Warum der Schuldspruch gegen Dereck Cauvin gerechtfertigt ist

Warum der Schuldspruch gegen Dereck Cauvin gerechtfertigt ist

Im Fall um die politisch ins extreme verzerrten Todesumstände von George Floyd wusste jeder, dass sich das Urteil am Ende als Wegscheide erweisen würde. Entweder Chauvin würde freigesprochen, worauf linksextreme Aktivisten mit großer Sicherheit mit umfassenden Ausschreitungen reagiert hätten. Oder aber Chauvin wird für schuldig befunden, woraufhin die allermeisten Menschen jenseits des linken Spektrums – und bei weitem nicht nur Amerikaner – den letzten Rest ihres Vertrauens in die Rechtsstaatlichkeit verlieren würden. Tertiam non datur, so schien es in Stein gemeißelt. Und doch musste ich mir nach abermaligem Ansehen der Videoaufzeichnungen eingestehen, dass der Schuldspruch gegen Chauvin durchaus gerechtfertigt war und zwar in allen Anklagepunkten.

 

Professionelle Situationskontrolle

 

Wer sich das Rohmaterial der Bodycams der beiden Kollegen von Dereck Chauvin anschaut (Alexander Kueng und Thomas Lane), der kommt nicht um die Feststellung herum, dass die Beamten und später der Rettungsdienst den Einsatz sehr professionell gehandelt haben. Sie haben jeweils zügig reagiert und zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über die Situation verloren.

Der relevante Teil der Situation beginnt im Streifenwagen, wo der sich schon in Handschellen befindliche Floyd verzweifelt versucht, aus der Situation herauszureden. Er steht halb in der Tür und will dort nicht weg, weshalb einer der Polizisten auf die andere Seite geht, um ihn von hinten auf die Rückbank des Autos zu ziehen. Das funktioniert nur bedingt, da sich Floyd weiterhin zur Wehr setzt und sich über Atemprobleme beschwert („I can‘t breathe“).

In den Aufnahmen von Lane beginnt die Szene ab 10:10 und und bei Kueng ab 10:40. Die Beamten nehmen Floyds Klagen zur Kenntnis und ziehen Floyd auf der kotzsicheren Oberfläche der Rückbank auf die andere Seite. Während sich Floyd noch immer zur Wehr setzt, ziehen sie ihn mit dem Kopf voran aus anderen Tür heraus, woraufhin er und auf dem Boden zum liegen kommt. Ab da liegt Floyd an der Stelle, wo er später das Bewusstsein verlieren wird.

Mit Floyd auf dem Boden haben die drei Beamten Floyd endlich unter Kontrolle. Mit den Handschellen auf dem Rücken und drei Männern, die ihn an Beinen, Hüfte und Schulter fixieren, kann er sich nur noch etwas winden und mit den Beinen treten. Wirklicher Widerstand ist keiner mehr möglich und so beschränkt er sich auf das Flehen. Bemerkenswert ist, dass die Polizisten trotz der Position von Floyd weiterhin aktiv dessen Hände und Füße halten und erst loslassen, als der Krankenwagen da ist.

 

Floyd noch lange bei Bewusstsein

 

In beiden Aufnahmen beginnt ab etwa 11:40 das, was sich später als der Todeskampf von Floyd herausstellen sollte. Bei 15:20 beschwert sich Floyd dann erneut, dass er nicht atmen kann („I can‘t breathe“). Die Beamten reagieren aber nicht darauf. Vermutlich liegt das daran, dass er selbiges bereits im Streifenwagen geäußert hat und sie daher von taktischem Verhalten ausgehen.

Floyd windet sich noch ungefähr eine Minute weiter und wird dann merklich ruhiger. Er ist aber weiterhin am Leben, was sich mindestens an seiner Atmung festmachen lässt. In den Aufnahmen von Lane sieht man bei 17:40 überdies, wie sich das rechte Bein von Floyd bewegt. Einige Sekunden später meint einer der aufgebrachten Schaulustigen, dass Floyd „nicht ansprechbar“ sei im Sinne einer eingetretenen Ohnmacht („He‘s not repsonsive.“). Die Beinbewegung impliziert, dass dies in diesem Moment zumindest noch nicht der Fall war.

