Europa ist der Aggressor, nicht Russland

Europa ist der Aggressor, nicht Russland

Im Unterschied zur deutschen Presse liest man in englischen Mainstream Medien selbst bei außenpolitischen Themen hin und wieder kritische Einwürfe. Obwohl die “Fleetstreet” vermutlich erstklassige Beziehungen zum MI6 und anderen nach außen wirkenden britischen Behörden pflegt, dürfen Kolumnisten tatsächlich auch etwas gegen die Marschroute schreiben, ohne dafür medial massakriert zu werden. Dies selbst in Fällen, wenn das das Thema wie etwa jenes der “russischen Aggression” fest auf dem Gleis steht. Kurz nach der russischen Übernahme der Krim beispielsweise schrieb Rod Liddle etwas über das historische Anrecht Russlands auf die Halbinsel. Nun ist Peter Hitchens an der Reihe, der ein Gedankenspiel wagt und die gegenwärtige Konfrontation einmal andersherum betrachtet: Mit der UdSSR als Sieger des Kalten Krieges, das den geschlagenen USA immer mehr auf den Pelz rückt.

 

Daily Mail: PETER HITCHENS: Geben Sie nicht Russland die Schuld… WIR sind diejenigen, die auf einen Krieg drängen

 

Endlich ziehen wir aus Afghanistan ab, einem Land, in das wir niemals einen einzigen Soldaten hätten schicken dürfen.

Ich bin immer noch wütend über die oberflächlichen und ignoranten Politiker aller großen Parteien, die junge Männer und Frauen in diesen sinnlosen Krieg geschickt haben, nur um sie dort bar jeder Sinnhaftigkeit sterben oder zu Krüppeln werden zu lassen.

Nun aber, da dieser längst überfällige Moment gekommen ist, will uns eine verzweifelte Lobby in diesem Land und in den USA in einen neuen und ebenso sinnlosen Krieg gegen Russland hineinziehen. Da ich ein wenig über Russland informiert und auch einmal dort gelebt habe, möchte ich davor warnen.

 

Russland ist kein Gegner

 

Ja, Russland wird von bösen, finsteren Despoten regiert. Das allerdings ist für uns kaum eine Bedrohung. Streitigkeiten über Territorien oder Handel mit Russland existieren nicht. Für die politische Führung Russlands und sein Volk sind wir weit weg. Es ist ein niedergeschlagenes und armes Land mit einer Wirtschaft, die etwa mit jener Italiens vergleichbar ist, das sich seit den 1980er Jahren im Niedergang befindet.

Einst herrschte Moskau über ein riesiges Reich, das bei Marienborn in der Mitte Deutschlands begann, weniger als 1000 Kilometer von Calais entfernt. Heute befindet sich fast doppelt so viel Boden zwischen dem Ärmelkanal und der Westgrenze Russlands. Einst kontrollierte Moskau auch ein riesiges Militärbündnis und einen Wirtschaftsblock, doch beides ist heute sehr tot.

Auch eine global aufgestellte Marine betrieb das Land einmal, von der das meiste jedoch längst zu Kühlschränken und Waschmaschinen umfunktioniert wurde. Ein Großteil des Materials ist heute so marode, dass es kaum noch den Hafen verlassen kann. Moskau war einmal das Zentrum eines dummen Dogmas, aber auch das mitsamt dem Anspruch, dieses weltweit zu verbreiten, ist heute Vergangenheit und verschwunden.

All das liegt hinter Russland. Moskau hat die Kontrolle über Zehntausende Quadratkilometer an Territorium in Europa und Asien aufgegeben und weiß auch, dass ihm die Macht fehlt, um es wieder zurückzubekommen.

 

Angenommen, die USA hätten den Kalten Krieg verloren

 

Das Gefühl, das Russen in diesem Zusammenhang umtreibt lässt sich am besten mit dem Blick in den Spiegel nachvollziehen. Stellen Sie sich vor, die USA hätten den Kalten Krieg verloren und die UdSSR hätte ihn gewonnen. Stellen Sie sich vor, wie es heute wohl wäre, wenn Moskau die USA genauso behandelt hätte, wie Washington Russland behandelt hat.

In etwa folgendes Szenario hätte sich daraus ergeben: Anstelle, dass die Ukraine von der Herrschaft Moskaus losgelöst und langsam in die Nato und die EU eingegliedert wird, wäre es eventuell gekommen, dass ein ebenso großer, fruchtbarer, produktiver und strategischer Teil der USA, man denke an Texas oder Kalifornien, dazu ermutigt worden wäre, die Unabhängigkeit anzustreben und dabei um der Differenz willen Spanisch zur neuen Landessprache zu machen, wobei dieses neue Land den restlichen USA feindlich gesinnt wäre.

