Hintergründe zum „GameStop Squeeze“: Ein Kulturkampf zwischen Zentralisation und Dezentralisation

Leicht ist es nicht, sich einen Überblick zu verschaffen über das, was gerade am US-Finanzmarkt abläuft. Die beste Umschreibung ist vermutlich Krieg, so sehr diese Analogie auf den Handel mit Wertpapieren angewandt werden kann. Besser ist vermutlich ein Boxkampf, bei dem es finanziell allerdings um Leben und Tod geht.

Auf der einen Seite in diesem Kampf stehen mit Hedge Fonds institutionalisierte Profianleger, die sich auf risikoreiche Investitionen spezialisiert haben. Auf der anderen Seite – so heißt es – steht eine Vielzahl an Kleinanlegern, die dank des Lockdowns, der Konjunkturschecks und der amerikanischen Gesetzte für Kleinanleger in den Ring steigen konnten und gerade im Begriff sind, den Großen im Geschäft eins auswischen.

 

Zentrale Orte und Akteure der „Rebellion“

 

Als Epizentrum der GameStop Rebellion wird gerne das Forum Reddit genannt, wo es das Unterforum „WallStreetBets“ gibt. Dort haben wie es heißt tausende Feierabendspekulanten zusammengefunden, die es schaffen, ohne professionellen Hintergrund und ohne entsprechende Werkzeuge im Spiel der Großen mitzuspielen.

Ihre Waffen sind die Schwarmintelligenz gemeinsam mit der veritablen Summe, die zusammenkommt, wenn man den Einsatz aller dort versammelten Kleinanleger zusammenrechnet. Aktuell zählt das Forum eine Viertel Million aktive Mitglieder, so dass bei einem Einsatz von durchschnittlich 2.000 US-Dollar (entsprechend den beiden Konjunkturschecks), mindestens eine halbe Milliarde Dollar zusammenkommt.

Für sich gesehen mag diese Summe ausreichen, um etwas Musik in den Markt zu bringen. Dennoch handelt es sich bei einer solchen Summe im Ozean, den der Finanzmarkt darstellt, um nicht mehr als die berühmten Peanuts. Und selbst das kleine GameStop war vor dessen Höhenflug noch über zwei Milliarden Dollar wert, während es derzeit steht bei fast 20 Milliarden steht. Wie ich hier bereits festgestellt habe, reicht in dieser Betrachtung „die Summe aller Kleinanleger“ kaum aus als Erklärung für das derzeitige Geschehen.

 

Nicht David gegen Goliath, sondern Zentralisten gegen Dezentralisten

 

Im groben und ganzen mag die Geschichte mit den vielen tausend Kleinanlegern stimmen. Jedoch lässt sich mindestens teilweise widerlegen, dass sich hauptsächlich Amateure und Feierabendspekulanten beteiligen. Bereits am 21. Januar etwa führte der immer wieder sehenswerte YouTuber George Gammon ein Interview mit dem Anlageprofi Jesse Felder, in dem dieser auf Reddit und GameStop verweist. Zu dieser Zeit schlummerte die Aktie von GameStop noch immer in Richtung Insolvenz. Nichts deutete auf den nahen Umschwung hin.

 

 

Wer sich das Interview anschaut, der wird schnell merken, dass Felder bestens informiert war, was sich im digitalen Unterholz am zusammenbrauen war. Als ich das Interview kurz nach dessen Veröffentlichung sah, da verstand ich die Implikationen noch nicht, da es zu abstrakt war. Das aber sollte sich einige Tage danach dramatisch ändern.

Der vorgetragene Kampf ist damit also weniger einer zwischen David und Goliath, sondern eher einer zwischen zentralisierten und institutionalisierten Akteuren und dezentralen Akteuren, die auf eigene Faust den Markt zu schlagen versuchen. Während erstere auf die Nähe zum Finanzplatz und den Regulierungsbehörden bauen, so bauen letztere auf die digitale Vernetzung und die Möglichkeiten zum Austausch wertvoller Informationen, aufgrund derer sie überhaupt zu einer Macht werden konnten.

