Kanada und Rotchina: Seltsam beste Freunde (Teil 2/2)

Kanada und Rotchina: Seltsam beste Freunde (Teil 2/2)

Der erste Teil meiner Serie über die Beziehungen zwischen Kanada und China lässt sich hier nachlesen. Darin geht es um die historisch engen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die schon lange vor der Übernahme der Kommunisten existierte. Im Laufe der Zeit kam der Sozialismus lediglich als Element hinzu. Zwischen dem linksgerichteten politischen Establishment Kanadas, dem kanadischen Großkapital und den Pekinger Maoisten mit Geschäftsriecher hat sich über die Jahrzehnte eine fast schon natürliche Partnerschaft ausgebildet, die heute kaum noch auflösbar erscheint. Der folgende Text stellt die Zusammenfassung dieses zweiten Interviews mit Cleo Paskal dar, das sie mit China Uncensored führte.

 

Chinesen in Kanada

 

Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern war nie eine Einbahnstraße. Während kanadische Missionare in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach China gingen, kamen chinesische Arbeiter nach Nordamerika. Sie wurden gebraucht für den Bau der nordamerikanischen Infrastruktur an der Westküste, vor allem für die Eisenbahnlinien.

In Kanada lief die Einwanderung aus China dabei ähnlich ab wie in den USA, wobei in beiden Fällen leitkulturelle und teils offen rassistische Aspekte eine große Bedeutung spielten. Auf der einen Seite brauchte man dringend ein großes, billiges Arbeiterheer, auf der anderen Seite aber wollte man auch die Asiatisierung des Kontinents vermeiden. In der Folge entstanden in Kanada und den USA diskriminierende Gesetze gegen Chinesen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehoben wurden. Infolge dieser Ghettoisierung behielten Chinesen in Nordamerika viele Elemente ihrer Kultur bei, was vor allem die Sprache betraf.

In der Nachkriegszeit assimilierten sich die kanadischen Chinesen zwar, allerdings wussten viele von ihnen die Vorzüge des Commonwealth mit den Vorzügen zu verbinden, die ihre Kenntnis der chinesischen Kultur und Sprache bot. Daher entwickelte sich vor allem mit dem damals noch britischen Hongkong eine besondere Beziehung. Heute lässt sich das ablesen an der Tatsache, dass fast 5 Prozent der Einwohner Hongkongs über einen kanadischen Pass verfügen.

 

Die USA konnten nur aufhalten, jedoch nicht verhindern

 

Das Interview geht nicht darauf ein, aber Taiwan scheint eine weitaus weniger bedeutende Rolle im Kalkül des kanadischen Establishment zu spielen. Dies liegt vor allem am Idealismus der in China aufgewachsenen kanadischen Missionarskinder, die sich schon früh für den Kommunismus begeistern ließen. Nicht weniger galt dies für kanadische Chinesen, von denen vor allem Paul Lin herausragt, dessen Wirken in der Zeit des Zweiten Weltkriegs begann. Nachdem dieser in Kanada zum Missionar ausgebildet wurde, ging er nach China und verband seinen missionarischen Eifer mit Geschäftssinn und einer kommunistischen Gesinnung.

Bei ihm handelt es sich um den Prototyp des heutigen kanadisch-chinesischen Establishments bestehend aus Kommunismus, Idealismus und Geschäftemacherei. Dank seiner Kenntnisse stieg er schnell auf zum Dreh- und Angelpunkt nicht nur zwischen China und Kanada auf, sondern auch zu den USA, die ihn alle als Verbindungsmann einsetzten als einer Aufgabe, die er als Agent gleich mehrerer höherer Sachen gerne annahm.

Aufgrund dieser steten Ambivalenz nicht nur durch Lin wurden in Kanada bereits im Jahr 1950 – ein Jahr nach dem Sieg durch Mao – erste Stimmen laut, die eine Anerkennung des kommunistischen Festlandes zulasten von Taiwan forderten, das damals noch den vollen Schutz der USA genoss. Doch dieses außenpolitische Ausscheren durch Kanada war kein Ausrutscher.

