Wie das US-Militär Präsident Trumps Abzugspläne aus Afghanistan sabotiert hat

Der amerikanische Oberst Douglas Macgregor ist hierzulande einigen vielleicht bekannt als Trumps Übergangsbotschafter für Deutschland ab 2020. Der Offizier ist ein intimer Deutschlandkenner, hat lange Jahre im Land gelebt und spricht fließend Deutsch. Leider haben sich die deutschen Mainstream Medien diese Gelegenheit sträflich entgehen lassen. Macgregor hätte mit Sicherheit einige spekulative Lücken mit Substanz füllen können über verschiedene Absichten von Trump und seiner Regierung.

Dies gilt insbesondere für den von Trump beschlossenen Abzug der USA aus Afghanistan, einem Land in dem auch Deutschland noch immer militärisch aktiv ist. Macgregor nämlich war nicht nur der US-Botschafter in Deutschland, sondern wurde von Präsident Trump in den letzten Tagen seiner Amtszeit auch damit beauftragt, den amerikanischen Abzug aus Afghanistan in die Tat umzusetzen.

Macgregor hätte den deutschen Medien aus erster Hand erklären können, warum sich Trump im Unterschied zur deutschen Regierung nach 20 Jahren des erfolglosen Befriedens für das Beenden des dortigen Engagements entschieden hat, und warum es schließlich trotz intensiver Bemühungen dennoch nicht klappen wollte. Leider wurde daraus nichts und so müssen wir seine Geschichte in einem eher unbedeutenden amerikanischen Magazin namens The Gray Zone nachlesen, das hiermit wohl erstmalig von einer deutschsprachigen Internetseite verlinkt wurde.

 

Der Abzug aus Afghanistan, ganz oben auf der Agenda & von allen torpediert

 

Laut MacGregor informierte Präsident Trump bereits kurz nach seiner Wahl im Jahr 2016 die amerikanische Militärführung über seine Absicht, das Land komplett aus Afghanistan herauszuziehen. Er unterstrich diese Absicht in aller Öffentlichkeit, indem er in seiner Funktion als oberster Befehlshaber einen Befehl unterzeichnete mit der Forderung eines Truppenabzugs bis Ende des Jahres.

Die Entscheidung wurde von vielen Seiten als direkter Affront betrachtet. Die Medien waren zu diesem Zeitpunkt bereits gegen Trump gebürstet und nahmen den Ball gerne auf. Die Verbündeten der USA in Afghanistan, darunter Deutschland, hielten sich mit Kommentaren zum Thema vornehmen zurück, da ansonsten vermutlich auch in den beteiligten Ländern Forderungen in diese Richtung laut geworden wären. Selbst die klassische „Antikriegslinke“ des Wohlstandswestens blies lieber Wind durch die Backen, als dem Klassenfeind im Weißen Haus einzugestehen, dass er Wort hält und in diesem Fall sogar eine ihrer Kernforderungen erfüllen wollte. Lediglich über die Meinung der Afghanen ist nichts bekannt. Doch sie werden auch selten danach gefragt.

Trump hätte sich in seiner Art sehr wahrscheinlich dennoch durchgesetzt und den Abzug gegen den öffentlichen Widerstand finalisiert, zumal das Militär keiner externen Kontrolle untersteht. Der größter Widerstand jedoch gegen das Ende des nicht enden wollenden Konflikts, so MacGregor, kam von der Militärführung selbst. Dessen Stabschef General Mark M. Milley bedrängte Trump so sehr, dass dieser am Ende aufgab und einwilligte, zunächst nur die Hälfte der damals noch stationierten Truppen abzuziehen.

Ein solches Einknicken mag unüblich klingen für den Charakterkopf Trump. Doch es ist bekannt, dass er Spezialfragen gerne an Experten delegiert und sich selbst nur um die großen Dinge kümmert. Zu dieser Führungsmethode gehört, dass man alles versucht, am Ende dann aber, wenn nichts mehr geht, dem Experten in seiner Expertise vertraut. Berichtet wurde darüber in den Medien rein gar nichts. Weder hierzulande, noch in den USA.