Das erklärt auch die Milliardensummen, mit denen GameStop und andere Werte nach oben gedrückt werden können. Kleinanleger hätten niemals die Finanzkraft für so einen Akt. Denkt man sich allerdings Felder und andere Profis hinzu, die sich zwar als Einzelkämpfer, aber auch mit hohen Summen auf dem Markt bewegen, dann erscheint es sogar möglich, dass wir gerade erst nur den Auftakt einer viel größeren Auseinandersetzung erleben.

 

Leerverkäufe, long, short und „Short Squeezes“

 

Die aktuell vorgeführte Methode der Dezentralisten besteht darin, sogenannte „Short Squeezes“ zu verursachen. Als Basis dafür dienen Leerverkäufe, bei denen etwas verliehen wird, das man noch gar nicht besitzt. Was bei Würstchen auf Vorkasse funktioniert, geht auch bei Wertpapieren. So ist es normal, dass es neben Aktien, bei denen der Anleger auf eine Preissteigerung hofft („long postitions“), auch deren Inverse als Wertpapier gibt, bei denen der Anleger auf einen Wertverlust hofft („short positions“). Sobald der Preis dann nachgibt, wird der Leerverkauf mit einer Aktie befüllt, wobei der Anleger die Differenz zwischen dem alten hohen Preis und dem neuen niedrigen Preis als Gewinn einstreicht. Geht der Preis dagegen nach oben, muss der Halter einer Short Position ordentlich drauf legen.

Offenbar ist der institutionalisierte Markt so weit dereguliert (und meines Erachtens ineffizient), dass Situationen auftreten können, in denen mehr Short Positionen existieren – also mehr Leerverkäufe getätigt wurden – als es Aktien gibt. Bei GameStop war dies der Fall, wie auch bei einigen anderen Aktien wie Nokia, bei denen vom jeweiligen Unternehmen gemeinhin erwartet wird, dass es absehbar pleite gehen wird.

Bei einem “Short Squeeze” (als dem Ausquetschen der Leerpositionen) geht es darum, den Aktienpreis eines Unternehmens nach oben zu treiben, bei dem es mehr short als long Positionen gibt. Als logische Konsequenz daraus folgt, dass jeder mit short Positionen im Markt jeden Preis bezahlen muss, der verlangt wird, oder alternativ pleite geht. Diese Verzweiflung zeigte sich 2008 bei Volkswagen, als Porsche sich an einer Übernahme versuchte und der VW-Preis in Richtung des Fünfachen explodierte, und sie zeigt sich heute bei GameStop, wo der Preis urplötzlich sogar um ein Vielfaches höher stieg.

Die Ehre für das Auffinden dieser Short Positionen und die Organisation eines „Short Squeeze“ gebührt eindeutig dem Reddit Forum.

 

Der Drehtüreffekt im Finanzsektor

 

Bereits mehrere Hedge Fonds mussten mit Milliarden gerettet werden, nachdem die GameStop Aktie nach oben gedrückt wurde, und sie wegen zu vieler Shortpositionen in Schieflage gerieten. Das kann dem Finanzplatz in New York kaum gefallen. Viele erwarten daher eine Reaktion durch die Regulierungsbehörden und die Politik, obwohl es sich dabei um ein normales Marktgeschehen handelt.

Die Erwartungshaltung einer Reaktion trotz des regelkonformen Verhaltens basiert auf den engen Beziehungen zwischen Finanzmarkt, Regulierungsbehörden und Politik. Diese sind bekannt als der „Drehtüreffekt“, bei dem das Spitzenpersonal quasi ohne Unterbrechung die Seiten wechselt und dabei die alten Freunde nicht vergisst.

Das aktuellste, wenngleich bei weitem nicht einzige Beispiel ist Janet Yellen. Bis vor kurzem stand Yellen an der Spitze der Federal Reserve (einer Art Regulierungsbehörde) und leitet aktuell das US-Finanzministerium (einer politische Institution). Gleichzeitig erwarb sie sich in der Vergangenheit einen guten Nebenverdienst als Rednerin vor Vertretern von Finanzinstitionen, etwa dem Hedge Fonds Citadel, wo sie für einen Vortrag satte 810.000 Dollar einstrich. (Ein anderer aktueller Fall wäre der ehemalige britische Finanzminister George Osborne, aber das ist eine andere Geschichte.)