Als quasi einziges Land weltweit ließ Kanada seine wirtschaftlichen Beziehungen zu dem sich abschottenden China zu keinem Zeitpunkt abreißen. Vielmehr war es sogar so, dass Kanada Maos China das Überleben sicherte, indem es dem Land auf Kredit für mehrere hundert Millionen Dollar Getreide lieferte. Ohne diese Lieferungen wären im revolutionären China vermutlich mehr als nur 40 Millionen Chinesen am Hunger gestorben. Es darf bezweifelt, dass sich Mao und sein System ohne Kanadas Hilfe überhaupt an der Macht hätte halten können.

Eine Weile machte der Korakrieg der offiziellen Aufwertung des kommunistischen China einen Strich durch die Rechnung, in dem Kanada an der Seite der USA gegen die nordkoreanischen Kommunisten kämpfte. Doch die Einsprüche der USA gegen die kanadische Neuausrichtung konnten nur bis zum Vietnamkrieg gehalten werden. Mit der negativen Berichterstattung über den Krieg war es für Kanada endlich möglich, eine gänzlich von den USA eigenständige Außenpolitik zu fahren. Deren Urheber war vor allem Pierre Trudeau, der Vater des heutigen Premiers Justin Trudeau, der aus seiner Sympathie für Maos China und der gleichzeitigen Ablehnung des amerikanischen Modells kaum einen Hehl machte. Dank des kontroversen Vietnamkriegs fand er ein großes Publikum.

Das bedeutendste Element dieser Emanzipation vom großen Nachbar bestand dabei in der Anerkennung Rotchinas als dem eigentlichen China im Jahr 1970, als die USA sich mitten im Geschehen Vietnams befanden. In Peking erhoffte man sich von der Entscheidung Kanadas eine Signalwirkung, die kaum ein Jahrzehnt später dann schließlich auch eintraf, als Mao weg war und gleichzeitig der Taktiker Kissinger in den USA das Außenministerium führte.

 

Historische Animositäten zwischen Kanada und den USA

 

Als Teil des Britischen Empire hatte Kanada die längste Zeit seiner Geschichte keine eigene Außenpolitik. Aus der Perspektive der USA bedeutete es, dass ausgerechnet jenes Land, von dem man sich einst lossagte, noch immer direkt nebenan war. Es gab daher immer wieder Streitigkeiten, die von beiden Seiten ausgingen und immer wieder für kühle Beziehungen sorgten.

Noch im Unabhängigkeitskrieg etwa versuchten sich die jungen USA Kanada einzuverleiben. Das blieb erfolglos, da Kanada bereits eine eigenständige Rechtseinheit im Empire war. Nicht anders endete der Krieg im Jahr 1812, als die USA das mit Napoleon beschäftigte Empire überrumpeln wollte. Dieser Krieg ist zwar als britisch-amerikanischer Krieg bekannt, doch es ging einzig und allein um die Oberhoheit über den Nordamerikanischen Kontinent.

Nicht anders ist der Kauf Alaskas von Russland zu bewerten. Nachdem Kanada nicht übernommen werden konnte, orientierten sich die USA um und wollten den Nachbar im Norden einhegen. Russland war damals einverstanden damit, da es an keiner direkten Grenze zum britischen Weltreich interessiert war. So kam es dann zum Verkauf der arktischen Region an die USA. Aus dieser Perspektive ist auch der kürzliche Kaufversuch Grönlands von Dänemark zu sehen. Mit einer Übernahme wären in erster Linie Kanadas strategische Möglichkeiten signifikant beschnitten worden.

Kanada war in diesem Spiel nicht immer das Unschuldslamm. Im Amerikanischen Bürgerkrieg etwa unterhielten die Konföderierten Staaten in Montreal eine wichtige Basis und versuchten von dort aus über finanzielle Repressionen die USA in die Knie zu zwingen. Nur wenige Kilometer neben dem nördlichen Ende der Underground Railroad durften die abtrünnigen Südstaatler vermutlich unter wohlwollender Beobachtung britischer Geheimdienstler unbehelligt ihre Geschäfte betreiben. Deren Kalkül war offensichtlich und lag in der frühen Spaltung eines potenziellen künftigen Konkurrenten.