 

Der Friedensvertrag mit den Taliban war schnell auf dem Weg

 

Trotz dieses Rückschlags wollte Trump die leidige Geschichte in Afghanistan dennoch mit einem Erfolg zu Ende bringen. Trump schickte dafür einen Unterhändler zu den Taliban, die sich dann im November 2019 tatsächlich einig wurden bezüglich der Bedingungen, unter denen ein Friedensschluss und der Abzug der Amerikaner verhandelt werden sollte.

Kurz nachdem die Einigung in trockenen Tüchern war, betrat in Kabul sogar erstmals ein hochrangiger US-General ungeschützt und ohne Schutzweste eine Straße außerhalb der grünen Zone. Es war das Zeichen, dass der Krieg vorbei war, denn ansonsten wäre er sehr wahrscheinlich dabei ermordet worden. Bezeichnenderweise konnte ich von der denkwürdigen Szene nur noch dieses eine Video mit einem Standbild finden. Alle anderen Aufnahmen wurden offenbar aus dem Index gelöscht.

 

Hinhaltetaktik mit allen Mitteln

 

Einer der Verschwörer gegen Trump war der damalige Verteidigungsminister Mark Esper, der ab dem Zeitpunkt der Einigung gemeinsam mit dem Generalstab alles unternahm, um den Frieden und damit den Abzug zu torpedieren. Zunächst wurde Trump vermutlich unter Vorwänden dazu gebracht, den Taliban ein Ultimatum zu stellen für den Zeitpunkt, wann sie ihre militärischen Widerstand im Land vollends einstellen sollen.

Diese nahmen die Einladung an und revanchierten sich mit einem eigenen Ultimatum an die USA. Der Verhandlungsprofi Trump wurde offenbar gezielt sabotiert, so dass am Ende noch einmal nachverhandelt werden musste, bevor eine zweite Einigung über die Bedingungen erzielt wurde und die Gespräche für das eigentliche Friedensabkommen beginnen konnten.

Bis zu diesem Punkt war ein Gutteil von Präsident Trumps Amtszeit vergangen. Dennoch war es im Februar 2020 endlich so weit und ein offizielles Abkommen zwischen den Taliban und der US-Regierung wurde unterzeichnet. Darin wurde unter anderem festgehalten, dass die Taliban Angriffe auf das US-Militär einstellen würden und sie einen zweistufigen Abzug akzeptieren, wie es General Milley von Trump verlangt hatte. Der erste Teil der Truppen sollte innerhalb eines halben Jahres abgezogen werden, der übrige Teil bis Mai 2021.

 

Esper interpretiert die Neutralität

 

Zwischen den Taliban und der afghanischen Zentralregierung als den beiden Kriegsparteien wurde im Rahmen der Übereinkunft ein Waffenstillstand ausgehandelt, bis die USA aus dem Land wären. Diese separate Einigung bedingte, dass US-Truppen im Fall eines Gefechts zwischen Regierung und Taliban nicht eingreifen durften. Die USA haben sich in dem Abkommen quasi für neural erklärt.

Genau diese Schwachstelle wurden von Kommandeuren wie auch dem Verteidigungsminister ausgetestet. Während sich die Taliban selbst an die Abmachung im Abkommen hielten, keine Ausländer mehr in ihre Ränge zu lassen, erlaubte Esper den stationierten US-Truppen, die afghanischen Regierungstruppen zu verteidigen. Dann versprach er sogar öffentlich, das Militär der afghanischen Regierung zur Hilfe zu schicken, falls es zu offenen Kämpfen kommen sollte. Es war ein Aufruf an die Zentralregierung, den Waffenstillstand zu brechen.

Der afghanische Präsident ließ sich darauf ein und provozierte mit der Verweigerung eines Austauschs von Gefangenen, wie es im Abkommen vereinbart wurde. Die Taliban reagierten vorhersehbar mit einer Reihe von Angriffen, die vom US-Militär mit Luftangriffen beantwortet wurden. Ab da war allen Involvierten klar, dass der politische Wille für das Militär nichts zählt und sie sich als diejenigen sahen, welche die Bedingungen stellten.