Citadel wiederum steht im Mittelpunkt des Short Squeeze der GameStop Aktie. Das Unternehmen hat voll auf einen Bankrott von GameStop gesetzt und hatte entsprechend viele Short Positionen im Portfolio. Nachdem sich der Preis der Aktie dann vervielfachte, musste sich das Unternehmen rekapialisieren, sprich, andere Institutionen um Geld anbetteln.

Das funktionierte so weit, was auch für andere Hedge Fonds gilt, die in den Sog hineingezogen wurden. Sie alle stehen noch oder wieder. Jedoch bleiben die Dezentralisten dran, nachdem sie mit dem anfänglichen Sieg Blut gerochen haben. Hinzu kommen weitere professionelle Anleger, unter denen sich auch einige institutionalisierte Hedge Fonds befinden, die nur auf ihren eigenen Profit bedacht sind, und nicht auf jenen der Industrie als ganzes – oder überhaupt deren Existenz als eigene Entität.

Es ist daher sehr gut vorstellbar, dass es weitergehen wird. Infolge einer drohenden Pleitewelle an der Wall Street könnte also schon bald die “positive Meinung” politischer Spieler gegenüber den institutionalisierten Akteuren am Markt relevant werden, wenn es darum geht, eine Kernschmelze mit multiplen Bankrotten zu verhindern.

 

Lenkungsversuche durch das Establishment

 

Ohne Zweifel lässt sich feststellen, dass sollten die Dezentralisten weitere Erfolge erzielen, dann stünde die Existenz des institutionalisierten Finanzsystems auf dem Spiel. Da es sich bei diesem für die Beteiligten jedoch um ein überaus einträgliches Geschäft handelt – siehe Yellens Redegebühr – wurde bereits allerlei unternommen, um die Rebellion kaputt zu schlagen.

Hochrangige Politiker wie die sich links gebende Elizabeth Warren fordern Ermittlungen und neue Regulierungen, mit denen die „Kleinen“ vom Markt gedrängt würden, so dass die Großen wieder unter sich bleiben. Eine illegale Absprache sei es gewesen, so Warren, was da auf Reddit lief und noch immer läuft, so dass strafrechtliche Konsequenzen gezogen werden müssen. Sie und andere ignorieren dabei völlig, dass es sich bei derartigen Absprachen um einen Teil des Spiels der Hedge Fonds handelt. Denn aus welchem anderen Grund sollten beispielsweise für ein Unternehmen mehr Short Positionen im Umlauf sein als es Aktien gibt? Ohne eine Absprache im Hintergrund ist so ein Vorgehen nichts anderes als Selbstmord.

Auf regulatorischer Ebene wiederum wurde der Kostenloshandelsplattform RobinHood die Schlinge um den Hals gezogen. Die meisten der tatsächlichen Kleinanleger im Reddit Forum handeln dort ihre Aktien. Unterbricht man an dieser Stelle den weiteren Zustrom an Käufern der ins Visier genommenen Aktien, so der Gedanke dahinter, dann lässt sich auch der Preisanstieg stoppen.

Das entsprechende Vorgehen ist nur ein Gerücht – oder neudeutsch eine Verschwörungstheorie – doch sie wurde von niemand geringerem als Elon Musk vorgetragen. Es handelt sich dabei nicht um eine behördliche Regulierungsmaßnahme, aufgrund derer GameStop Aktien bei RobinHood nur noch verkauft werden können (in einigen Fällen soll es sogar zu Zwangsverkäufen gekommen sein). Vielmehr soll Citadel laut Musk selbst hinter der rigiden Maßnahme für RobinHood gestanden haben, indem es mit Hilfe eines anderen Hedge Fonds, der Citadel das notwendige Kapital nachschoss, auf den Transaktionsabwickler hinter RobinHood Einfluss genommen haben soll. Die Grafik mit der Kursentwicklung bei GameStop ist zeigt unmissverständlich den Einfluss der Handelsbeschränkung auf den Preis der Aktie.

