Hundertjähriges Jubiläum eines vergessenen, blutig niedergeschlagenen Bauernaufstandes gegen die russischen Bolschewisten

Hundertjähriges Jubiläum eines vergessenen, blutig niedergeschlagenen Bauernaufstandes gegen die russischen Bolschewisten

Die Aufarbeitung der kommunistischen Ära in Russland verläuft zäh. Die Archive des NKWD wurden zwar für einige Jahre geöffnet, so dass eine Aufarbeitung der Gräueltaten vor allem zwischen 1917 und 1952 zur Zeit von Lenin und Stalin beginnen konnte. Jedoch waren die ersten Analyseergebnisse so verheerend und blutrünstig, wie ein russischer General gegenüber Douglas MacGregor meinte, dass die Archive von Präsident Putin wieder geschlossen wurden und das Tuch des Schweigens darüber kam.

Der Zählerstand blieb stehen bei knapp 40 Millionen Toten als vorläufiger Blutzoll Russlands alleine für den Zweiten Weltkrieg. Hinzu kommen jene Millionen, denen Alexander Solschenizyn ein Denkmal setzte, nachdem sie im Gulag-System zu Tode geschunden wurden. Doch das ist längst noch nicht alles, was sich Lenin und Freunde am russischen Volk haben zu schulden haben kommen lassen. Einen Eindruck darüber, wie extrem das kommunistische Russland in seinen Anfangsjahren war und wie viel es noch aufzuarbeiten gibt wird deutlich, wenn man bedenkt, dass selbst über die großen Aufstände kaum etwas bekannt ist, wie jenem in Westsibirien des Jahres 1921.

 

Window on Eurasia: Vor einhundert Jahren kam es in Westsibirien zu einem Bauernaufstand, der noch verhängnisvoller war als der Aufstand von Kronstadt

 

Die Russen begehen derzeit den hundertsten Jahrestag des Kronstadt-Aufstandes. In aller Regel übergehen sie dabei in Unkenntnis den viel größeren Bauernaufstand, der sich in Westsibirien ereignete. Der Aufstand erschütterte Lenins Regime in seinen Grundfesten und konnte erst nach zwei Jahren des Kampfes niedergeschlagen werden, als die Rote Armee den Aufstand in Blut ertränkte.

Es gibt sowohl in Russland als auch im Westen Dutzende von Büchern und Hunderte von Artikeln über Kronstadt. Doch es gibt nur sehr wenige, die die westsibirische oder auch Ischtim-Aufstand genannte Widerstandsbewegung behandeln. Dies, obwohl letztere weit mehr Menschen auf einem größeren Gebiet betraf und die Existenz des jungen Sowjetstaates noch einmal grundlegender bedrohte und es Monate dauerte, bis der Aufstand niedergeschlagen war.

Dieses Jahr haben die staatlichen Medien in Russland den Jahrestag komplett ignoriert. Einige unabhängige Autoren aber haben die Lücke gefüllt und erzählten über den Bauernaufstand gegen die Sowjetmacht und welche Bedeutung er hatte. Einer von ihnen ist der Historiker Vitaly Drobyshev, der argumentiert, dass die Russen viel mehr über dieses Ereignis wissen sollten, als sie es tun.

„Vor hundert Jahren haben die sowjetischen Behörden den Aufstand der Bauern in Ishtim in Blut ertränkt, wovon nur wenige gehört haben“, heißt es dort. Russische Autoren können sich nicht einmal entscheiden, wie sie den Aufstand nennen sollen, wenn sie sich einmal die Mühe machen, über ihn zu sprechen, während viele die sowjetische Praxis fortführen, ihn in einer Reihe kleinerer Bauernaufstände am Ende des russischen Bürgerkriegs zu besprechen.

Zentrale Elemente und Ursachen für den Aufstand wird dabei völlig ignoriert: 1) Die Konfiszierung von Lebensmitteln durch die Bolschewisten bis zu dem Punkt, an dem die Bauern verhungerten, 2) wie groß das Ereignis war – der Aufstand umfasste ganz Westsibirien und Nordkasachstan, 3) wie sehr der Sowjetstaat davon bedroht wurde, da die Städte ohne das Getreide aus dieser Region nicht mehr ernährt werden konnten, und 4) die Niederschlagung mit einer bis dahin nie dagewesenen Gewalt.

Der Aufstand brach laut Drobyschew in der ganzen Region spontan aus. „Das war ein echter Bauernkrieg“, in dem die mit ihren Werkzeugen bewaffneten Bauern auf die mit Maschinengewehren bewaffneten Bolschewisten losgingen. Innerhalb weniger Tage schafften sie es, Teile der Transsibirischen Eisenbahn und zahlreiche Regierungsbüros zu erobern.

Der Aufstand in Westsibirien war in seiner Wirkung wesentlich bedeutender als der Kronstadt-Aufstand, da Lenin so sehr von den dortigen Ereignissen beeindrckt wurde, von er den Exzessen des Kriegskommunismus abließ und zur Neuen Ökonomischen Politik überging. Grund dafür war laut Drobyshev, dass Lenin erkennen musste, dass das bäuerliche Russland – und Russland war damals ein sehr bäuerliches Land – sogar ohne Gewehre in der Hand dazu bereit war, sich gegen die Bolschewisten zu erheben.

Hinzu kam, dass die verbliebenen und stark dezimierten Reihen der Roten Armee nicht ausreichten, um diesen Aufstand weiterhin schwelen lassen zu können, geschweige denn einen Aufstand, der in ganz Russland hätte ausbrechen können.

Einheiten der Roten Armee und ihre Verbündeten mussten vor den Aufständlern um ihr Leben fließen und ließen einen großen Teil des Landes in den Händen der Bauern zurück. Das konnten die Bolschewisten aber nicht dulden, und so sammelten sie Truppen aus den Städten und dem übrigen Russland und schickten sie gegen die Bauern mit der Anweisung, den Widerstand restlos zu vernichten.

Genau das taten diese Truppen dann auch, indem sie der Region einen echten „roten Terror“ brachten, und mit dem dortigen Bauernstand ausgerechnet eine jener Bevölkerungsgruppen vernichteten, von denen Bolschewisten behaupteten, dass sie diese vertreten würden.

Bis zum Ende der Niederschlagung wurden Tausende Menschen abgeschlachtet. Allerdings nicht nur all jene, die zu den Waffen griffen, sondern ausnahmslos alle Bewohner, einschließlich Frauen und Kinder, die zu einem bewaffneten Aufstand in der Lage gewesen wären.

Trotz allem handelt es sich bei dem Aufstand in Westsibirien leider noch immer um einen weißen Fleck in der Aufarbeitung der Geschichte bolschewistischen Regimes. Nur wenige Forscher haben sich bislang mit dem Thema beschäftigt, während andere, kleinere Aufstände noch einmal erheblich weniger Aufmerksamkeit bekommen.

Quelle Titelbild

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