 

Auch Außenminister Pompeo war dagegen

 

Gemeinhin wird der damalige Außenminister Mike Pompeo als einer der Paladine von Trump gesehen. Jedoch gefiel es dem gegenüber China gerne mit einer Extraportion Aggression auftretenden ehemaligen General offenbar gar nicht, dass die USA ihre Position direkt westlich des roten Riesen preisgeben würden.

Daher machte nicht nur Esper gegenüber den Medien irreführende Aussagen hinsichtlich des Abkommens mit den Taliban, und inwieweit sie sich daran hielten. Auch Pompeo pochte in der Öffentlichkeit auf eine Interpretation der mit den Taliban ausgehandelten Details, die das Abkommen nicht hergab.

Auf der realpolitischen Ebene diktierten die beiden den Taliban mit ihren öffentlichen Äußerungen immer wieder neue Konditionen. Das Ziel dieser Sticheleien war klar. Sie sollten die Taliban davon überzeugen, dass es die USA nicht ernst meinen. Sie sollten zu einer Reaktion verleitet werden, auf welche die USA nur mit einem weiteren Verbleib der Truppen reagieren könnten.

 

Russland, Russland!

 

Auch die mediale Hysterie rund um die inhaltslosen, aber umso vehementer vorgebrachten Vorwürfe, Trump sei ein Agent Moskaus, wurden vom Pentagon ausgenutzt. Eine Geschichte wurde an die New York Times durchgestochen, in der es um zwei geheime Anhänge zu dem Abkommen ging, die angeblich mit den Taliban ausgehandelt worden seien.

Mit der Geschichte sollte insinuiert werden, dass die Öffentlichkeit nicht umfassend über das Abkommen, den Abzug und die größeren Umstände dahinter informiert wurde. Die Geschichte wurde verknüpft mit einer vom afghanischen Geheimdienst gestreuten Ente, wonach Russland seine Finger im Spiel hätte, und den Taliban Kopfprämien für tote US-Soldaten zahlen würde.

Diese Vorlage wurde von den Medien benutzt, um ein weiteres Mal das Rad der Hysterie anzudrehen. Denn vielleicht, so deren Spekulation, wollte Trump am Ende nur deswegen abziehen, weil es ihm Putin befahl. Wie alle anderen Schmierversuche in diese Richtung, fiel auch dieser in sich zusammen wie ein Souffle, da die „geheimen Anhänge“ schon bekannt waren und sie überdies nichts direkt mit den Verhandlungen zu tun hatten.

 

Die Kampfhandlungen flammen wieder auf

 

Der Schaden war dennoch angerichtet. Eventuell wurden einige weitere Militärs oder konservative Politiker von der Fehlentscheidung durch Trump überzeugt. Vielleicht begruben auch einige Taliban mehr als zuvor ihre Hoffnung auf ein baldiges Ende der Besatzung.

Kaum ein Viertel Jahr nach dem Abkommen flammten die Kämpfe wieder auf, nachdem die Taliban den USA mehrere Dutzend schwere Drohnenangriffe vorwarfen, was vermutlich stimmt, da das für Afghanistan zuständige Oberkommando ein weiteres Mal offensive Aktionen erlaubte.

Damit war der Zustand von vor der ersten Übereinkunft wieder erreicht. Mehr als drei Jahre waren somit verloren, Trumps Amtszeit war beinahe vorbei. Das Militär feierte diesen Umstand aber keineswegs, sondern sah die in Sicht gekommene Zielgerade als Ansporn für weitere Sticheleien gegen die Taliban, da sie so kurz vor dem Ziel nicht noch verlieren wollten.

 

Auf Trumps Niederlage in Afghanistan folgte jene an der Heimatfront

 

Als Trump im November 2020 schließlich die Wahl verlor, war es vorbei mit seinen Abzugsplänen. Das Militär sah sich vollends in der Überhand und machte Trump in aller Deutlichkeit klar, wer ab sofort das Sagen hat. In einem von der militärischen Spitze unterzeichneten Memorandum warnten sie Trump vor einem weiteren Truppenabzug, bis „die Bedingungen“ erfüllt seien, die im Pentagon für einen Abzug als zwingend notwendig erachtet wurden.

