Das leere Versprechen hinter dem strahlenden Lächeln von Neuseelands Jacinda Ardern

Das leere Versprechen hinter dem strahlenden Lächeln von Neuseelands Jacinda Ardern

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern ist mir suspekt. Irgend etwas an dem strahlenden Lächeln der Frau sagt mir, dass sich dahinter eine dunkle, kalte Leere verbirgt. Viele gibt es nicht, die meine Einschätzung von Ardern als einer über- und falsch eingeschätzten Politikern teilen, jedoch stehe ich nicht alleine. Mindestens ein Neuseeländer teilt meine Ansichten über sie.

 

The Spectator: Der Mythos der heiligen Jacinda

 

Jedes Mal, wenn ich wieder einen enthusiastischen Medienartikel über die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern lese, dann kommt mir ein altes Sprichwort in den Sinn: „Aus der Ferne betrachtet, ist alles schön.“ Der Spruch stammt von Publius Cornelius Tacitus (56-120 n. Chr.). Würde dieser römische Intellektuelle und Historiker heute noch leben, er wäre wahrscheinlich ein großartiger Kolumnist. Seine Taktik bestand stets darin, politische und historische Analogien so zu spinnen, dass er damit die öffentlichen Angelegenheiten in der Heimat beeinflussen konnte.

In Tacitus Germania zum Beispiel („De origine et situ Germanorum liber“) stellte er die Germanen als eine edle Kultur dar, damit seine römischen Landsleute die Korruption und Dekadenz ihrer eigenen Gesellschaft erkennen würden. Das einzige Problem an der Sache war, dass Tacitus nie den Rhein überquert hatte. Doch das störte kaum: Die allermeisten Römer waren ebenso wenig nach Norden gereist.

Nichts anderes passiert jetzt wieder, nur dass dieses Mal die Neuseeländer die Rolle der edlen Wilden einnehmen, wie sie nur in den Köpfen der Kolumnisten dieser Welt existieren. Kaum einer dieser Schreiber lebt tatsächlich in Neuseeland oder ist vertieft über das Land informiert. Ihre Meinungsäußerungen verraten mehr über sie als über das Land, über das sie zu schreiben vorgeben. Unter normalen Umständen wäre das kein Problem. Aber in den letzten Jahren ist Jacinda Ardern zu internationaler Berühmtheit avanciert. Ihr Aufstieg basierte dabei einzig auf der Fernberichterstattung einer links eingestellten Weltpresse, die nach einer noblen Alternative zu den starken Männer dürstet, die das derzeitige politische Spitzenpersonal ausmachen.

 

Strahlefrau mit Talent für PR

 

Wer sich einen Anti-Trump, einen Anti-Johnson oder einen Anti-Bolsonaro wünscht, der könnte sich kaum eine geeignetere Figur als Ardern ausdenken. Gäbe es sie nicht, man müsste sie erfinden. Sie erfüllt wirklich alle der gewünschten Kriterien. Als junge Frau, die im Alter von gerade einmal 37 Jahren Premierministerin wurde, ist sie eine der ersten Regierungschefs in der Generation der Millennials. Nicht weniger ist erst die zweite Regierungschefin der Welt, die im Amt ein Kind zu Welt brachte (die erste war Benazir Bhutto aus Pakistan).

Arderns politische Amtszeit ist durchsetzt mit zeitgeistlinken Programmpunkten. Die Liste der von ihr vertretenen Anliegen ist lang. Als Grund für ihren Eintritt in die Politik nannte sie die Kinderarmut. Als sie 2017 zum ersten Mal als Premierministerin kandidierte, erklärte sie den Kampf gegen den Klimawandel zur „Anti-Atomkraftbewegung ihrer Generation“. Anfang 2019 versprach sie in der Financial Times, sich für eine neue „Ökonomie der Freundlichkeit“ einzusetzen. Dies wurde kurz darauf mit dem weltweit ersten „Wohlfühlbudget“ demonstriert.