Dennoch prüft einer der auf Floyd sitzenden Polizisten dessen Puls am rechten Arm, was in den Aufnahmen von Kueng bei Minute 17:55 gesehen werden kann. Da darauf keine unmittelbare Reaktion und auch keine Äußerung folgt, war Floyd zu diesem Zeitpunkt ganz offenbar noch am Leben. Bei Minute 18:10 sieht man in den Aufnahmen von Lane, wie ein weiteres Mal diesmal am linken Arm Floyds Puls gemessen wird.

Zu diesem Zeitpunkt bewegt sich Floyd nicht mehr in erkenntlicher Weise, bei Kueng sind bis ungefähr 19:30 aber noch immer flache Atembewegungen auszumachen. Die drei Polizisten halten ihn dennoch weiterhin an Händen und Beinen fest, um mögliche Widerstandsbewegungen zu unterbinden. Die Polizisten gehen offenbar davon aus, dass er sich jederzeit wieder wehren könnte.

Der Rettungsdienst erreicht die Szene kurz danach. Die Sanitäter bekommen von den Beamten mitgeteilt, dass Floyd offenbar ohnmächtig ist. Wie bei Kueng zu sehen ist, prüfen sie um 19:45 Floyds Puls, wobei unklar ist, ob sie etwas spüren.

Bei 22:30 liegt Floyd schließlich im Krankenwagen und Lane erklärt mit knappen Worten die Situation: Floyd habe sich ihnen zunächst nicht ergeben. Dann hätten sie versucht, ihn in den Streifenwagen zu verfrachten, wo er sich wieder heraus gekämpft hat. Schließlich, so Lane, hätten sie ihn am Boden fixiert, bis der Krankenwagen bei der Szene ankam. Die Beschreibung trifft sehr gut das, was in den Aufnahmen zu sehen ist. Bei 22:45 in Lanes Aufnahmen stellt der Notarzt fest, dass Floyd kein Puls mehr hat, und beginnt umgehend mit Wiederbelebungsmaßnahmen.

 

Oberflächlich war alles korrekt

 

Die oftmals bemühten neun Minuten, die Chauvin Floyds Puls abgedrückt haben soll, sind mit Sicherheit nicht aufrecht zu erhalten, so viel steht fest. Floyd lag auch nicht minutenlang tot unter den Polizisten, sondern muss kurz vor oder gar während der Ankunft des Krankenwagens gestorben sein. In etwa drei Minuten schätze ich sind vergangen zwischen dem letzten Atemzug und dem ersten Stromschlag, um das Herz wieder zum schlagen zu bringen.

Das Verhalten der Polizisten war sicherlich nicht unverhältnismäßig. Floyd hatte sich lange und heftig genug gewehrt, dass sie vermutlich froh waren, als er endlich mit dem Winden und Jammern aufhörte. In Anbetracht des Ablaufs bevor Floyd auf dem Boden lag ist verständlich, dass sie irgendwann nicht mehr dessen Flehen beachteten, wonach er keine Luft bekommen würde.

Auch mit der Aussicht auf den nahenden Krankenwagen im Hinterkopf ist durchaus verständlich, dass sie Floyds Ohnmacht zuließen. Insbesondere Chauvins Blicken meine ich ablesen zu können, dass er fest auf die unmittelbare Ankunft der Sanitäter hoffte, die sich um ihn kümmern würden.

 

Die Frage nach Chauvins Berechnung

 

Was mir an Chauvins Verhalten allerdings aufstößt, ist genau diese Berechnung, dass sich gleich jemand um Floyds Ohnmacht und vermutliche Überdosis kümmern würde. Als erfahrener Polizist, der vermutlich schon etliche Male in so einer Situation war, musste ihm bewusst gewesen sein, dass Floyd auf Drogen war und in Verbindung mit dem Stress gerade das Bewusstsein verloren hatte.

Er ließ die Ohnmacht von Floyd in dem Wissen zu, dass dieser unmittelbar danach im Krankenwagen landen würde, wo man sich um ihn kümmern könnte. Alternativ hätte Chauvin auch seinen Taser verwenden können, um Floyd gefügig zu machen, was Chauvin explizit als Handlungsmöglichkeit offen stand, wie im Prozess deutlich wurde. Ganz offenbar bevorzugte er zur Ruhigstellung von Floyd jedoch dessen Ohnmacht als die gewaltlose und in der Situation einfachere Variante.

