Thrombose im Suezkanal: Ist das der Auftakt zur Preisteuerung?

Während die Mächtigen unseres Landes gerade an einer Thrombose für den Einzelhandel arbeiten, bildet sich im Suezkanal gerade eine zweite Thrombose, die noch einmal weit größere Dimensionen erreichen könnte. Gestern Nacht gab es einen Stromausfall auf dem Schiff „Ever Given“, als es gerade mitten im Kanal fuhr. Seitdem steht es maximal verkeilt im Wasser. Wer auf der Karte heranzoomt, bekommt einen Eindruck über die Dimensionen, um die es geht. Das Schiff ist 400m lang und 59m breit, der Kanal aber nur 150m breit, wobei die Fahrrinne an der Stelle eventuell sogar etwas schmaler sein könnte.

 

Eine kleine Sueskrise

 

Die Verkeilung könnte kaum schlimmer gelaufen sein. Ich vermute, dass das Schiff aufgelaufen sein muss und es von der Strömung an die Wand gedrückt wird. Ansonsten hätten es vier im Einsatz befindlichen Schlepperboote in der Zwischenzeit wohl wieder freiziehen können. Eventuell kommen noch starke Seitenwinde hinzu, die nicht selten mit über 50km/h über den Kanal fegen und dem mit einer hohen Containerwand versehenen Schiff keine Chance lassen. Laut Wetterbericht lag die Windgeschwindigkeit in Suez selbst seit dieser Nacht und bis jetzt selten unter 15km/h.

Der Suezkanal ist in seiner Bedeutung für den globalen Warenstrom kaum zu überschätzen. 1956 kam es zur Sueskrise, in deren Folge der Kanal für fünf Monate gesperrt war. Das damals im Welthandel führende Britische Commonwealth musste in der Folge spürbare und bleibende Einbussen hinnehmen, was sich unmittelbar auf die schon schwindende Macht Londons in der Welt auswirkte. Nutzen konnte die Gunst der Stunde ein gewisser griechischer Reeder, da er der einzige war, der die alte Passage um Afrika herum zu bedienen wusste und binnen kürzester Zeit zu einem der reichsten Menschen der Welt wurde.

Die Ever Given wird mit Sicherheit schneller wieder aus der Verkeilung herausgelöst werden können. Jedoch führen aufgrund der eng getakteten logistischen Verzahnung der Weltwirtschaft heute bereits Verzögerungen von wenigen Tagen zu ernsten Problem bei der Nachlieferung von Waren aller Art.

 

Auch kleine Verzögerungen sind teuer

 

Der Wert des Sueskanals lässt sich an den Gebühren für eine Passage ablesen, die für ein durchschnittlich großes Schiff im Jahr 2009 bei 93.000 Euro lagen. Heute sind die Schiffe wesentlich größer, so dass nicht nur die Gebühren deutlich höher liegen dürften, sondern auch die Kosten aufgrund der zu spät gelieferten Waren.

Ein Unfall in der Nähe des Kanals vor sieben Jahren zeigt, dass es sich dabei um keine triviale Verkehrsverzögerung handelt. Damals dauerte die Totalsperrung drei Stunden, bis die Passage wieder frei war, obwohl sich der Unfall nicht im Kanal ereignete, sondern im offenen Zufahrtsbereich. Aktuell ist inzwischen mehr als das dreifache an Zeit vergangen, wobei das havarierte Schiff noch immer wie ein Keil im Kanal feststeckt.

Die Route um Afrika herum als einzige Alternative ist circa 10.000 Kilometer länger und nimmt zwei Wochen mehr Zeit in Anspruch als der Weg durch den Kanal. Selbst wenn es noch einmal einige Tage dauern sollte, bis das Containerschiff wieder frei ist, wird es daher sehr wahrscheinlich nicht zu einer Umfahrung der Thrombose im Sueskanal kommen. Abwarten ist aktuell noch deutlich günstiger.

 

Noch ein Preisschub?

 

Alles in allem könnte die Verzögerung negativ zur ohnehin angespannten Versorgungslage beitragen, da die Preise instrumental von der Unsicherheit des Umfeldes geprägt werden. Sollte im internationalen Großhandel die Erwartung entstehen, dass es länger gehen könnte, dann würde dies in sofortigen Preiserhöhungen resultieren.

In Verbindung mit der allgemeinen Gefängnisorder über Ostern in Deutschland mit ganz eigenen Logistikproblemen ist nicht ausgeschlossen, dass die Preise sogar schon im Vorlauf zu Ostern – also in den kommenden Tagen – deutlich nach oben schießen werden. Insbesondere das Tanken könnte sehr teuer werden, aber auch andere Waren und vor allem Rohstoffe und Zwischenprodukte für die Industrie könnten nach Ostern einen deutlichen Preisanstieg erleben.

Die Frage, ob das eine haltlose Spekulation ist, oder vielleicht doch mit einer gewissen Absicht versehen war und zu einem großen Plan gehören könnte, wie auch andere Störungen des Wirtschaftsgeschehens in den letzten Monaten. Dies wird sich beurteilen lassen an der Geschwindigkeit, mit der die Thrombose des Sueskanals wieder aufgelöst wird. Sollte es heute noch klappen, dann werden die Auswirkungen begrenzt sein. Falls jedoch etwas unerwartetes dazwischen kommt und sich die Rettungsoperation verzögern, dann würde diese Verschwörungstheorie wie so viele in letzter Zeit in den Möglichkeitenbereich des Realen rücken.

Viel bräuchte es dafür nicht. Anhaltende Probleme beim Freiziehen der Ever Given oder etwa ein weiterer Unfall mit Containerschiffen infolge des Staus würden dafür völlig ausreichen. Sollte das passieren und die ersten Reeder zum Schluss kommen, die Alternativroute sei günstiger für sie, dann wären die Auswirkungen immens.

Quelle Titelbild Bildschirmfoto