aus der Angst heraus, dass sie womöglich zu den ersten Opfern der Islamisten gehören könnten. Sie sind sich der Gefählichkeit dieses Neuaufguss der Gegenaufklärung völlig bewusst – und sie wissen, dass der Kampf gegen die Aufklärung nur andere, wichtigere Aufgaben verdrängt.

Der Staat muss die offene Debatte garantieren

Das Theoriegebäude konnte die politische Linke und den Islamismus nur deswegen unter einem Dach vereinen, da diesem gänzlich das Element der Dynamik fehlt. Es besteht aus nicht mehr als einer Sammlung existenzialistischer Positionen, nach denen bestimmten Gruppen aus unterschiedlichen Gründen der prinzipielle Status eines Opfers zugestanden wird, was praktischer Abhilfe gegen Mangelzustände fundamental einen Riegel vorschiebt. Vor allem aber untergräbt diese neue Ideologie den sozialen Zusammenhalt, die freie Kommunikation und das gegenseitige Vertrauen, auf denen jede politische Gemeinschaft beruht. Eigentlich wäre es die Pflicht einer jeden Regierung, sich in Anbetracht eines solchen Problems an die Öffentlichkeit zu wenden, wenn die Grundpfeiler der sozialen und politischen Ordnung bedroht sind.

Unsere Lebensweise wird von etwas bedroht, das sich nicht mit Sanktionen oder rechtlichen Zwangsmitteln besiegen lässt. Der Glaube an absurde und gefährliche Ideologien ist ein Kernelement der Freiheit. Doch es gehört ebenso zu dieser Freiheit, eine offene Debatte darüber einzufordern, um die aufgestellten Behauptungen einer Prüfung zu unterziehen. Jeder sollte dabei mithelfen – wie es die Regierung bereits vorgemacht hat – dass jeder, der an dieser Debatte teilnehmen möchte und dazu beitragen will, die im Raum stehenden Behauptungen durch die Ideologie zu widerlegen, dies ohne Gefahr für sich selbst oder seinen Ruf machen kann.

Vielleicht könnte die britische Regierung vielleicht sogar ihrem französischen Pendant nacheifern und ebenso eine Untersuchung zur Frage einer linksislamistischen Allianz einleiten. Im Rahmen dieser könnten unter anderem ausgelotet werden, wie genau es möglich wäre, an den Bildungsinstitutionen des Landes für ein breiteres Spektrum an Meinungen zu sorgen, wie vernünftige Kritik ermöglicht werden könnte, und wie die Universitäten und andere relevante Einrichtungen gleichzeitig ihren Verpflichtungen zu Freiheit und – was ebenso wichtig ist – intellektueller Vielfalt gerecht werden können.

Es ist zweifelsohne in unser aller Interesse, dass Präsident Macron Erfolg haben wird bei seinem Versuch, die Angriffe der beschriebenen Art gegen die liberale und säkulare Ordnung seines Landes abzuwehren. Den ersten Schritt dorthin hat er mit der Benennung der Herausforderung bereits getan. Wir sollten diesem Beispiel folgen und uns ausnahmsweise einmal bei Gott für die Franzosen bedanken.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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