 

 

Der Chef bei RobinHood bestreitet diese Vermutung zwar öffentlich, jedoch lassen sich Verträge auch mit Geheimhaltungs- oder gar Lügenklauseln versehen, wenn es wirklich darauf ankommt. Tatsache bleibt, dass RobinHood aus Handelsperspektive grundlos beschlossen hat, dem Treiben um GameStop auf seiner Plattform ein Ende zu bereiten. Als Beweis dafür lässt sich auf Trader Revolution verweisen, wo eine Transaktion einen Dollar kostet (also noch immer billig ist und damit beliebt bei Kleinanlergern), und wo es keine derartigen Beschränkungen gibt.

Diese Unterdrückung des Marktes muss dabei nicht zwingend über den Winkelzug einer gegenseitigen Verschränkung der Geschäftsinteressen laufen, wie es laut Musks Gerücht offenbar der Fall war. Auch staatliche Forderungen wie etwa seitens der Marktaufsichtsbehörde könnten dem freien Handel einen schweren Schlag versetzen. Sollten die Dezentralisten weitere Schwachstellen im System finden, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Politik entschieden reagieren wird und Kleinanlegern wie Handelsplattformen so viele Steine in den Weg legt, dass sie aus dem Markt gedrängt werden.

 

Occupy Wall Street & GamerGate: Der Mainstream spielt seine Deutungshoheit aus

 

Im Grunde genommen erleben wir mit dem Short Squeeze bei GameStop einen weitere Schlacht im wütenden Informationskrieg. Wie auch bei den anderen Schlachten, in denen es beispielsweise um die Deutungshoheit über Trump, Q-Anon oder die allgemeine kulturelle Marschrichtung geht, verläuft auch hier die Trennlinie zwischen einem Mainstream, der eine einzige Meinung als offiziell gültige Wahrheit in die Welt setzen will, und Alternativen, die genau daran zweifeln und bereit sind, ihre Version der Dinge unter persönlichem (in diesem Fall finanziellem) Einsatz zu verbreiten.

Bei Kundigen des Kulturkampfes des letzten Jahrzehnts fallen als Vergleich daher vor allem die Begriffe Occupy Wall Street und Gamergate. Bei beiden handelte es sich um entscheidende Kulminationspunkte auf dem Weg zur gesellschaftlichen Spaltung in der gesamten westlichen Hemnisphäre, wie wir sie heute erleben.

Die inhaltliche Nähe des gegenwärtigen Rebellion zu Occupy Wall Street aus dem Jahr 2011 ist relativ naheliegend. Auch damals gingen vor allem junge Menschen auf die Straße, nachdem die Finanzkrise in den Jahren 2007/2008 eine verheerende Schneise zog und viele Absolventen trotz der exorbitanten Studiengebühren mit nichts dastehen ließ. Ihre Wut entlud sich damals an den Eingängen der Wall Street Institutionen, wo zunächst mit nur diffusem politischen Einschlag gegen die Milliardengewinne und billionenhohen Bail-Outs für Großbanken und Hedge Fonds protestiert wurde.

Occupy verlor jedoch bald wieder seine Schlagkraft, nachdem erfolgreich Vertreter des kulturmarxistischen Postmodernismus eingeschleust werden konnten, die sich mehr mit Hautfarben und Buchstabensexualität beschäftigten, als mit den Misständen rund um das Finanzsystem.

Die derzeitige GameStop Rebellion lässt sich insofern in diese Linie bringen – und wird von einigen sogar als digitales Occupy Wall Street bezeichnet – als dass erneut die Kleinen gegen die Großen antreten und ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Diesmal nicht über Proteste und politische Umverteilung, sondern unmittelbar als Marktteilnehmer, die das Spiel einiger Hedge Fonds besser beherrschen als diese selbst. Nicht anders als damals, als die Finanzhilfen ausschließlich an die Großbanken gingen, besteht der Impetus aktuell aus dem Versuch, die Kleinen wieder aus dem Mark herauszudrängen.