Im den 1920er Jahren entstand in Kanada sogar ein Plan für einen Blitzkrieg gegen die USA, als dessen Hebel zum Sieg das Empire dienen sollte. Er wurde am Ende genauso wenig umgesetzt wie War Plan Red durch die USA, einem weiteren Invasionsplan gegen Kanada zur selben Zeit. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Kriegsgedanken schließlich obsolet und die Animositäten begannen sich auf einer anderen Ebene abzuspielen.

In Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg spielte vor allem der Vietnamkrieg eine bedeutende Rolle in der Distanziertheit zwischen den beiden Ländern Nordamerikas. US-Wehrdienstverweigerer konnten nach einer Flucht nach Kanada Asyl beantragen, was den USA aufgrund der sehr langen und wenig bewachten Landgrenze gar nicht gefallen konnte. Gleichzeitig begann wie oben erwähnt die außenpolitische Profilierung des Landes.

Für Kanada, das erst im Jahr 1931 autonom wurde und sogar erst 1982 die endgültige Souveränität erlangte, waren und sind die USA ein natürlicher Reibebaum, an dem man sich die eigene Unabhängigkeit beweisen kann. Dank der teils kontroversen Außenpolitik der USA war die regelmäßige inhaltliche Distanzierung Kanadas immer wieder ein probates Mittel, um sich seiner eigenen Bedeutung bewusst zu werden und Einigkeit in einem sonst kaum zur Einigkeit fähigen Land zu schaffen. Auf politischer Ebene drückte sich die bewusste Distanzierung von den USA unter anderem in der persönlichen Nähe zwischen Castros und Trudeau Senior aus.

 

Kanadas Suche nach einem großen Bruder

 

In vielen Aspekten klingt Kanadas Geschichte nach dem, was ein junger Erwachsener durchmacht, der von allen ignoriert und nicht ernst genommen wird. Die Anerkennung als eigenständige Entität spielt in der kanadischen Psyche eine so große Rolle, so dass vermutlich jedes etablierte Land mit Ausnahme Englands und der USA die Rolle Rotchinas hätte übernehmen können.

Das kommunistische China stand lediglich bereit und hatte seine Fühler schon ausgestreckt, so dass es zum Zug kam. Nach außen hin ist China so bemüht wohlwollend gegenüber Kanada, dass sogar Gemeinsamkeiten in der Unterdrückung durch die selbe Kolonialmacht bemüht werden für die Schaffung eines möglichst breiten gemeinsamen Nenners. In diesem Zusammenhang geht China in Kanada ganz im Unterschied zum eigenen Land auch in besonderer auf die Minderheiten im Norden des Kanadas ein.

Die „First Nations“ waren die längste Zeit der kolonialen Geschichte einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt, genießen heute allerdings weitgehende Autonomierechte. In die Geste der mitfühlenden Philanthropie durch China mischen sich daher mitunter auch handfeste wirtschaftliche Interessen, etwa wenn es um gesetzliche Abkürzungen beim Rohstoffabbau geht. Aber auch strategische Interessen verfolgt China über den Hebel der First Nations, etwa wenn es um den Aufbau von eigener Infrastruktur an günstigen Positionen entlang der Nordwestpassage geht, oder das Verhindern von militärischen Engagements der USA im hohen Norden Kanadas.

Das linke politische Establishment spielt das gerne mit, während die First Nations deutlich von der Aufwertung profitieren. Beispielsweise ist Kanada zwar deutlich gegen eine 5G-Ausstattung durch Huawei. Jedoch wird diese ablehnende Haltung völlig unterminiert durch das chinesische Angebot, die Gebiete der First Nations kostenlos mit 5G-Sendemasten aus dem Hause Huawei auszustatten.

Das hier sichtbar werdende Muster ist überaus deutlich und spiegelt die an vielen Orten angewandte chinesische Strategie der Vereinnahmung wieder. Der große Bruder spendiert etwas und gibt dem kleinen Bruder nicht nur den (vermeintlichen) Vorteil, sondern sorgt auch für politische Pluspunkte bei allen Beteiligten, während sich das Establishment frei halten kann von Vorwürfen, den Kommunisten mit Weltherrschaftsphantasien freie Fahrt zu gewähren. Wo der Vorteil für Rotchina liegt ist klar. Es ist die strategische Ausrüstung der halben Arktis mit eigener elektronischer Technik.

