Texas und das vielsagende Gestammel des Gesundheitsministeriums

Texas und das vielsagende Gestammel des Gesundheitsministeriums

Boris Reitschuster hat gerade einen kurzen Clip bei Twitter veröffentlicht, in dem er den Sprecher des Gesundheitsministeriums Oliver Ewald um eine Einschätzung zu Texas bittet, wo vor vier Wochen alle Coronamaßnahmen beendet wurden und die Welt dennoch nicht untergehen will. Als Antwort kam von Ewald aber nicht viel mehr als eine Minute Gestammel und das übliche „haben wir schon beantwortet“. Dabei gäbe es im Zusammenhang mit Corona durchaus einige stichhaltige Unterschiede zwischen uns und Texas. Er hätte sie einfach nennen können und als Profi im Geschäft hätte er es müssen. Es zeigt exemplarisch, wie wenig das derzeitige politische Personal seiner Aufgabe gewachsen ist. Der Mann und seine Truppe sind inkompetent. Sie machen nicht einmal das Mindestmaß an Hausaufgaben, das man dort erwarten müsste.

 

Bevölkerungsdichte

 

Auf insgesamt drei stichhaltige Aspekte bin ich bislang gekommen, die Texas in Bezug auf die Umstände rund um die Coronapandemie von Deutschland unterscheiden. Der erste besteht in der Größe und der Bevölkerung. Texas ist in etwa doppelt so groß als Deutschland, hat aber nur etwa ein Drittel der Bevölkerung. Dieser sechsfache Dichteunterschied wirkt sich aus bei der Verbreitung von Infektionskrankheiten, da es dabei vor allem um zwischenmenschliche Kontakte geht, die in Deutschland alleine aufgrund der Zahlen zwischen Unbekannten höher sein müssen.

Der Blick auf die Bevölkerungsverteilung allerdings verrät, dass Texas mindestens zur Hälfte unbewohnt ist. Die Bevölkerung von Texas lebt in wenigen Metropolregionen. Die vier größten davon alleine beherbergen circa 70% der Bevölkerung. Die effektive Bevölkerungsdichte von Texas ist daher eher vergleichbar mit Nordrhein-Westfalen als mit Mecklenburg-Vorpommern. Insofern sticht das Argument der geringen Bevölkerungsdichte nicht wirklich.

 

Altersstruktur

 

Der zweite Aspekt besteht in der wesentlich jüngeren Bevölkerung. Der durchschnittliche Texaner ist 34,4 Jahre alt, während der durchschnittliche Deutsche auf 45,9 Jahre kommt. Entsprechend höher ist der Anteil an Alten als der bedeutendsten Risikogruppe. Insgesamt 16,7% aller Texaner sind über 60 Jahre alt, während der Wert in Deutschland bei 28,4% liegt.

Dieser Unterschied ist natürlich ein pandemierelevanter Faktor, da jüngere Menschen wesentlich seltener starke Symptome erleben und entsprechend seltener medizinische Hilfe beim Bewältigen der Infektion benötigen. Ewald als wichtige Person im Gesundheitsministerium hätte darum wissen müssen. Texas – wie auch sämtlich anderen Regionen der Welt – müsste dort auf dem Schirm sein für den permanenten Abgleich der jeweils getroffenen Maßnahmen und ihrer Wirkung.

 

Impfstatus

 

Der dritter Aspekt besteht in der Impfquote und Geschwindigkeit, mit der weitere Menschen geimpft werden. Ob es zu Beginn der Impfstoffbonanza Trumps Geschick war, oder doch nur die brachiale Inkompetenz deutscher Gesundheitspolitik, kann sich jeder selbst aussuchen. Tatsache ist, dass es in den USA wesentlich schneller vorangeht und der Bundesstaat bei der Öffnung vor einem Monat eine wesentlich höhere Impfquote erreicht hatte, als sie Deutschland aktuell aufweist. Dies, obwohl Texas im US-Vergleich selbst hinterher hinkt.

Jedenfalls lässt sich rational argumentieren, dass dank der höheren Impfquote ein geringeres Risiko für Ansteckungen, merkliche oder schwere Krankheitsverläufe und die Weitergabe von Viren an andere besteht. Trotz der befürchteten und eingetretenen Nebenwirkungen der Impfstoffe lässt sich dies mit Sicherheit feststellen. Ebenso mit Sicherheit lässt sich feststellen, dass es nach dem Ende aller Maßnahmen in Texas nicht wie befürchtet zu einem Wiederaufflammen des pandemischen Geschehens kam. Die Fallzahlen sinken genauso weiter wie die Todeszahlen.

 

Texas als Benchmark, Herr Ewald

 

Anhand des texanischen Beispiels lässt sich schließlich berechnen, wann es mit Blick auf die Situation in Texas auch in Deutschland so weit sein könnte mit dem Ende der Maßnahmen. Da die Bevölkerungsdichte keinen nennenswerten Faktor darstellt, bleibt nur die Altersstruktur und das bisherige Impfgeschehen, die es auf Deutschland zu übertragen gilt.

Vor gut einer Woche kam ich zum Schluss, dass wir den Stand von Texas zur Öffnung erreicht haben, wenn bei uns 14,8% der Gesamtbevölkerung die erste Impfdosis erhalten haben und weitere 12,9% die doppelte.

Laut dieser Übersicht haben wir die erste Bedingung mit 15,2% Erstgeimpften inzwischen erfüllt. Lediglich bei der doppelten Dosis hinkt Deutschland mit 5,9% noch massiv hinterher. Insgesamt fehlen bis zum texanischen Wert von 12,9% noch 5,8 Millionen Zweitimpfungen.

Da drei bis vier Wochen zwischen den beiden Dosen gewartet werden muss, ist es nicht möglich, nur noch Zweitimpfungen durchzuführen. Dennoch wäre es möglich, die Zahl der Zweitimpfungen zu erhöhen, wobei deren Priorisierung mit Blick auf Texas dringend geboten wäre. Nimmt man den dreiwöchigen Abstand, dann könnten circa 1,5 Millionen Menschen im Land ihre zweite Dosis erhalten und selbst mit dem vierwöchigen wären es noch immer einige Hunderttausend.

Nach meiner ursprünglichen Berechnung würde Deutschland in etwa Ende Mai den Stand von Texas erreichen, als dort alles auf gemacht wurde. Würde der Fokus systematisch auf die zweite Impfung gelegt werden mit dem Ziel, bei der Öffnung Texas nachzufolgen, dann könnten wir sogar schon Ende April am Ziel sein. So wie es aussieht haben der Herr Ewald und seine Expertenkollegen im Gesundheitsministerium jedoch noch nicht einmal darüber nachgedacht.

Quelle Titelbild, Karte, Demografie, Grafik

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