Genau hier liegt das Problem mit der Schuldfrage für Chauvin. Mit der Annahme eines Kalküls beim Vorgehen von Chauvin – unabhängig davon, aus welchen Gründen er so handeln wollte – ergibt sich ein Vorsatz. Hätte Chauvin einfach nur in Kauf genommen, dass Floyd ohnmächtig wird, ohne dabei weitere Gedanken zu hegen, oder es ihm egal war, wie Floyd ohnmächtig wurde, dann wäre es maximal fahrlässige Tötung gewesen.

Aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung allerdings wusste Chauvin sehr wahrscheinlich um derartige Personen und wie sich solche Situationen ausspielen. Daher lässt sich mit einigem Grund spekulieren, dass er die wegen des Drogenkonsums fragile Konstitution von Floyd tatsächlich als Hebel verwenden wollte, um ihn ruhig stellen zu können. Da es sich bei dieser Taktik zwar um ein erfolgversprechendes und relativ harmloses Vorgehen handelt (zumindest so lange die Zielperson bei guter Gesundheit ist), es aber keinesfalls eine offizielle Handlungsempfehlung darstellt, war Chauvins Verhalten gleichzeitig planvoll, illegal und grob fahrlässig. Alle drei Attribute kombiniert müssen juristisch als Mord interpretiert werden.

 

Offene Fragen

 

Natürlich handelt es sich bei dieser Version nur um eine Spekulation. Sie müsste mit weiteren Informationen untermauert werden. Beispielsweise wäre im Zusammenhang wichtig zu wissen, wie oft Delinquenten mit Drogenproblem ohnmächtig werden, wenn sie sich bei ihrer Verhaftung wehren. Je öfters dies geschieht – oder sogar schon einmal von Chauvin im Einsatz erlebt wurde – desto stärker spräche dies für ein kalkuliertes Vorgehen durch Chauvin.

Des weiteren wäre wichtig, wie oft gesundheitlich angeschlagene Drogensüchtige nach einer Überdosis und aufgrund von akutem Stress (nicht nur bei Verhaftungen) erfolgreich reanimiert werden. Da die USA seit Jahren von einer Drogenepidemie heimgesucht werden, gibt es sicherlich zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen genau das geschah. Je öfters auch hier jemand wieder ins Leben zurückgeholt werden kann, desto wahrscheinlicher ist, dass Chauvin dies schon einmal erlebt hat, oder vielleicht auch von Kollegen auf diesen „Trick“ aufmerksam gemacht wurde.

Eventuell war das Vorgehen von Chauvin auch keine Ausnahme, sondern eine heimlich und bislang erfolgreich angewandte Taktik in vergleichbar gelagerten Fällen. In diesem Fall wäre Chauvin ebenso schuldig, da er eine illegale Technik zum Einsatz brachte. Gleichzeitig allerdings wäre er nur teilschuldig, weil die Polizei als ganzes dieser illegalen Entwicklung bislang nichts entgegensetzte.

Unabhängig davon stellt sich schließlich noch die Frage, ob sich die beiden kannten. Chauvin besserte sich sein Einkommen als Sicherheitsmitarbeiter im selben Club auf, wo auch Floyd als Türsteher arbeitete. Mir ist nicht bekannt, ob vor Gericht eine dahingehende Plausibilitätsabschätzung vorgenommen wurde. Je nachdem, ob sie sich kannten und wie sie zueinander standen, hätte dies signifikante Auswirkungen auf das mögliche Kalkül bei Chauvins Vorgehen während der Verhaftung.

 

Katastrophale Leistungen

 

Nicht nur in Anbetracht der noch immer offenen Fragen muss den Beteiligten wie auch den aktiveren unter den Beobachtern eine katastrophale Leistung unterstellt werden. Die Staatsanwaltschaft konnte laut vielen juristischen Stimmen während dem Prozess kaum überzeugen. Ebenso übersah die Verteidigung zahlreiche Elemente, die zumindest zu einer Verringerung der Schuld von Chauvin hätte führen können.