 

Das französischsprachige Quebec als Enigma mit Brandmauer

 

Eine bekannte Besonderheit Kanadas besteht in der Zweisprachigkeit seiner Bevölkerung. Circa 20 Prozent des Landes spricht französisch, wobei die allermeisten der Frankokanadier in der östlichen Provinz Quebec leben. Die Sprache und besondere Kultur Quebecs ist besonders geschützt, was für eine scharfe Trennung auf allen gesellschaftlichen Ebenen zwischen den beiden Sprachgruppen sorgt.

Diese Trennung trägt dazu bei, dass Quebec immer wieder einmal mit seiner Unabhängigkeit liebäugelt, und sogar Frankreich in der Vergangenheit Versuche unternahm, die Provinz „heim ins Reich“ zu holen. Neben rein populistischen Erwägungen dienen diese vermutlich rein symbolisch vorgetragenen Eigenständigkeitsgesten auch einem reinen politischen Kalkül. Denn das Öl und damit der wirkliche Reichtum Kanadas liegt im Mittleren Wesen des Landes, vor allem in Alberta. Beim Pro-Kopf-Einkommen gehört Quebec zur subventionierten unteren Hälfte der Provinzen.

Da liegt es nicht fern, auf die ein oder andere Extrawurst zu pochen als Mittel zur Besänftigung etwaiger Unabhängigkeitsbestrebungen. Eine der Extrawürste ist die gesetzliche Garantie auf den Erhalt der französischen Sprache und Identität. Jenseits davor gibt es auch eine für Quebec vorteilhafte Verteilung der Parlamentssitze, die dafür sorgt, dass die Region überproportional großen Einfluss genießt und beispielsweise schon vier Premierminister stellen konnte, darunter den aktuellen Premier Justin Trudeau. Zusammen kommen sie auf eine sehr lange Regierungszeit.

Mit die wichtigsten Betreiber der politischen Umverteilungsspielchen sind die Familien Trudeau und Desmarais mit ihrer Power Corporation. Obwohl der Konzern einen englischen Namen hat, ist er in Quebec beheimatet und konnte sich dort tief in die politischen Machtstrukturen eingraben.

Quebec bietet hierbei den Vorteil, dass der Landesteil größtenteils von den Augen des übrigen Landes abgeschnitten ist. Einmal aufgrund der schieren räumlichen Entfernung, was die Durchmischung auf ein Minimum hemmt und dann noch wegen des erwähnten Sprachproblems. Insgesamt ist kaum verwunderlich, dass sich das englischsprachige Kanada kulturell weit mehr an die USA anlehnt als an die Zentrale in Ottawa. Gleichzeitig gibt diese vielschichtige Trennung dem Establishment in Quebec sehr viel ideellen Platz, um seine eigene Identität zu verfolgen.

Für Außenstehende ist Quebecs Machtamalgam schier undurchdringlich. Die Verschleierung über Sprache, Entfernung, Mentalität und Abhängigkeiten haben zur Folge, dass eine mediale Aufarbeitung von Skandalen kaum möglich ist, wenn dies nicht auch in Quebec so gewollt ist. Um Quebecs Machtzirkel liegt ein Schutzwall, den kaum etwas durchdringen kann. Für Rotchina ist das ein absoluter historischer Glücksfall. Es gibt nichts, was die generationenübergreifenden persönlichen Beziehungen zwischen dem Establishment in Quebec und Peking stören könnte.

 

Erst mit Macht reindrücken und dann mit Hochdruck absaugen

 

Die Auswirkungen der sino-frankokanadischen Fusion werden vom Rest des Landes meist erst dann bemerkt, wenn wieder etwas größeres passiert ist. Vor einem Jahr beispielsweise wurde urplötzlich eine chinesische Wissenschaftlerin in einem kanadischen Hochsicherheitslabor verhaftet und ausgewiesen. Ihr wurde vorgeworfen, im Auftrag der chinesischen Regierung hochgefährliche Viren aus dem Land geschmuggelt zu haben. Die Episode wird teilweise in Verbindung gebracht mit der derzeitigen Coronaepidemie. Sie soll unter anderem MERS-Viren geschmuggelt haben, die nur im Hochsicherheitslabor von Wuhan bearbeitet werden können.