Besonders zynisch ist, dass die Bedingungen vor allem aus einer deutlichen Reduktion der Gewalt seitens der Taliban bestanden, deren Wiederaufflammen das Militär größtenteils selbst zu verantworten hatte. Trump war entsprechend außer sich. Nachdem er vier Jahre lang systematisch auf den Abzug hin arbeitete, musste er ganz am Ende als abgewählter Präsident über sich erdulden lassen, dass ihm das eigentlich unter ihm stehende Militär nun auch offen auf der Nase herumtanzen konnte.

 

MacGregor übernimmt

 

Trumps einzige Reaktion auf die sowohl an Hochverrat als auch einen Putsch grenzende Illoyalität der Militärführung bestand in der sofortigen Entlassung von Verteidigungsminister Esper. Er ersetzte diesen mit Christopher Miller, der vormals die amerikanische Spionageabwehr leitete und ebenfalls für den Abzug war. Millers Stellvertreter wurde auf Wunsch von Trump Oberst MacGregor, der diese Geschichte erzählte.

Mehr noch als Miller sprach sich Macgregor öffentlich gegen die ewigen Kriege aus und kritisierte das Pentagon für dessen Hinhaltetaktiken, über die einem hochrangigen Militär wie ihm sehr wahrscheinlich noch mehr bekannt ist, als an die Öffentlichkeit dringt.

In seiner Funktion als stellvertretender Minister wurde ihm der Abzug aus Afghanistan übertragen, den er sofort versuchte in die Tat umzusetzen. Ziel war der komplette Abzug noch vor dem offiziellen Auszug von Trump aus dem Weißen Haus im Januar.

Er hatte ziemlich genau 60 Tage Zeit dafür und machte sich sofort an die Arbeit. Als erstes ließ er sich von Trump einen offiziellen Befehl mit sehr ausdrücklichen Worten ausstellen und wollte umgehend den Prozess einleiten, mit dem dieser einen offiziellen Charakter bekommt. Damit sollte jeglichen Interpretationsspielräumen als auch Hinhaltetaktiken durch den Generalstab vorgebeugt werden.

 

Ein allzu mächtiges Militär

 

Der Generalstab jedoch kam Macgregor zuvor. Noch bevor die Tinte auf dem Abzugsbefehl trocken war, statteten sie Trump einen Besuch ab und redeten ihn ein weiteres Mal auf ihn ein, er solle doch nur die Hälfte der Truppen abziehen.

Laut einer Quelle von Macgregor im Weißen Haus überzeugten sie Trump davon, dass der Befehl unmöglich ausführbar sei, während ein erfolgreiches finales Abkommen mit den Taliban nur dann zustande kommen könne, wenn sich zu dem Zeitpunkt noch US-Truppen in Afghanistan befänden. Überdies, so die Generäle, gäbe es eine überparteiliche Unterstützung für die weitere Aufrechterhaltung der Besatzung.

Das Militär siegte und ließ den öffentlich stets für das Militär eintretenden Trump völlig im Regen stehen. Es zeigt, wie wenig sich die amerikanische Militärführung in Wirklichkeit um den Volkswillen oder die politische Führung über sich schert. Im Gegenzug unterstreicht die Episode Trumps Verfassungstreue und seinen Respekt gegenüber den Institutionen. Theoretisch hätte er bis zu seinem letzten Tag im Amt die Macht gehabt, beim Militär und hinsichtlich des Abzugs die Brechstange anzusetzen.

Entgegen der vielen gegenteiligen Behauptungen verzichtete er nach reiflicher Überlegung stets darauf, mit jener Härte durchzugreifen, die ihm als Präsident zur Verfügung stand. Tatsächlich ließe sich argumentieren, dass er sich in dieser Angelegenheit viel zu sehr zurückgehalten hat. Jenseits dieser Geschichte will ich auch nicht wissen, inwieweit ihm seitens des Militärs und sonstigen Elementen des Tiefen Staates in den USA bei anderen Themen versucht wurde, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Quelle Titelbild