Der inhaltliche Zusammenhang zu GamerGate aus dem Jahr 2014, das aufgrund der medialen Bleiglocke über Deutschland hierzulande kaum bekannt ist (es hat nicht einmal einen Wikipedia Artikel), wird aus einer anderen Perspektive deutlich. Denn nicht anders als beim Protest gegen unfaire Computerspielbewertungen und die falsche Einordnung von eigentlich apolitischen Computerspielern als Sexisten, Rechtsextreme und und Rassisten, kommt auch diesmal die Gegenbewegung gegen den Mainstream in der Finanzindustrie aus den kaum ausgeloteten digitalen Tiefen des Internets.

Tatsächlich waren die Mainstream Medien sehr schnell darin, die strukturelle Ähnlichkeit von GameStop zu anderen Brutstätten des digitalen Dissens herauszustellen. Da die Leserkommentarspalten und großen Sozialen Medienplattformen schon lange keinen Raum mehr bieten für abweichende Meinungen von der Orthodoxie, bleiben nur noch Reddit und andere Foren wie 4Chan, wo sich Interessierte gemeinsam finden können.

Wie das Establishment Nutzer dieser Plattformen pauschal diffamiert ist bekannt: Alles Nazis. So wurde denn auch schnell jeder im Boot der GameStop Aktion als ein solcher abgestempelt, während allenthalben die Gefahr einer rechtsradikalen Rekrutierung an die Wand gemalt wird. Selbst vor einem Vergleich mit dem kürzlichen „Sturm“ auf das Kapitol durch echte oder vermeintliche Rechtsextremisten schreckten einige Vertreter des institutionalisierten Finanzmarktes nicht zurück.

Die Einordnung der Beteiligten von GamerGate als extremistisch ließ die bis dahin gänzlich unpolitische Computerspielgemeinde erst so richtig aufdrehen. Ihre Proponenten wie etwa Sargon of Akkard, der heute unter seinem echten Namen ein eigenes Medienangebot betreibt, hatten einen so durchschlagenden Erfolg, dass die Zensur in den Sozialen Medien überhaupt erst so rigide wurde wie sie heute ist.

Manche meinen dabei, dass Trump nur wegen der damals entstandenen digitalen Protestkultur seinen Siegeszug antreten konnte. (Mit „Rabble“ [Gesindel] es gibt sogar schon eine analoge Bezeichnng zu Hillary Clintons „Deplorables“.) Gleichzeitig sind selbst politisch dezidiert linke Proponeten aus dem Umfeld von GamerGate so weit vom Mainstream abgekommen, dass ihr Einfluss vom Establishment für gefährlich gehalten wird. Es ist also bei weitem nicht nur ein politisch rechtes Protestumfeld, das sich damals bildete, wobei die übergroße Mehrheit in keinster Weise extremistisch veranlagt ist, wie es gerne hingestellt wird.

Ebenso lässt sich heute niemand, der auch nur ansatzweise von GamerGate mitbekam, in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht vom Mainstream hinter dem Ofen hervorlocken. So stark war die inhaltliche Verzerrung der damaligen Geschehnisse durch den Mainstream. Nicht anders läuft es gerade bei GameStop, wo jeder, der mitmacht automatisch ein Nazi sein soll. Die Konsequenz ist klar. Erneut verabschieden sich zahllose eigentlich unpolitische oder auch nur vom derzeitigen System im Stich gelassene Kleinanleger ohne Wiederkehr von dem, was ihnen der Mainstream als Realitätsbild vermittelt. Der Zugewinn an Beliebtheit des Reddit Forums in so kurzer Zeit und das Überspringen der Debatte auf Zirkel jenseits davon spricht für sich.