Auch auf wirtschaftlicher Ebene mischt China den kanadischen Technologiemarkt kräftig auf – oder wickelt ihn ab. So soll das ehemals im Kommunikationssektor vorne mitspielende Nortel an chinesischer Spionage zu Grunde gegangen sein. Ironischerweise war das 2013 bankrott gegangene Großunternehmen in Quebecs Hauptstadt Montreal beheimatet. Den Marktanteil von Nortel hat inzwischen Huawei aufgesogen, wie es auch in vielen anderen Ländern der Fall ist, die ihre Wettbewerbsfähigkeit in dem Sektor eingebüßt haben.

Der Infiltration kritischer Wissenschaftsbereiche und dem Absaugen von technologischen Kenntnissen ging eine jahrelange Kampagne voraus, auf welche sich die kanadische Regierung gerne eingelassen hat. China schickte seine Rohdiamanten nach Kanada, um sie dort ausbilden zu lassen, während die kanadische Seite (nicht anders als bei uns) von der Hoffnung beseelt war, dass genügend von ihnen in Kanada eine neue Heimat finden würden und fortan zum kanadischen Wohlstand beiragen.

In vielen Fällen ist dieses Kalkül mit Sicherheit aufgegangen. Jedoch haben es die kanadischen Sicherheitsbehörden versäumt, das in Wirtschaft und Wissenschaft vorhandene Kernkapital zu schützen. Nortel mag das größte Opfer der Wirtschaftsspionage gewesen sein, aber es gibt etliche Unternhmen, denen ihr intellektuelles Kapital abhanden kam. Ob das von dem so eng mit der chinesischen Parteielite verbundenen Establishment in Politik und Staatsverwaltung absichtlich geduldet oder gar willentlich zugelassen wurde, bleibt unbekannt.

Insgesamt zeigen sich aus der Vogelperspektive jedoch genügend Indizien, die dafür sprechen, dass seitens der Verantwortlichen weit mehr als nur unzureichende Arbeit geleistet wurde.

 

Provinzialismus, Wohlstand und keine sichtbaren Bedrohungen

 

Kanada ist eine seltsame Mischung. Das Land erstreckt sich über eine so große Fläche, dass es von wenigen voneinander quasi unabhängigen Zentren beherrscht wird. Erst seit Beginn des Internetzeitalters konnte der Abstand deutlich verringert werden, jedoch ist diese Entwicklung kaum eine Generation alt. Aus den historisch gewachsenen und von der Sprachbarriere verstärkten Strukturen sind autonome und in sich geschlossene soziale, wirtschaftliche und politische Einheiten entstanden.

Dabei verläuft die innerkanadische Trennung längst nicht nur entlang der Sprachgrenze, vielmehr haben sämtliche Provinzen und nicht zuletzt die First Nations jeweils ihre eigene Identität und abgeleitet von den Umständen ihre eigenen Probleme und Prioritäten. Quebec ist französisch und sozialistisch, Manitopa ist ländlich und hat viele Indigene, Alberta ist groß im Ölgeschäft und braucht die USA, British Columbia ist kosmopolitisch und lebt vom Handel. Sie verbindet quasi nichts, außer der Queen als Staatsoberhaupt.

Mit dieser Trennung trat folglich erst in der jüngsten Vergangenheit die Frage auf, ob sich die Landesteile nicht doch vielleicht zu fremd sind, um in einem einzigen Staat leben zu können. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kanada in der Vergangenheit nur deswegen gut funktioniert hat, weil man sich größtenteils gegenseitig ignorieren konnte.

Zu dieser Indifferenz kommt der kanadische Wohlstand hinzu, der Kanada zu einem der wohl ausgeprägtesten Mittelschichtsländer weltweit macht. Der ewige Energiehunger des großen Nachbarn im Süden sorgt schon seit vielen Jahrzehnten für eine auskömmliche Rente. Das erlaubt es sehr vielen Kanadiern, sich dauerhaft auf hohem Niveau mit Luxusproblemen zu beschäftigen, ohne von der Realität echter Probleme abgelenkt zu werden.

