Die Wahrheit über Corona in Indien: 200.000 tote Kinder infolge des ersten Lockdowns

Die Wahrheit über Corona in Indien: 200.000 tote Kinder infolge des ersten Lockdowns

Bis vor kurzem projizierte die Bundesregierung bevorzugt Brasilien als Schreckgespenst in die Köpfe der Bevölkerung, um Angst vor den Konsequenzen zu verursachen, falls nichts gegen die Coronapandemie unternommen wird. Leider fiel niemandem auf, dass damit das Schlimmsfallzenario für Deutschland um den Faktor zehn unterlaufen wurde. Doch das spielt inzwischen keine Rolle mehr, nachdem die Lage in Indien außer Kontrolle geriet und es zu unschönen Szenen kam, die sich noch viel besser zur Aufrechterhaltung der Angst hierzulande eignen. Über die Details schweigt man sich aus, denn auch im Fall von Indien gibt es Grund zur Annahme, dass sie für Deutschland nicht relevant sind.

Der erste Lockdown endete in einer Katastrophe

 

Bei YouTube findet sich ein 12 Minuten langes Interview mit dem indischen Epidemiologen Jay Bhattacharya. Der Professor an der Stanford Universität verfügt über einen ziemlich beeindruckenden Lebenslauf, der über ihn verrät, dass er kein Fachidiot ist, sondern dass dank seiner Abschlüsse in Ökonomie und Medizin darin geübt ist, über den Tellerrand zu blicken.

Bhattacharyawarum gehört zu den Unterzeichnern der im Oktober letzten Jahres entstandenen Great Barrington Erklärung. Darin warnten zahlreiche Experten aus aller Welt vor den Auswirkungen der Lockdowns, da dieser „kurz- und langfristig verheerende Auswirkungen“ auf die Menschen hätte. Sie empfahlen darin, die Strategie der Herdenimmunität zu verfolgen, indem Personen mit nur niedrigem Sterberisiko ein möglichst normales Leben erlaubt wird, damit sich das Virus bei diesen verhältnismäßig gefahrlos und mit nur geringen Kosten für die Gesellschaft insgesamt verbreiten kann, bis sich die Pandemie irgendwann totgelaufen hat.

In dem Interview mit dem Spectator erklärt Bhattacharya, dass die indische Regierung deswegen so vorsichtig ist bei der Verhängung eines zweiten Lockdowns, weil der erste zu katastrophalen Folgen geführt hat. Er warf dazu die Frage auf, warum das Land noch einmal in den Lockdown gehen sollte, wenn doch der erste schon nicht funktioniert hat.

 

 

Massive Migrationsbewegung

 

Er führt aus, dass sich zahllose Dorfbewohner als Tagelöhner in den Molochs von Indien verdingen, indem sie beispielsweise am Straßenrand Getränke verkaufen. Als die Regierung den ersten Lockdown aussprach, verloren diese Menschen übernacht ihre Lebensgrundlage, da ihre Einkünfte meist nicht länger als einen Tag ausreichen, so dass sie dazu gezwungen waren, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren, die teilweise hunderte Kilometer von den großen Metropolen entfernt liegen.

Dadurch kam es einmal zu einer Überlastung der öffentlichen Transportmittel – der gesamte Subkontinent ist ohnehin bekannt dafür – was zu zahlreichen Ansteckungen geführt haben musste. Des weiteren waren laut Bhattacharya zahlreiche der Tagelöhner sogar dazu gezwungen, den Weg nach Hause zu Fuß zurücklegen, weil sie wegen des plötzlich wegbrechenden Geschäfts kein Geld mehr für eine Fahrkarte hatten.

Manche sprechen vom ersten Lockdown in Indien deswegen sogar von der größten erzwungenen Migrationsbewegung seit der Teilung des Landes in Indien und Pakistan. Damals starben Millionen Menschen, als sie aufgrund von ihrer Religion eines der beiden neuen Länder verlassen haben. Mit dem ersten Lockdown wiederholte sich dieses Unglück, wenngleich in geringerem Maße.

 

Zigtausend tote Kinder nach Unterbrechung der Versorgung

 

Mit dem Lockdown und dem Ausfall der zahllosen Tagelöhner brach in den großen Städten der Dienstleistungssektor zusammen, der sich zu einem Gutteil auf Handlangerarbeiten stützt. Dadurch kam es zu Friktionen im täglichen Wirtschaftsleben, was dazu führte, dass zahlreiche Produkte knapp wurden. Da Knappheiten stets bis zu den Ärmsten durchgereicht werden, litt insbesondere das Millionenheer der Slumbewohner am Lockdown. Für sie wurde selbst das einfache Überleben sehr schnell zu teuer, was sich wiederum auf deren Kinder ganz besonders hart auswirkte.

Schätzungen zufolge starben laut Bhattacharyabis zu 200.000 Kinder aufgrund des vom Lockdown verursachten Mangels an Nahrungsmitteln, sowie aufgrund der mangelnden medizinischen Betreuung, da der Fokus im Gesundheitsbereich ähnlich wie auch bei uns voll auf die Bekämpfung von Corona gelegt wurde. Alles andere musste zurückstehen und das bedeutet in einem Land mit einem pro Kopf BIP von 2.000 Dollar pro Jahr, dass für die medizinische Betreuung sonstiger Leiden rein gar nichts mehr zur Verfügung steht.

Bhattacharya sagte, ein zweiter Lockdown wäre aufgrund der Erfahrung vom ersten nur noch grausam. Es ist unbekannt, ob er die indische Regierung berät. Allerdings sieht es danach aus, als wäre man dort zur selben Erkenntnis gekommen. Ein scharfer Lockdown infolge der massiven zweiten Welle wurde dort bislang noch nicht verhängt, wobei Bhattacharya die Welle schon wieder am abflauen sieht.