Unmöglich? Wohl kaum. Die beiden Bundesstaaten wurden von den USA in den 1840er Jahren mit Waffengewalt von Mexiko erobert, wobei sich einige durchaus noch daran erinnern. Lediglich der Status der USA als Supermacht verhindert, dass die Annexion dieser Gebiete nicht in Frage gestellt wird. Ohne diesen Status aber könnte dies durchaus wieder zur Debatte stehen, so wie es nach 1989 Russland geschehen ist, das zuvor unhinterfragt über die Ukraine, den Kaukasus, Zentralasien und die baltischen Staaten herrschen konnte.

Stellen Sie sich dann die ständigen Versuche vor, diese neue, von den USA abgespaltene Nation dazu zu bringen, dem Warschauer Pakt und dem Comecon als Moskaus Wirtschafts- und Handelsblock beizutreten. Und stellen Sie sich gleichzeitig die Ausbreitung des Warschauer Pakts und des Comecon in die meisten mittel- und südamerikanischen Länder vor, was selbstverständlich einhergeht mit größzügigen Lieferungen an modernen sowjetischen Waffensystemen.

Stellen Sie sich vor, dass die Nato davor auf sowjetischen Druck hin aufgelöst wurde, so wie der Warschauer Pakt auf amerikanischen Druck hin aufgelöst wurde. Und stellen Sie sich auch vor, dass sich quasi kein ehemaliges Mitglied der Nato für die Neutralität entschieden hat, sondern sich dem Warschauer Pakt unter dem Oberbefehl Moskaus angeschlossen hat.

Teil eines solchen Szenarios wäre mit Sicherheit auch die dauerhafte Stationierung einer großen Zahl hochgerüsteter Truppen des Warschauer Pakts an den neuen US-Grenzen und vor allem auf Kuba. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, stellen Sie sich vor, wie es wohl anfühlen würde, wenn sich Quebec unter Billigung Moskaus von Kanada abspaltete, um nachfolgend ebenso Truppen des Warschauer Pakts zuließe – und zwar unmittelbar an der Nordostgrenze der USA und damit in unmittelbarer Nähe zu den industriellen Zentren des Ostküste.

 

400km verglichen mit 125km

 

Mit einer Entfernung von etwas mehr als 400 Kilometern stünden die Truppen nicht annähernd so nahe an New York City, wie derzeit Nato Truppen (die oft im estnischen Narva zu sehen sind) vor Russlands zweitgrößter Stadt St. Petersburg stehen, das gerade einmal 125 Kilometer von der estnischen Grenze entfernt ist. Ich denke, die Menschen in dem, was von den USA übrig geblieben ist, und ihre politische Führung würde sich über ein solches Arrangement ziemlich aufregen. In der Tat hätten Sie Grund für Angst und wären wahrscheinlich wütend darüber und könnten auf den nachvollziehbaren Gedanken kommen, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Nach und nach würden hemdsärmlige amerikanische Nationalisten die Macht im Kapitol und im Weißen Haus übernehmen. Eventuell würden sie in Anbetracht der ohnehin bestehenden internationalen Missbilligung sogar Texas wieder annektieren, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.

Diese USA würden stets fragen, gegen welches Land der Warschauer Pakt eigentlich gerichtet ist. Es würde gegen jeden Schritt protestieren, der Moskaus Militärmacht und seine Allianzen näher an die geschrumpften USA heranrückt. Das Land würde öffentlich die Frage stellen, was das eigentliche Ziel jeder einzelner dieser Aktionen sei. Und die USA hätten durchaus das Recht dazu.

 

Putin das kleinere Übel

 

Der beste Test dafür, ob die eigene Politik gut oder schlecht ist, besteht darin, sich vorzustellen, wie man sich fühlen würde, wenn die eigenen Feinde das Gleiche mit einem machen würden. Aus dieser Perspektive ist kein anderer Schluss möglich, als ist unsere Politik gegenüber Russland als gefährlich und aggressiv zu beschreiben.

Wenn wir ein friedliches und freundliches Russland wollen, dann ist unser aktuelles Handeln dumm, ignorant und kontraproduktiv. Wladimir Putin könnte sich als mild erweisen im Vergleich zu dem, was wir bekommen könnten, sollten wir den wahren Geist des russischen Nationalismus aus der Flasche reizen. Bitte lassen Sie sich nicht dazu verleiten, diese Torheit zu unterstützen.

Ein Krieg auf europäischem Territorium könnte eine wirklich schreckliche Sache sein.

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