ESG-Ratings: Wunderwaffe der Gerechtigkeit oder globalistische Zwangsjacke für Unternehmen?

ESG-Ratings: Wunderwaffe der Gerechtigkeit oder globalistische Zwangsjacke für Unternehmen?

Über dieses Video bin ich auf sogenannte ESG-Ratings aufmerksam geworden, die bislang komplett an mir vorbei gegangen sind. Dabei handelt es sich um eine neue Art von Unternehmensbewertung in der Art von Ratingagenturen mit dem Unterschied, dass nicht die rein ökonomischen Aspekte von Unternehmen bewertet werden, sondern alles andere. In dem Video werden ESG-Ratings hingestellt, als kämen sie direkt aus der Vorhölle irgendwo in den Bergen um Davos. Im Allgemeinen kann ich dem Urteil nur bedingt zustimmen, doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

Was ist „Ecologic and Social Governance“?

Selten in der Welt der neumodernen Akronyme lässt sich an den Worten hinter dem Kürzel ESG direkt ablesen, worum es geht. Die „ökologische und soziale Unternehmensführung“, so die direkte Übersetzung des Konzepts, soll Transparenz schaffen hinsichtlich des ökologischen und sozialen Einflusses von Unternehmen. Im Rahmen von ESG-Ratings werden Unternehmen ganzheitlich betrachtet, wobei alle unternehmensrelevanten Aspekte mit einbezogen werden, um daraus eine Bewertungsnote zu bilden.

An den verschiedenen Artikeln über ESG-Ratings lässt sich ihr großer Durchbruch auf irgendwann Mitte bis Ende 2019 bestimmen, so dass ich meine Bildungslücke zumindest teilweise mit Corona entschuldigen kann. Davor gab es zwar auch schon unterschiedliche Ansätze in diese Richtung, wobei es laut einer Grafik bei MSCI bereits 1990 losging. Die eigentlichen ESG-Ratings nahmen allerdings erst ab den 2000er Jahren im Zweijahrestakt an Fahrt auf.

Mir selbst war bis dato lediglich ein Ansatz des Spitzenmanagers Jochen Zeitz bekannt, der vor vielen Jahren schon eine Art „ökologische Buchführung“ vorschlug, die zumindest in seinem damaligen Unternehmen Puma auch eingeführt wurde. Bei dieser zweiten Ebene der Buchführung geht es darum, bei Investitionsentscheidungen immer auch die ökologischen Folgen mit zu berücksichtigen. Oftmals liegen Alternativen finanziell recht nahe beieinander, so dass ein eindeutiger Vorsprung der einen Alternative in ökologischer Hinsicht als eine zweite Entscheidungsebene hinzugezogen werden kann. Im Zweifel wird dann die ökologischere Variante gewählt.

Als ich davon gehört habe, gefiel mir dieses Konzept sehr gut, da es keinen Zwang ausübt, sondern im Gegenteil eine weitere Differenzierungsebene für die gegebenen Opportunitäten schafft. Sofern alles mit rechten Dingen zugeht, erhöht sich dadurch die unternehmerische Entscheidungsqualität. Im Unterschied dazu sind ESG-Ratings wesentlich umfangreicher hinsichtlich der berücksichtigten Faktoren und sie kommen auch nicht von innen, sondern werden von außen vergeben. Die Frage wäre, wie sinnvoll das ist und worin die potenziellen Probleme liegen.

Auf Sand gebaute Informationsbasis

Im großen und ganzen funktionieren alle ESG-Ratingsysteme vergleichbar, zumindest legen das die öffentlich einsehbaren Informationen darüber nahe. Hier kommt aber schon das erste Problem, da das eigentliche Rezept für das Rating geheim bleibt. Analog zu den klassischen Ratingagenturen aus den USA stellt sich daher die Frage, inwieweit die Integrität derartiger Bewertungen sichergestellt werden kann. Diese Integrität ist immer dann ganz besonders wichtig, wenn es eine Kontroverse um das Unternehmen, dessen Eigentümer oder das Heimatland des Unternehmens gibt. Man denke etwa an Russland. Die Frage ist, ob man aktuell einer in den USA oder Großbritannien erstellten ESG-Bewertung für Gazprom vertrauen kann.

