Großbritanniens einzige selbstkritische Islamorganisation schließt ihre Pforten

Großbritanniens einzige selbstkritische Islamorganisation schließt ihre Pforten

Die britsch-muslimische Stiftung Quilliam verkündete kürzlich, dass sie infolge der schlechten Finanzlage ihre Waffen strecken muss. Es ist ein Menetekel für den Versuch der Herstellung einer gesellschaftlichen Kohäsion in Großbritannien, die auch muslimische Menschen umfasst. Mit dem Ende von Quilliam verlieren die vielen gemäßigten britischen Muslime ihren wohl besten und letztlich einzigen Verbündeten gegen das Verharren ihrer Religionsgemeinschaft im Fundamentalismus, nachdem sich die Organisation im letzten Jahrzehnt den Ruf erarbeiten konnte, für einen echten Reformislam zu stehen. Regelmäßig wurden offen die im Namen des Islam begangenen Abscheulichkeiten kritisiert und öffentlich eine Introspektive vorgenommen. Wie man sich denken kann wurde über Quilliam kübelweise Kritik und regelrechter Hass ausgeschüttet und das längst nicht nur durch Islamisten. Entsprechend groß ist die Freude über das Ende der Stiftung.

 

The Spectator: Was uns das Aus der Quilliam Stiftung über Großbritannien und den Islam lehrt

 

Unter Großbritanniens Islamisten herrschte letzte Woche großer Jubel, als das Aus der Denkfabrik und Aktivistenorganisation Quilliam verkündet wurde. Quilliam war in den 14 Jahren seiner Existenz die prominenteste muslimisch geführte Organisation in Großbritannien, die für einen säkularen und fortschrittlichen Islam eintrat, was den Islamisten stets ein Dorn im Auge war.

Die genauen Gründe für das Ende von Quilliam sind unklar. Maajid Nawaz als Mitgründer verwies auf die Probleme, in Zeiten der Pandemie eine gemeinnützige Organisation aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist dem so, eventuell ist es auch etwas anderes. Als Fakt bleibt aber stehen, dass die Organisation hatte nie einen leichten Stand hatte. Die Tatsache, dass Quilliam stets heftig angegriffen wurde und nun so viele prominente britische Muslime das Ende der Organisation feiern, weist auf ein fortdauerndes Problem hin, das beleuchtet werden muss.

Bei der Gründung von Quilliam 2007 war ich persönlich dabei. Denn nicht anders als viele andere stellte auch ich mir jahrelang vergeblich die Frage, wo genau die reformwilligen Muslime – nicht zu sprechen von „gemäßigten Muslime“ – eigentlich abgeblieben waren. Nach den vielen Anschlägen und dem, was beispielsweise infolge der dänischen Karikaturen und vielem mehr geschah, befand sich unser Land noch immer in der Lernphase in Bezug auf den Islam. Ein Terroranschlag nach dem anderen geschah und jedes Mal wurde uns daraufhin mitgeteilt, der Islam sei eine Religion des Friedens. Jedes Mal aber, wenn sich irgendeine prominente muslimische Organisation in der Öffentlichkeit mit beruhigenden Worten meldete, stellten sie sich schließlich als ebenso große Spinner heraus.

 

Terror ist böse, aber…

 

Zwar wurde Anschlag um Anschlag von ihnen verurteilt. Nie kamen sie dabei aber ohne das berühmte „aber“ aus. So verurteilten zwar vielleicht den Mord an einem Karikaturisten, klärten uns dann allerdings im selben Atemzug über die Blasphemie auf, bei der es sich im Islam um eine sehr ernste Angelegenheit handeln würde, ganz so, als müsste jeder Nichtmoslem darüber Bescheid wissen. Ebenso verurteilten sie die Zerstörung des World Trade Centers, äußerten sich dann aber positiv über Terrorakte, die gegen Israel sind. Bei der Verurteilung der Anschläge auf das ÖPNV-Netz von London wiederum gingen sie direkt über zu einer Generalkritik der britischen Außenpoliti und warnten vor einer „islamophoben“ Gegenreaktion. All diese schief geratenen Beteuerungen kumulierten zur Erkenntnis, dass der Islam offenbar größere Probleme hatte, als viele bereit waren zuzugeben.

Über die Jahre wurde unser Verständnis über den zeitgenössischen Islam fundierter. Zum Beispiel wurde deutlich, dass die muslimische Gemeinde (wie quasi alle anderen gesellschaftlichen Organisationen auch) ein Problem mit ihren selbstgewählten „Vertretern“ hatte. Gewöhnliche Muslime hatten genauso kein Interesse an der Anmaßung, für ihre Religionsgenossen zu „sprechen“ oder sie zu „anzuführen“, wie ein durchschnittlicher Schwuler etwas mit der Stonewall Oganisation zu tun haben möchte. Aber es gab noch ein weiteres Problem: Die Islamisten hatten Jahre damit verbracht, sich zu organisieren – die Guten aber nicht.

Während zum Beispiel die Extremisten der Jamaat-e-Islami in der pakistanischen Politik kaum Boden gut machen können, sind sie tief in der pakistanischen Diaspora Großbritanniens verankert und dominieren eine Reihe muslimischer Gruppen, die sich in der Öffentlichkeit gerne als deren repräsentative Vertreter darstellen. Dabei fühlen sich nur sehr wenige britische Muslime von diesen auf kommunaler Ebene agierenden Gruppen vertreten, die ständig versuchen, in ihrem Namen zu sprechen und sich der Regierung als Gesprächspartner anzubiedern. Die Wahrheit ist, dass diese vielen Kleingruppen nicht nur den britischen Muslimen, sondern Großbritannien als Ganzem einen enormen Bärendienst erwiesen haben.

