Gamestop Leerverkäufe, Surebets und offene Fragen

Gamestop Leerverkäufe, Surebets und offene Fragen

Ich muss gestehen, zunächst hatte ich nicht so recht verstanden, wo genau der springende Punkt war mit den Leerverkäufen von Gamestop Aktien. Gegen Leerverkäufe ist eigentlich nichts einzuwenden, das ist auch bei physischen Handelswaren eine normale Sache. Was mir dabei allerdings nicht klar war ist, dass es bei Gamestop derzeit mehr Shortpositionen als Aktien gibt. Das finde ich sehr seltsam.

 

Surebets

 

Bislang war ich der festen Überzeugung, dass sich so eine Schieflage zwischen Aktien und Shortpositionen sofort ausgleicht. In etwa so wie im Bereich von Sportwetten, wo hin und wieder Situationen mit “Surebets” auftreten. Bei diesen Surebets (sicheren Wetten) fährt man aufgrund der Quotenkonstellation einen sicheren Gewinn ein, wenn man in der richtigen Relation auf alle Ergebnisse eines Spiels setzt. Selbiges ist nach meinem Verständnis auch bei der Relation zwischen Aktien und Shortpositionen der Fall. Voraussetzung ist zwar, dass man deren Laufzeit kennt, doch das dürfte der Fall sein, da quasi alles am offenen Markt gehandelt wird.

Jedenfalls leuchtet mir nicht so recht ein, wie sich eine derartige Ineffizienz am Finanzmarkt über längere Zeit halten kann. Auf einem Markt mit so vielen Spielern, so hohen Volumina und einem permanenten Handel müsste so etwas doch sofort wieder ausgleichen? Und wenn es aus welchen Gründen auch immer dennoch immer wieder zu persistenten Schieflagen kommt, warum greifen die Finanzmarktaufsicht oder im Zweifel die Zentralbanken nicht ein und drücken Aktien mit Schieflage für kurze Zeit nach oben, bis der Überhang wieder weg ist? Das ist doch eigentlich ein Teil ihrer Aufgabe.

In keinster Weise wundert mich im Zusammenhang dagegen, dass mit Dave Portnoy ein ehemaliger Sportwettenprofi zu den bedeutendsten Vertretern der Gamestop Aktion wurde. Er sah ganz einfach nur eine Surebet und griff zu.

 

Silber und Dogecoin??!

 

Dennoch bleiben bei mir nach wie vor mehrere Fragezeichen stehen. Denn Silber soll angeblich als nächstes nach oben gedrückt werden, während der Spaßblockchain des Dogecoin zwischenzeitlich um den Faktor zehn gestiegen ist, nachdem Leute aus dem selben Dunstkreis darauf angesprungen sind.

Wie kann das sein? Gibt es bei Dogecoin mehr Shorts als Coins? Ich wusste nicht, dass es überhaupt einen nennenswerten Markt dafür gibt.

Nicht weniger sehe ich auch bei Silber kaum die Möglichkeit einer Surebet. Das liegt daran, dass unbekannt ist, wie viel liquidierbares physisches Silber weltweit genau in den Depots liegt. Papiersilber alleine taugt nicht als Bemessungsgrundlage für eine Surebet gegen Leerverkäufe mit Silber.

Bei Silber ist es daher im Grunde genommen egal, wie viele Shortpositionen es gibt. Kein Marktteilnehmer hat das Wissen, wie die Relation zum Silber steht.

 

Wo soll das hinführen?

 

Insgesamt finde ich es ziemlich schockierend, wie die Märkte gerade anfangen, verrückt zu spielen. Und wer weiß, wie viele weitere Leichen noch im Keller der Finanzmärkte liegen. Dank des quasi globalen Lockdowns haben aktuell sehr, sehr viele Leute Zeit, sich mit den Innereien der Finanzmärkte zu beschäftigen, die sonst etwas normales machen würden. Sie werden sicherlich noch weitere Schwachstellen im System finden und sich gnadenlos daraufstürzen.

Ich denke daher nicht, dass Finanzmarktpreise in absehbarer Zeit noch ein akkurates Bild hergeben werden. Zu vermuten ist eher, dass mit jeder gefundenen Leiche und mit jedem Konjunkturscheck die Preisvolatilität stark ansteigen wird und es schließlich irgendwann – eher früher als später – zu einem großen Knall kommt.

Hinterher sind die Ineffizienzen zwar hoffentlich weg aus dem System. Allerdings könnte auch gut sein, dass im Prozess auch der gesamte Markt weggefegt wird. Und ob die Defi-Systeme bis dahin bereitstehen und robust genug sind, um die Liquidität am Markt aufzufangen, ist eine ganz andere Frage. Eher wird sich Rotchina ins Fäustchen lachen und die Anlegerwelt in den digitalen Reminbi locken.

Alles in allem kommt mir die Welt immer spanischer vor. Vermutlich wäre es jetzt das beste, sich in ein Koma zu begeben und erst in zehn Jahren (oder zwanzig?) wieder aufzuwachen.

Quelle Titelbild

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