Für Thomson Reuters als einem der großen Spieler im Geschäft findet sich in diesem Dokument auf den Seiten sechs und acht eine Grafik und eine Tabelle, in denen jeweils aufgeschlüsselt wird, welche Bereiche in deren Rating von Bedeutung sind und inwieweit die einzelnen Aspekte darin gewichtet werden. Jeweils ein Drittel der Bewertung fällt auf soziale, ökologische und Aspekte der Unternehmensführung. Thomson Reuters beurteilt für sein ESG-Rating insgesamt 178 unterschiedlich Aspekte, der Konkurrent Refinitiv berücksichtigt mit 186 Aspekten eine Handvoll mehr und teilt diese laut Webseite darüber hinaus in über 400 Detailpunkte auf.

Daraus lässt sich ableiten, dass die Detailtiefe von ESG-Ratings wesentlich geringer ist als bei klassischen Ratings, was insbesondere für große Mischkonzerne mit zahlreichen Unterabteilungen und Tochterunternehmen gilt, für die es jeweils eigene Zahlen gibt. In diesem Vergleich zeigt sich die große Schwäche von ESG-Ratings, auf die in diesem Werbetext von Alva eingegangen wird:

While a business may have a strong policy… if that information is not in the public domain, it won’t impact its ESG score.

Auch wenn es sich bei dem fraglichen Text um Werbung für ein Produkt handelt, welches eine Lösung anbietet für das Problem der mangelnden Informationstiefe bei ESG-Ratings, lässt sich feststellen, dass es das Angebot vermutlich nicht gäbe, wenn dieses Problem nicht existieren würde. Tatsächlich bestätigt Thomson Reuters das Problem indirekt, indem sie schreiben:

„…we process numerous publicly available information sources…“

Es ist gut möglich, dass Alva als spezialisierter Informationsanbieter sogar zu den Kunden von Thomson Reuters gehört. Das Problem wird Alva aber nur bedingt beseitigen können. Denn im Unterschied zu dieser noch jungen Innovation steht den klassischen Ratingagenturen teils jahrhundertealte und von einem Dickicht an gesetzlichen Regelungen und Veröffentlichungszwängen durchzogene Informationsfülle an statistischen Zahlen zur Verfügung. Hinzu kommen hohe Strafen bei Verstößen gegen diese Veröffentlichungspflichten, bei der Verletzung von ESG-Standards gibt es bislang nichts vergleichbares.

Trotz moderner Möglichkeiten zur Datenverarbeiten muss daher bezweifelt werden, ob die Lernkurve bei ESG-Ratings schnell genug nachziehen kann, um ebenso zu sinnvollen Ergebnissen zu gelangen. Vor allem dann, wenn die bewerteten Unternehmen gegenüber den Anforderungen von ESG-Ratings selbst eine Lernkurve durchlaufen haben, könnte es bald schon so enden wie bei Energieverbrauchsangaben von Kühlschränken.

In Abwesenheit konkreter Informationsmöglichkeiten ist das einzige, was dann noch einen merklichen Unterschied zwischen einzelnen Unternehmen schaffen würde, die Verschiebung der Achse hin zu immer rigideren Bewertungsstandards. Das aber könnte sich irgendwann in sein Gegenteil verkehren und den „Stakeholdern“, wie Klaus Schwab sich ausdrücken würde, mehr schaden als nutzen.

Mangelnde Durchdringungstiefe seitens der Betreiber

Die wohl größte Pervertierungsgefahr für ESG-Ratings geht aber vermutlich von der Doppeldeutigkeit einiger der Kriterien aus. Manche davon sind überaus konkret, wie etwa die CO2-Emissionen eines Unternehmens, die sich relativ einfach von außen bestimmen lassen. Andere Kriterien wiederum, die sich vor allem im Bereich für Soziales wiederfinden, sind deutlich weniger zuverlässig. Namentlich genannt sei hier das MSCI Women‘s Leadership, mit dem das folgende hehre Ziel verfolgt wird:

The index aims to represent the performance of those companies that exhibit a commitment towards gender diversity among their board of directors and among the leadership positions.