 

Indien hat die falschen geimpft

 

Professor Bhattacharya geht auch auf Fehler ein, die Indien überhaupt erst in diese Lage geführt haben. Neben der Angst vor einer Wiederholung der Katastrophe, die auf das Verhängen des ersten Lockdowns folgte, kam es auch zu hausgemachten Fehlern beim Ausrollen der Impfkampagne. Obwohl Indien über eine sehr gut ausgebaute Pharmaindustrie verfügt, die neben Generika auch zahlreiche Impfstoffe herstellt, so dass im Grunde genommen alles da war für die notwendige Impfstoffvergabe, wurde bei der Priorisierung quasi alles falsch gemacht.

Seit Beginn der Impfkampange in Indien erhielten 9,4 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis, jedoch gab es keine Priorisierung der Alten als der bedeutendsten Risikogruppe. Mit Priorisierung der Alten hätten aktuell alle über 65 Jahre alten Inder bereits mindestens eine Dosis erhalten, da diese nicht mehr als 7 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Tatsächlich gingen, wie Bhattacharya meint, nur 40 Prozent aller Impfdosen an diese Personengruppe.

Es war die falsche Priorisierung bei der Verteilung der Impfdosen, die laut Bhattacharya zu sehr hohen Hospitalisierungsraten führte, so dass katastrophenartige Bilder überhaupt erst entstehen und um die Welt gehen konnten.

Auf die Gründe für diese krasse Fehlallokation geht Bhattacharya nicht ein. Vermutlich ist dies aber auf die mangelhafte Verbreitung medizinischer Infrastruktur auf dem Land zurückzuführen, zuzüglich notorisch ineffektiver behördlicher Strukturen in Indien. Hinzu kommt sehr wahrscheinlich noch die alltägliche Korruption in Indien. Immerhin verfügt das Land über eine zahlenmäßig sehr große globalisierte Mittelschicht, die sich die persönliche Priorisierung bei der Impfung womöglich ein paar Rupien hat kosten lassen.

 

Was Indien helfen würde

 

Auf die Frage, was Indien helfen würde meint Bhattacharya, dass die Regierung mit den Alten zuallererst endlich die richtigen Personen impfen sollte. Er rät in diesem Zusammenhang, dass westliche Länder dies zur Bedingung machen sollten, wenn sie Hilfsgüter wie etwa Sauerstoffflaschen oder Impfdosen nach Indien schicken. Es würde laut ihm zwar sehr viel Sinn machen, anstelle von 20-jährigen Europäern erst 60-jährige Inder zu impfen. Allerdings muss zunächst sichergestellt werden, dass letztere die Dosis auch erhalten. Momentan ist das noch immer nicht der Fall.

Des weiteren empfiehlt er, dass vor der Impfung geprüft werden sollte, ob jemand bereits in Kontakt mit dem Virus kam. Laut Bhattacharya stehen die Chancen gut, dass ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung schon immunisiert ist und keine Impfung benötigt. Er verweist dazu auf eine Studie vom Juli 2020, bei der herauskam, dass 60 Prozent aller Bewohner eines Slums in Mumbai damals bereits über Antikörper gegen das Virus verfügten. Bislang wird diese Information nicht für die Impfpriorisierung verwendet. Ein verpflichtender Test auf Antikörper vor der Impfung würde aber noch einmal zu einem punktgenaueren Vorgehen beitragen.

 

Indien als politische Angstbombe

 

Indien eignet sich kaum für einen Vergleich mit Deutschland. Hierzulande gibt es zwar auch Korruption, wie an der Beschaffung der Gesichtsmasken oder Jens Spahns Villa ablesbar ist. Allerdings greift die allgemeine Bevölkerung in Deutschland gegenüber den Behörden eher selten zu besonderen Schmiermitteln und hält sich an Regeln und staatliche Vorgaben.

Auch die Priorisierung bei der Impfstoffvergabe wurde in Deutschland korrekt angegangen und wird größtenteils eingehalten. Einen Mangel an medizinischen Apparaten oder Krankenhausbetten wie in Indien gibt es hierzulande ebenfalls nicht. Das zeigen die zahlreichen geschlossenen Krankenhäuser in den vergangenen 12 Monaten, wobei die Privatwirtschaft aktuell noch schlagkräftig genug wäre, um im Bedarfsfall in Flaschen abgefüllten Sauerstoff zur Verfügung stellen zu können.

Ebenso wenig gibt es in Deutschland einen bedeutenden Prozentsatz an Tagelöhnern. Migranten wiederum, wo das Virus in Deutschland besonders grassiert, halten sich zumeist in ihren eigenen Enklaven auf und bleiben in der Regel auch unter sich. Nicht zuletzt hat Deutschland auch keine Slums ohne Kanalisation, wo Spekulationen um eine Übertragung per Kot und Furz eventuell sogar ihre Meriten haben könnten.

Alles in allem, lässt sich über Indien sagen, dass dort im Zusammenhang mit der Coronakrise ganz offenbar sämtliche Fehler gemacht wurden und weiterhin gemacht werden, die man überhaupt nur machen kann. Das zeigt sich insbesondere im Vergleich zu den beiden strukturell sehr ähnlichen Nachbarländern Pakistan und Bangladesch. Dort gibt es trotz zweiter Welle erheblich niedrigere Ansteckungsraten. Eine Übertragung oder gar ein Überschwappen der indischen Situation auf Deutschland kann damit ausgeschlossen werden. Wer gegenteiliges behauptet, der ist entweder mangelhaft informiert oder will Angst verbreiten. Bei Jens Spahn könnte auch beides zutreffen.

Quelle Titelbild

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