 

Fake News rund um Silber

 

Dem Establishment bleibt in dieser Situation jedoch nichts anderes übrig, als weiter draufzuhauen. Wie oben beschrieben ist die Fallhöhe ist einfach zu hoch, als dass eine differenzierte Betrachtung zielführend wäre. Milliardensummen gelten im Geschäft heute zwar fast Peanuts. Doch sollten die Dezentralisten weiterhin zielgerichtet die Schwachstellen im System erwischen, dann wären umfassende Bail-Outs und rigide Regulierungen staatlicherseits wohl unvermeidlich. Bei einer solchen Auswahl, in der sich ein Bruch von mehreren möglichen definitiv ereignen wird, ist diese Handlungsweise durch das Establishment nur logisch.

Neben der weiteren Verteufelung von GameStoppern durch den Mainstream gibt aber es noch eine zweite Taktik, die gerade Anwendung findet. Sie besteht darin, die Finanzen der Dezentralisten so weit zu strecken und auf unterschiedliche Bereiche zu verteilen, dass sich deren Schlagkraft verdünnt und sie ihre Gefahr verlieren.

Dazu benötigt es Fake News, die von den in der großen Suppe gegenseitiger Abhängigkeiten mitschwimmenden Mainstream Medien gerne liefern. Glaubt man Tim Pool (dessen Karriere bei Occupy Wall Street begann und mit GamerGate abhob), dann handelt es sich bei sämtlichen Artikeln in großen wie kleineren Mainstream Medien über Silber als das „nächste Ziel der Reddit Gemeinde“ um eine gezielt gestreute Lüge.

In seinem Video zeigt Pool eine ganze Reihe von Beiträgen im Reddit Forum, die sich mit dieser Silberlüge beschäftigen. Bei einer kurzen Suche konnte ich zwar nur wenige Beiträge wiederfinden. Allerdings ist Reddit durchaus bekannt, beliebte Beiträge oder ganze Unterforen verschwinden zu lassen, wenn sie den Betreibern und ihren Investoren nicht in den Kram passen.

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass der große Einstieg in Silber, von dem im Mainstream gesprochen wird, eine gezielt gestreute Lüge zur Ablenkung von der eigentlichen Sache ist. Das wohl wichtigste Argument ist, dass die vom GameStop Squeeze getroffenen Hedge Fonds viel Silber in ihren Portfolios haben sollen. Da sich das nachprüfen lässt, gehe ich davon aus, dass es stimmt. Insofern würden die Hedge Fonds mit einer angestoßenen Preisrallye bei Silber ihre Verluste wieder wettmachen, während die kleinen Spekulanten am Ende alles verlieren würden.

Es handelt sich dabei um das ideale Szenario für das Establishment. Zwar ist zu vermuten, dass Silber eventuell etwas höher als aktuell stehen blieben wird. Jedoch ist eine Vervierzigfachung des Silberpreises auf 1.000 Dollar pro Unze, wie es angeblich angestrebt sein soll, kaum realistisch. Dafür ist der Markt mit derzeit zwei Billionen Dollar einfach zu groß, wie Thomas Bachheimer in einem Video erklärt. Entweder es gibt noch ein paar ganz große Spieler, die auf den Silberzug mit aufspringen werden, oder aber die Rallye wird zu kurz springen. Sollte das passieren, dann verlieren in dem Fall die GameStopper alles – und das mit entsprechenden psychologischen Konsequenzen – während die Hedge Fonds erneut oben schwimmen würden.

Das zweite stichhaltige Argument gegen Silber und für GameStop und andere Aktien mit großen Shortpositionen ist, dass sich an der fundamentalen Schieflage zwischen Shorts und Aktien nichts geändert hat. So lange es mehr Shorts auf eine Aktie gibt als Aktien selbst, muss am Ende jeder Preis bezahlt werden, der verlangt wird. Der Bankrott ist sicher.

Mit der Verlagerung zu Silber (und teilweise Kryptos) dagegen, wie es der Mainstream propagiert, würden aufgrund der Endlichkeit der Mittel zwangsläufig Positionen bei GameStop aufgelöst werden und zwar bevor der letzte Hedge Fonds pleite ist. Bei Silber kommt hinzu, dass im Unterschied zu den Short Positionen im Markt nur bedingt bekannt ist, wie viel es Silber es wirklich gibt, während Papiersilber (also vor allem Futures, das Versprechen auf die künftige Lieferung des Metalls) quasi beliebig nachgedruckt werden kann.