Die beiden fett gedruckten Worte wurden von mir hervorgehoben. Sie zeigen, wie sehr man bei MSCI an den eigenen Quatsch glaubt, den man zu verkaufen versucht. Insbesondere Gender ist ein verräterisches Signalwort, da es nur im Zusammenhang mit Grammatik oder der neomarxistischen Kritischen Theorie existiert. In Verbindung mit dem zweiten Stichwort der „diversity“ ist der Fall dann klar. Nicht die Frauenförderung steht hier auf dem Programm, wie es der Titel verspricht, sondern die Förderung von „Gender“ und damit der Genderideologie. Unbekannt bleibt, inwieweit sich MSCI und die anderen ESG-Ratingagenturen über den Unterschied im klaren sind. Fest steht damit allerdings, dass sie zumindest eine (Fehl?)Interpretation des Kriteriums begünstigen.

Im oben verlinkten Video erklärt der Kommentator mit genau diesem Punkt die derzeitige Manie großer Marken mit der Buchstabensexualität. Es gibt wohl kein Logo, das anlässlich des „Pride Month“ nicht mit einem Regenbogen versehen hat, jedenfalls kein westliches Logo. Einen schlagenden Beweis dafür,dass die ESG-Ratings dafür verantwortlich sind, sehe ich zwar nicht, die Indizien aber deuten stark darauf hin.

Offen bleibt bei diesem Erklärungsansatz, warum die Unternehmen dieser Huldigung auch nur in der westlichen Welt nachgehen, nicht aber in der islamischen (siehe zB auch die relative Stille beim Regenbogenzwischenfall bei der Fußball-EM in Baku). ESG-Ratings gibt es jedenfalls auch für Unternehmen, die in Arabien ansässig sind und man sollte annehmen, dass ESG-Ratingagenturen auch berücksichtigen, wie sich die bewerteten Unternehmen im etwas weiter entfernten Ausland verhalten.

Das „S“ in ESG-Rating ist aber nicht die einzige kritische Schwachstelle in Bezug auf die Klarheit der Kriterien und das Verständnis durch ihre Betreiber. Wie oben beschrieben sind die Kriterien im ökologischen Bereich zwar zuverlässiger, weil sie eindeutig messbar sind. Doch auch bei diesen scheinen nicht alle auf der Höhe der Zeit zu sein. So schreibt die ehemals elitäre Harvard Business Review über die Rolle von Aufsichtsräten in Bezug auf ESG-Ratings:

For example, the effects of climate change are no longer simply future projections. The impacts are here and real today with GDP ramifications: 100-year storms repeating in just a matter of years…

Diese Aussage ist faktisch inkorrekt. Das IPCC, bei dem es sich sicherlich nicht um eine Organisation für Klimaleugner handelt, bestätigt selbst, dass die Zahl der Extremwetterereignisse nicht zugenommen hat. Man könnte dies als mangelnde journalistische Sorgfalt abtun. Allerdings handelt es sich bei einem der beiden Autoren um eine gewisse Silda Wall Spitzer, die in der Vergangenheit eine private Investmentfirma geleitet hat und eine „langjährige Fürsprecherin für die Umwelt“ ist. Wenn sich jemand frei von Schwächen mit dem „E“ in ESG-Ratings auskennen sollte, dann sie. Ein gutes Zeichen für die Qualität von ESG-Ratings ist das nicht.

Unausgereift auf den Markt geworfen

Die prinzipielle Idee hinter ESG-Ratings ist nicht schlecht. Das Problem liegt eher in der Weite des Wurfs. Es sind viel zu viele kaum quantifizierbare und vergleichbare Metriken aus den unterschiedlichsten Bereichen, die in eine einzige Zahl gepresst werden. An diesem einen eindeutigen Kennwert soll sich dann alles orientieren. Probleme mit derartigen Vergleichen sind altbekannt. Beispielsweise sind Abschlussarbeiten auf statistischer kaum miteinander vergleichbar, ohne dabei jegliche qualitative Aussage zu verlieren.