Die dritte Blase, in der Kanada gefangen ist, besteht in der Abwesenheit von Bedrohungen. Seitdem sich beim Transport und für die Elektrizitätsversorgung Verbrennungsmotoren durchgesetzt haben, löste sich die intrinsische Bedrohung Kanadas in Luft auf. Die Wildnis des Landes wird längst nur noch als ein riesiger Freizeitpark wahrgenommen, der so weitläufig ist, dass man nur wenige Promille davon opfern muss, um den Hunger nach Energie und anderen Rohstoffen zu decken.

Ebenso wenig existieren heute noch äußere Bedrohungen. Mit dem neuen Status Quo nach dem Zweiten Weltkrieg als kleiner und harmloser Nachbar der Supermacht USA wurden sämtliche potenzielle Konfliktpunkte minimiert. Dank des Interesses der USA im Kalten Krieg an einer strategischen Abwehr über dem Nordpol musste Kanada nicht einmal mehr in der arktischen Sphäre etwas leisten gegen die von der UdSSR herrührenden Bedrohung.

Paradebeispiel hierfür ist ein in den 1950er Jahren fast in Serie gegangener Langstreckenbomber. Ein solches Flugzeug ist für die Verteidigung eines Landes wie Kanada eigentlich zwingend notwendig. Viele in Kanada blicken heute wehmütig zurück auf die im Sande verlaufene technische Meisterleistung. Jedoch hatte das Projekt wirtschaftlich nie eine Chance gegen die Macht des US-Militärapparats. Für die USA war die Verteidigung des nördlichsten Teils des amerikanischen Kontinents damals so bedeutend, dass die Verteidigung Kanadas im US-Rüstungsbudget bereits um ein Vielfaches abgedeckt war. Eine Serienfertigung des kanadischen Bombers war schlichtweg überflüssig.

 

Quo Vadis, Kanada?

 

In seiner vielschichtigen Wohlstandsblase konnte Kanada befreit von jeglichem Schmerz drei Generationen lang quasi ununterbrochen aufblühen. Dies sorgte jedoch dafür, dass sich das Land ohne Zwang zur Korrektur so lange in die verschiedensten Richtungen verirren konnte, dass es heute fast schon zu spät erscheint für eine Umkehr.

Mit dem immer stärker sichtbaren Ausverkauf und Verlust von nationalen Kernkompetenzen wandelt sich auch der kanadische Traum zusehends zum Alptraum. Am Boden der Tatsachen hat das viele Kanadier inzwischen zum Aufwachen gebracht. Zumindest im englischsprachigen Landesteil ist dies der Fall, da dessen Zentrem mittig und im Westen des Landes liegen. Dort ist der chinesische Einfluss weitaus stärker ausgeprägt als in Quebec, wo man sich nach wie vor in seiner identitären Blase wohlfühlen kann und Idealpolitik für ganz Kanada betreibt. Großstädte wie das an der Westküste liegende Vancouver etwa mögen noch immer glitzern, doch sie werden wegen des politischen Missmanagements auf allen Ebenen in Verbindung mit immer mehr von Gewalt und Kriminalität heimgesucht.

Rotchina wird nicht für alle Probleme verantwortlich gemacht. Doch es hat längst seinen Ruf verspielt. Ob das jedoch auch zu politischen Konsequenzen führt ist eine andere Frage. Noch geht es zu vielen zu gut, während der politmediale Komplex weiterhin sein bestes gibt, den Menschen ein Land befreit vom Schmerz vorzuspielen. Gleichzeitig ist der kanadischen Provinaizalismus weiterhin viel zu stark ausgeprägt. Sollte sich dennoch ähnlich wie in Australien aktuell auch in Kanada ein politischer Mentalitätswandel einstellen, dann könnte es aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums chinesischer Einflussnahme schon viel zu spät sein. Eine dauerhafte chinesische Militärpräsenz ist als Zeichen in seiner Eindeutigkeit kaum zu übertreffen. Womöglich wird am Ende nur eine Aufspaltung des Landes entlang der Sprachgrenze abhelfen können.

Quelle Titelbild

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