 

Skandal um Skandal wird unter den Teppich gekehrt

 

Im Jahr 2014 kam es bei einer Reihe von staatlichen Schulen in Birmingham zu einem Skandal, als herauskam, dass sie von Islamisten übernommen worden waren. Die Ermittlungen durch die Regierung förderten beunruhigendes zutage. Einzelne Lehrer verabreichten den ihnen anvertrauten Schülern eine Diät aus verschwörungstheoretischem Denken (nicht zuletzt über Terroranschläge) und erzogen sie zur Feindseligkeit gegenüber der britischen Gesellschaft, während sie permanent „antiwestlichen Gefühle“ in die Kinder eintrichterten.

Noch heute lässt sich der Skandal kaum nachvollziehen, weil Islamistenorganisationen und prominente Einzelpersonen aus vom Parlament aus enorm viel Energie darauf verwendet haben, die Geschichte unter den Teppich zu kehren. Nachdem er die überaus reale Verschwörung aufgedeckt hatte, wurde Peter Clarke gemeinsam mit allen anderen, die seine Besorgnis über den Skandal teilten, als Verschwörungstheoretiker, Islamophobe und mit anderen Attributen gebrandmarkt. So weit ich weiß, hat von allen großen muslimischen Organisationen Großbritanniens nur eine einzige den Skandal als Problem bezeichnet und seine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht. Diese Organisation war Quilliam.

Immer wieder lief es seit der Gründung von Quilliam auf genau das selbe hinaus. Mal um Mal war es die einzige muslimische Organisation, die am Ende ihrer Beteuerungen kein „aber“ anfügte. Vor drei Jahren erstellte Quilliam einen Bericht zur Frage der „Grooming Gangs“, wie die Massenvergewaltigung von Tausenden von nichtmuslimischen Kindern in ganz England euphemisch bezeichnet wird. Da die Täter überproportional häufig einen muslimischen Hintergrund hatten, entschied sich Quilliam, das Problem nicht nur ansprach, sondern begann es üerbdies aus muslimischer Perspektive zu debattieren. Muslime und Nicht-Muslimen gleichermaßen lernten daraus, dass es in Großbritannien Muslime gibt, die tatsächlich bereit zur Aufklärun sind und die Angelegenheit nicht einfach unter den Teppich zu kehren versuchen, während jeder, der darauf aufmerksam macht, sozial gelyncht wird.

 

Hass und Hetze

 

Auch in diesem Fall kam es zur typischen Reaktion. Alles, was Großbritannien an islamistischen und mit dem Islam sympathisierenden Organisationen und Einzelpersonen aufzubieten hat, stürzte sich umgehend auf Quilliam. Die Organisation wurde beschuldigt, „rechtsextrem“ zu sein, oder dass sie die „extreme Rechte“ unterstützen würde, so wie Quilliam davor jahrelang bereits als „islamophob“ gebrandmarkt wurde.

Interessanterweise richtete sich diese unverhältnismäßige Hetze nicht nur gegen Quilliam, sondern gegen alle gemäßigten Vertreter des Islam, die in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Der Hass und das Gift, das auf Nawaz und seine Kollegen nieder ging, war nicht weniger als absolut. Sie mussten fortan buchstäblich um ihr Leben fürchten. Der Hass gegen sie übertraf bei weitem alles, was gegen islamistische Gruppen in Großbritannien gerichtet wurde, etwa die auch in Großbritannien existierende Hamas, die Jamaat-e-Islami und oder eine andere Gruppierung mit mittelalterlichen Ansichten, die sich gerne als Meinungsführer in die Debatte einmischen und den Äther mit ihren Hassbotschaften verpesten. Seit zwei Jahrzehnten stellt sich die Frage, warum Quilliam so sehr angegiftet wird, wobei das in Anbetracht der Umstände eher eine rhetorische Frage ist.

In den letzten Wochen haben sich wieder einmal einige Muslime zusammengeschlossen, um den Lehrer einer Schule, dessen Familie, Vorgesetzte und Lehrerkollegen einzuschüchtern. Wird es zu einer öffentlichen Kampagnen dagegen kommen? Werden die altbekannten muslimischen Organisationen etwas unternehmen, um deeskalierend auf die Streitsituation einzuwirken? Am Ende wird es so kommen wie immer und sie werden sich als Vermittler zwischen den aufgebrachten Muslimen und dem Staat aufspielen und alle in Mithaftung nehmen.

Es ist keineswegs Schadenfreude dabei, wenn ich sage, dass wer noch auf eine erfolgreiche islamische Reformation oder einen gemäßigten Islam hofft, den sollte über den Untergang von Quilliam zu denken geben. Einige der besten Bürger unseres Landes, die zufällig auch Muslime waren, haben sich mit vollem Einsatz für einen reformierten Islam eingesetzt. Dadurch wurden sie – und nicht ihre radikalen Kritiker – zur Hauptzielscheibe für Kritik und mehr. Das Ende von Quilliam ist kein gutes Zeichen. Ganz und gar nicht.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de