Dennoch wurden ESG-Ratings mit Hochdruck in den Markt gedrückt. Als weiteres Minus wird sich unter den Verantwortlichen sicherlich auch ein gewisser Klaus Schwab befinden, was die Sache nicht sympathischer macht – dafür umso realer. Inzwischen weisen quasi alle Unternehmen ein ESG-Rating aus, hier beispielsweise findet sich die Liste für jene im DAX30. Der Ölkonzern Enel hat sich gleich ein ganzes Dutzend an ESG-Ratings verpassen lassen, wobei sich dort auch zeigt, wie neu das Konzept überhaupt ist.

Trotzdem halten sich die ersten Kapitalgeber an die ESG-Ratings, als sei deren Wirkung jenseits aller Zweifel erhaben. Vorweg geht wie so oft die Schwedische Reichsbank, die nur noch dann Anleihen von Unternehmen aufkaufen will, wenn den Reichsbankern deren ESG-Rating gefällt. Andere Zentralbanken werden sicherlich folgen, wobei die EZB wohl als nächstes an der Reihe sein wird. Die Methode folgt dabei der bisherigen Zentralbankpolitik, nur dann Unternehmensanleihen aufzukaufen, wenn diese über eine Bewertung der klassischen Ratingagenturen verfügen. Diese Praxis führt heute schon zu massiven Verwerfungen mit der Folge einer Kapitalkonzentration, weil sich nicht alle Unternehmen ein Rating für ihre Schulden leisten können. Ähnliches ist bei der zwingenden Existenz eines ESG-Ratings zu befürchten.

Was kommen wird

Leider wird sich die Politik nicht mehr von ihrer Idealpolitik abbringen lassen. ESG-Ratings sind da und sie werden mindestens so lange bleiben, bis entweder alle Unternehmen ein AAA-Rating haben, oder aber ein Unternehmen zu viel deswegen in die Pleite gerutscht ist. Interessant sind daher die Auswirkungen, die von ESG-Ratings als neuem relevanten Entscheidungsinstrument auf das Marktgeschehen ausgehen werden.

1. Der Trend geht zum Mischkonzern

Einige Unternehmen werden es schwer haben, die Kriterien zu erfüllen. Insbesondere klassische Stahlunternehmen wie ThyssenKrupp sind strukturell kaum fit für die bunte Welt der ESG-Ratings. Diese Unternehmen sind größtenteils männlich und sie verkaufen ein größtenteils ausgeforschtes Produkt, für das es kaum Optimierungspotenziale gibt. So lange man Frauen nicht zu einer Karriere als Stahlkocher zwingen kann, werden auch in deren Ränge folglich kaum Frauen aufsteigen können.

Hinzu kommt das Problem des hohen Energieverbrauchs, wobei das Stahlkochen überdies CO2-intensive Kohle benötigt. ESG-Ratings vergleichen zwar größtenteils branchenweise, jedoch ist nicht ausgeschlossen, dass der CO2-Preis wie auch der politische Druck auf den Sektor weiter steigen wird. Im Unterschied zu Ölkonzernen können sich Stahlunternehmen aber nicht teilen und die einzelnen Wertschöpfungsstufen als eigenständige, ESG-optimierte Unternehmen betreiben. Ein Hochofen ist ein Hochofen, eine Aufspaltung ist nicht möglich.

Folglich wird es dazu kommen, dass Unternehmen mit nur geringer ESG-Variabilität entweder aufgekauft werden, oder sich selbst ein Portfolio an Unternehmen einkaufen werden, mit deren Hilfe sie sich strukturell verbessern können. Verrücktheiten wie etwa „ThyssenKrupp-H&M“ sind nicht gänzlich ausgeschlossen, da in Modegeschäften eher Frauen arbeiten und nur wenig CO2 emittiert wird. In der Summe könnte sich ein derartiges Unternehmen ausreichend besserstellen, um auch bei den Portfoliomanagern der Riksbank Beachtung zu finden.