Nicht zuletzt dank ihrer Fähigkeit jedes Publikum anzusprechen ist Ardern in den Medien zum Aushängeschild einer modernen Mitte-Links-Politikerin geworden. Egal ob es eine Facebook Direktübertragung von zu Hause und im Schlafanzug ist oder eine traditionelle Pressekonferenz, Ardern strahlt stets eine sehr persönliche Art von Wärme, Freundlichkeit und Empathie aus.

Dieses PR-Geschick half ihr, während ihrer ersten Amtszeit durch zwei große Krisen zu steuern. Sie fand die richtigen Worte, um die schockierte Nation zu heilen, nachdem es im März 2019 in Christchurch zu einem Terroranschlag auf die muslimische Gemeinde kam. Letztes Jahr dann führte sie die Kiwis durch die ersten Monate der Coronakrise, indem sie fast täglich im Fernsehen auftrat.

Für Menschen, die aus der Ferne zuschauen und es satt haben, sich mit ihrem eigenen sterblichen, fehlerhaften und ineffektiven Führungspersonal herumzuschlagen, leuchtet Arderns Stern umso heller. Wie der Psychologe Jonathan Haidt in „The Righteous Mind“ (Der gerechte Verstand) aufzeigte, wollen wir von machen Dingen so sehr, dass sie wahr sind, dass kein noch so großer Gegenbeweis unsere Meinung zu ändern in der Lage ist. Ardern hat Glück, dass die Menschen diesen mentalen Fehler in sich tragen, denn ihre Regierung hat in praktisch jeder einzelnen Metrik versagt.

 

Arderns Versagensliste ist lang

 

Sie versprach, Neuseelands Wohnungskrise lösen, indem sie über ein Jahrzehnt 100.000 Wohnungen bauen wollte. Nach zwei Jahren wurde dieses undurchführbare staatliche Programm wieder aufgegeben, während die Hauspreise schneller in die Höhe geschossen sind als zuvor. Eine versprochene Bahnverbindung zwischen Aucklands zentralem Geschäftsviertel zum Flughafen traf das gleiche Schicksal: Das Projekt wurde aufgegeben, bevor es überhaupt angefangen hatte. Auch die Kinderarmut stieg unter Arderns Führung, ebenso wie die CO2-Emissionen. Das so genannte „Wohlfühlbudget“ sollte die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – allerdings wurden bis heute keine Projekte gefunden, für die das Geld hätte ausgegeben werden können.

Selbst bei den beiden großen Krisen unterschied sich die tatsächliche politische Umsetzung immens von ihrer PR-geprägten Wahrnehmung. Ein nach dem Anschlag in Christchurch durchgeführtes Waffenrückkaufprogramm entpuppte sich als ein kostspieliges Fiasko. Der Erfolg des Landes gegen Covid-19 wiederum war mehr ein Ergebnis der Geographie des Landes als seiner Politik. Die Regierung hat es nicht einmal geschafft, grundlegende Quarantäneeinrichtungen bereitzustellen.

 

Niemand verlangt nach Rechenschaft

 

Im Wahlkampf 2020 hätte sich Ardern eigentlich erklären müssen, warum ihre großen Versprechungen alle in fundamentaler Weise gescheitert waren. Lediglich verlangte niemand nach dieser Rechenschaft, so dass die mit einem Heiligenschein ausgestattete Ardern eine absolute Mehrheit einfahren konnte. Gewöhnliche Neuseeländer sind es nicht gewohnt, im globalen Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, was dem internationalen Narrativ über Ardern auch im Land selbst Rückenwind gibt, so dass viele daran glauben wollen.

Die Diskrepanz zwischen dem Bild, das die Menschen von Ardern haben, und ihrer tatsächlichen Leistung als Führungskraft hat sich inzwischen zu einer Kluft ausgeweitet. Solange es jedoch genug moderne Nachahmer von Tacitus gibt, die sich in überschwänglichen Porträts Ardern in den Himmel loben, wird sich an ihrem Status eines Superstars nicht viel ändern.

Quelle Titelbild

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