Obwohl schon lange von Preismanipulationen am Silbermarkt gesprochen wird und man munkelt, dass auch hier ein Überhang der Short Positionen existiert, bleibt das Risiko eines Misserfolgs bei einem Short Squeeze von Silber viel größer als bei Aktien. Vieles deutet darauf hin, dass der Umstieg zu einer Spekulation in Silber sehr wahrscheinlich ein Schuss ins Knie wäre.

 

Kasino oder echt?

 

Im engeren Sinn handelt es sich bei Aktien und ihren Handelsbörsen nicht im Kasinos. Im Kern geht es bei ihnen vielmehr um Investitionen in der Realwirtschaft mit dem Ziel der Erwirtschaftung von Gewinnen, während der Handel mit Aktien der Preisbestimmung des Werts einer Investition entspricht. Kurzfristig dagegen, und unter Ignoranz von Dividenden, sind Börsen durch aus Kasinos, bei denen der eine das gewinnt, was der andere aufgrund einer falschen Einschätzung verliert.

Den Beteiligten an der GameStop Rebellion ist das durchaus klar. Sie wissen auch darum, dass bei einem Erfolg keineswegs das institutionalisierte Finanzsystem als ganzes verlieren würde. Einzelne Hedge Fonds lagen goldrichtig, während die Handelsbanken im Daytrading (also dem tagesaktuellen Kauf und Verkauf von Wertpapieren) immer genau dann die größten Gewinne erzielen, wenn die Preise stark schwanken, was gerade der Fall ist. Nicht weniger handelt es sich bei den zwei der wohl größten Gewinnern im Zusammenhang mit GameStop um niemand geringeres als die Investmentgiganten BlackRock und Fidelity, denen zusammen 26 Prozent von GameStop gehört.

Ebenso klar ist den meisten der wirklichen Kleinanleger, die ihre Konjunkturschecks in die Arena warfen, dass sie sehr wahrscheinlich auf ihrem Geld sitzen bleiben werden. Ihr Kalkül besteht nicht darin, möglichst viel Geld abzusahnen, sondern dem Finanzmarkt so eine auszuwischen, dass er sich in seiner heutigen Form nicht wieder erholen wird. Sie sind Idealisten, die die paar Hundert Dollar weniger schmerzen als das es sich gut anfühlen würde, dem kaputten System mit seiner politischen Verflechtung den Todesstoß zu versetzen. Sie wollen das institutionalisierte Finanzsystem in der heutigen, korrupten Form zu beenden. Das Beenden des Drehtüreffekts gehört dabei genauso dazu wie die unendlichen Bail-Outs, wenn das gegenseitige Hin- und Herschieben von systemischen Risiken wieder einmal den Markt implodieren lassen.

Sollte für die kleinen Spekulanten nebenbei ein satter Gewinn herauskommen, dann ist das großartig, so der Tenor. Letztlich aber geht es um viel mehr als nur das. Was wir hier sehen ist effektiv ein weiterer Kulturkampf, in dem eine zentralisierte Macht mit ihrer Deutungshoheit herausgefordert wird. Ihr entgegen stehen die Kräfte der Dezentralisierung, die sich dank der Möglichkeiten des digitalen Raums ihrer selbst bewusst wurden und sich zu einer existenziellen Bedrohung aufschwingen konnten.

Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet GameStop als Einzelhändler ohne digitales Geschäftsmodell zum Aufhänger des Aufstands avancierte. Hinzu kommt die nicht abzuweisende gefühlte Nähe der immer weniger werdenden Kundschaft von GameStop zu den zunächst apolitischen Protesten im Rahmen von GamerGate und Occupy Wall Street.

So darf man auch bei diesem Kampf darauf gespannt sein, wie er ausgehen wird. Fest zu stehen scheint dabei nur eines: Am Ende wird nichts mehr so sein wird es war, ein „Neues Normal“ ist gewiss. Die Frage ist nur welches.

Quelle Titelbild 1, 2 ;Grafik Finanzen; Grafik GameStock