2. Die Japanisierung schreitet voran

Mit Japanisierung ist zum einen das oben angesprochene Aufteilen von Unternehmensbereichen in ESG-optimierte Subunternehmen gemeint. Insbesondere der Aspekt der geforderten Gehälterhomogenität könnte dies befördern. In Japan gibt es ein Gesetz, das unternehmensintern eine maximale Spreizung der Gehälter vorschreibt. In der Folge begannen Unternehmen damit, einzelne Bereiche nach Maßgabe der Gehälter herauszulösen und sie eigenständig zu betreiben. Heute gibt es auf dem japanischen Arbeitsmarkt eine persistente Zweiklassengesellschaft.

Bei ESG-Ratings ist dabei nicht nur das Gehalt eine Bestimmungsgröße, die dies begünstigen könnte. Auch andere Aspekte können dazu führen, sollten sie von überragender Bedeutung für die Einstufung sein. Eine Neustrukturierung beispielsweise könnte durchgeführt werden, um in eine neue Vergleichsklasse zu kommen, in der das Unternehmen besser dasteht als in der alten.

Ebenso zur Japanisierung gehört die Optimierung der Risikoauslagerung. Abhängig von der Bedeutungvon ESG-Ratings für Investoren und vor allem Zentralbanken könnte es für hoch verschuldete und kaum mehr produktive Unternehmen von Vorteil sein, keine wirtschaftliche Sanierung vorzunehmen, sondern eine ESG-Sanierung. Das Unternehmen könnte in diesem Fall auch ohne Gewinne so lange am Markt weiter dümpeln, bis der Zentralbank das Geld ausgegangen ist. Den eigenen Geschäftszweck hätte es dann verloren und würde in der Hauptsache nur noch als Einkommensgelegenheit für ESG-Optimierer dienen.

3. Entweder wachsen oder verschwinden

Die oben erwähnte Kapitalkonzentration wird sich erheblich verstärken. Grund dafür ist die Ungleichbehandlung von Großunternehmen und kleineren Marktteilnehmern, da sie die zusätzlichen Kosten auf weniger Köpfe verteilen können. ESG-Ratings genauso wie die Umsetzung verschiedener Maßnahmen kostet Geld. Gleichzeitig wurde ihre Bedeutung so weit vergrößert, dass sich quasi kein Mittelständisches Unternehmen mehr den Verzicht auf einen spezialisierten Mitarbeiter leisten kann.

Im Einzelfall mögen diese zusätzlichen Kosten gering ausfallen. Doch alleine der Zwang, sich per Kredit ein ESG-Rating einzukaufen, nur damit man den Kredit überhaupt erst bekommt, hat etwas perverses an sich. Insbesondere auch der von vielen ESG-Ratingagenturen geforderte Mindestumsatz von mindestens einer Milliarde Dollar lässt sich kaum anders kommentieren, was insbesondere dann kritisch zu sehen ist, sollte die Politik hier nicht einschreiten und auch Bewertungen für kleinere Unternehmen erzwingen.

Aber auch ohne diese beiden Faktoren werden kleinere Unternehmen absehbar nur noch dann erfolgreich sein können, wenn sie entweder keinerlei Schulden haben, oder in der Lage sind, jederzeit frisches Eigenkapital aufzunehmen. Sollte beides nicht funktionieren, dann bliebe nur noch die eigene oder eine fremde Übernahme. Abgesehen von Neugründungen könnten KMUs tatsächlich daher bald schon den ESG-Massentod sterben.