Die Medien wiederum unternahmen ihr bestes bei der Spaltung der Öffentlichkeit in der Schuldfrage und zielten von Beginn an auf ein Pöbelurteil. Der Pöbel selbst ließ sich nicht lange bitten und zerlegt zur Stunde noch immer zahlreiche amerikanische Innenstädte. Von der Politik hört man derweil nicht viel, nachdem Präsident Biden seine Kompetenzen überzog und vor Verkündung des Urteils in aller Öffentlichkeit die Schuldigkeit von Chauvin feststellte, während die unsägliche Maxine Waters gar nach Ausschreitungen rief.

Zur jetzt schon unüberbrückbaren Spaltung der Gesellschaft in den USA und allgemein im Westen kommt beim politischen Führungspersonal erschwerend noch die völlige Abwesenheit von Kompetenz oder dem Bewusstsein über die eigene Rolle hinzu. Sollte dieses Bewusstsein entgegen meines Eindrucks trotz allem dennoch existieren, dann stünde es sogar noch einmal schlimmer, als man ohnehin befürchten muss. In Politik und Medien würden sich in diesem Fall Eliten tummeln, die in voller Absicht Benzin in das Feuer der gesellschaftlichen Schwelbrandes kippen.

 

Lebenslänglich für Chauvin?

 

Auch wenn ich Chauvin ein kalkuliertes Vorgehen vorwerfe, so wäre es meines Erachtens dennoch überzogen, ihn die Maximalstrafe von 75 Jahren Gefängnis absitzen zu lassen. Seine Taktik, den Hebel der Ohnmacht zur Situationskontrolle zu verwenden ist sowohl illegal und sie bedeutet, dass er bei Floyd mindestens einen körperlichen Schaden riskiert hat. Dennoch muss man Chauvin zugute halten, dass er nicht geschossen hat, oder zumindest seinen Taser zum Einsatz brachte. Es ist fraglich, ob Floyds kaputtes Herz den Stromschlag überlebt hätte. Hinzu kommt, dass eine derartige Ohnmacht nur in sehr wenigen Fällen zum Tod führt. Selbst die Reanimation funktioniert heute sehr zuverlässig, so dass wenige Minuten ohne Herzschlag für die betroffene Person in der Regel ohne langfristige Folgen bleibt.

Sollte er die Taktik zuvor bereits erfolgreich zur Anwendung gebracht haben, oder es sich um einen „Geheimtrick“ im Kampf gegen renitente Drogensüchtige handeln, dann hätte Chauvin nur in Relation zu dem gehandelt, was er kannte. Es handelt sich dabei um eine Art „Gewohnheitsrecht“, das juristisch berücksichtigt werden muss und sich strafmildernd auswirken würde. Ebenso in diese Kategorie fällt der gesellschaftliche Umgang im Revier von Chauvin. Es scheint nicht die beste Ecke zu sein, wobei das routinierte Vorgehen insgesamt eindeutig dafür spricht, dass permanent irgendwelche zugedröhnten Personen mit Hang zur Wehrhaftigkeit verhaftet werden.

Chauvin hat bei dem Einsatz auf Basis seiner Erfahrung und Ausbildung ausschließlich relativ zur Situation gehandelt. Sein Vergehen lässt sich, wenn überhaupt, nur im Detail erkennen. Wäre Floyd im Krankenwagen erfolgreich reanimiert worden, seine unerfahrenen Kollegen hätten die Geschichte sehr wahrscheinlich als eine wertvolle Lektion in Polizeiarbeit in Erinnerung behalten.

In Anbetracht dieser Umstände wäre eine Haftzeit für Chauvin von über 10 Jahren unangemessen. Wer jedoch das US-Justizsystem kennt, der weiß auch, dass er sehr wahrscheinlich hinter Gittern sterben wird. Damit wurde bei dem Einsatz nicht nur ein Leben zerstört, sondern gleich zwei.

Diese Tragik wird nur noch davon übertroffen, dass der Dealer von Floyd, der im Wissen um eine mögliche Mordanklage die Aussage verweigerte, sehr wahrscheinlich straffrei bleiben wird. Denn der Mörder ist nun gefunden und so gibt es keinen Grund mehr, nach einen zweiten zu suchen. Letztlich kommt damit ausgerechnet derjenige straflos davon, der den Gefängnisaufenthalt eigentlich am meisten verdient gehabt hätte.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de