4. Rekursive Rufschädigung

Ein großes Problem könnte sich auch aus der ESG-Optimierung der Wertschöpfungskette ergeben. Wie im ersten Punkt beschrieben, lassen sich einige Sektoren kaum ESG-optimieren, während sich ihre Produkte gleichzeitig nicht substituieren lassen. Sämtliche Endprodukte, die an dieser Kette hängen, werden dadurch strukturell zunehmend in Rückstand geraten. Dies hätte weitere Verzerrungen bei den Unternehmensstrukturen zur Folge und könnte sogar zu einer Zweiteilung der Volkswirtschaft führen.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich mit der Zeit im Konsumentenbereich ganze Produktsegmente abkoppeln, wenn sie den ESG-Anforderungen in Gänze nicht mehr entsprechen, aber dennoch weiterhin nachgefragt werden. Die Folge wären deutlich höhere Preise, da die billige Refinanzieungsmöglichkeit über Großinvestoren und Zentralbanken nicht mehr gegeben wäre. Vorstellbar wäre dies beispielsweise bei Flugunternehmen oder Herstellern von Schusswaffen, wobei letztere in einzelnen ESG-Ratings heute schon als eigener Punkt negativ bewertet werden.

Die Konsequenz daraus wäre eine zweigeteilte Volkswirtschaft mit einem geschlossenen Kreislauf wenig produktiver staatlich gestützter Großunternehmen und einem zweiten geschlossenen Kreislauf hochprofitabler rein privater Unternehmen. Da letztere keine ESG-Ratings mehr benötigen, wären diese sehr wahrscheinlich mittelständisch geprägt. Es ist jedoch fraglich, ob die Politik eine derartige Entwicklung zuließe.

Das Kleingedruckte

Über die positiven Auswirkungen eines gut ausgearbeiteten ESG-Regimes braucht man nicht diskutieren, sie ergeben sich von selbst. Daher habe ich mich auf die negativen Konsequenzen beschränkt, die sich systemimmanent ergeben könnten. Nicht eingegangen bin ich auf die externen Risiken, von denen mir bei meiner Recherche vor allem eines aufgefallen ist, weil ich erst tief in den Detailerklärungen danach suchen musste: Die Korruption.

Weder findet sich allzu viel über die Verhinderung von Korruption gegenüber den ESG-Ratingagenturen, wie auch über die Korruption durch die bewerteten Unternehmen. Dabei handelt es sich doch eigentlich um den Kern der „good corporate governance“, wie es neudeutsch ausgedrückt wird. Ohne das explizite Adressieren all jener Stellen, in denen im ESG-System Korruption entstehen kann, aber auch durch das ESG-System aufgedeckt werden könnte, ist das ganze Programm nutzlos.

Angesprochen wird die Korruption zwar mitunter durchaus, aber man muss schon sehr genau danach suchen, zumal bei weitem nicht alle ESG-Ratingagenturen darauf eingehen. Eines der besten Suchergebnisse ist noch diese Folie eines kleinen deutschen Anbieters, der auf Russland spezialisiert ist und das Thema ausführlich abarbeitet.

Bei MSCI, einem der ganz großen Anbieter, wurde ich nach einigem Suchen in dieser PDF auf Seite 10 fündig. Dort wird Korruption zwar aufgeführt und fließt auch in die Bewertung für den Bereich Soziales ein, wobei es eher Sinn machen würde, diese im Bereich Governance zu berücksichtigen. Neben der generellen Fehlplatzierung bei MSCI muss sich die Korruption ihre Bedeutung gleichgewichtet teilen mit Aspekten wie dem „Gender Pay Gap“ und dem Frauenanteil im Aufsichtsrat. Genau daran lässt sich meines Erachtens denn auch die fundamentale Ausrichtung und damit die wirklichen Absichten hinter den ESG-Ratings ablesen.

Abschließend noch ein kleiner sachdienlicher Hinweis: Weder für die ARD, noch deren Regionalsender und auch nicht für das ZDF konnte ich ein ESG-Rating finden. Das wäre doch einmal eine Forderung, oder vielleicht ein Projekt für eine Schwarmfinanzierung. Wer weiß, vielleicht könnten wir der Bande damit sogar einen Strick drehen. Mindestens in puncto Transparenz würden sie wahrscheinlich irgendwo auf Höhe eines afghanischen Teppichhändlers landen.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de
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