Über Kautionsbürgschaften und das ihnen innewohnende Potenzial eines massiven Konjunkturpakets

Über Kautionsbürgschaften und das ihnen innewohnende Potenzial eines massiven Konjunkturpakets

Im folgenden möchte ich etwas Licht werfen auf einen wenig beachteten, aber nicht gerade unbedeutenden finanziellen Aspekt unseres Lebens. Es geht um Mietkautionen, die auf den Konten unserer Vermietern schlummern. In diesen schlummert ein ungeahntes Potenzial, dem in Zeiten der Nullzinspolitik eine besondere Rolle zukommen könnte.

 

Das Geschäftsmodell hinter Bürgschaftskautionen

 

Bei Bürgschaftskautionen handelt es sich um ein verhältnismäßig junges Geschäft. Seit einigen Jahren gibt es kaum eine Handvoll Banken und Versicherungsanbieter, die jedem Mieter ein Zertifikat ausstellen, das diese ihrem Vermieter anstelle einer Kaution vorlegen können.

Die Gebühren dafür sind erstaunlich niedrig. Eine Kaution von 1.000 Euro beispielsweise kostet derzeit kaum mehr als 50 Euro im Jahr. Das ist wenig, verdächtig wenig sogar, doch es macht durchaus Sinn für Anbieter, Kautionsbürgschaften mit dieser Preisleistung anzubieten.

Der Mechanismus hinter den Bürgschaften funktioniert so, dass sollte dem Vermieter ein Schaden entstehen, der eigentlich mit Hilfe der Kaution gedeckt würde, dann muss dieser sich anstatt dessen an den Bürgschaftsanbieter wenden, und mit diesem die Details der Schadensübernahme aushandeln. Erst dann, wenn das Verhandlungsergebnis feststeht und eine Summe eingezogen wird, muss der Mieter diese gegenüber dem Bürgschaftsgeber begleichen.

Oberflächlich betrachtet ergibt sich für den Mieter kein Vorteil. Blickt man jedoch näher hin, dann zeigt sich ein überaus bedeutender Vorteil sowohl für den Mieter, als auch für die anderen beiden Parteien im Spiel. Dem Mieter steht bei der Bemessung des Schadens eine mächtige Institution zur Seite, die selbst nur mit minimalem Einsatz in Vorleistung gehen will. Denn sie zahlt dem Vermieter zunächst den Schaden, und holt sich das Geld erst danach vom Mieter als Schadensverursacher zurück.

Gleichzeitig haben Vermieter zwar den Nachteil, dass sie bei einem Streitfall einer mächtigen Institution gegenüberstehen, gewinnen im Gegenzug allerdings die Sicherheit, dass bei einer Einigung garantiert Geld fließen wird. Bei Mietern ist das oftmals nicht der Fall, was vor allem für sog. „Mietnomaden“ gilt, die eine Wohnrruine nach der nächsten schaffen und selten über ausreichend Sparvermögen verfügen. Ebenso ist es für Vermieter von Vorteil, dass sie sich nicht um die Absicherung der Kaution kümmern müssen, da es gesetzliche Vorschriften gibt, die beispielsweise eine gewisse Verzinsung vorschreiben.

Die Versicherungen als Bürgen für die Kaution wiederum haben den Vorteil, dass es bei Kautionen um verhältnismäßig geringe Summen geht. Die Prozesskosten für Vermieter sind meist höher als das Akzeptieren einer geringeren Entschädigung im Fall eines Wohnschadens. Hinzu kommt die Tatsache, dass es sich beim gesamten Geschäftsprozess um nicht mehr als eine Rekombination des existierenden Geschäftsmodells für Versicherungen handelt. Bei den Feinheiten und Untiefen des Geschäfts existieren keine Unbekannten, so dass analog zu PKW-Versicherungen etwa auch Kunden mit geringer Finanzkraft problemlos als Kunden geworben werden können.

Die Kautionsbürgschaft stellt für alle Beteiligte eine vorteilhafte Geschäftsbeziehung dar, die mindestens so gut – und eher besser – funktioniert als die klassische Schadensabsicherung über eine direkte Barkaution durch den Mieter. Als logische Frage ergibt sich daraus, warum das Geschäft erst in jüngster Zeit das Licht der Welt erblickte.

 

Geboren und beflügelt von billigem Geld

 

Der Grund, warum es für Mieter zunehmend vorteilhaft ist, auf eine Kautionsbürgschaft zurückzugreifen und sich die Kautionszahlung zu ersparen, liegt am billigen Geld. Wenn Vermieter heute eine Kaution von 1.000 Euro in Staatsanleihen mit hoher Bonität anlegen, wie es üblich ist, dann haben sie auf der einen Seite nur noch ein sehr geringes Angebot, während auf der anderen Seite die Zinsen immer niedriger ausfallen. Tatsächlich könnte es bei einer anhaltenden Negativzinspolitik bald schon zur Regel werden, dass Mieter im Laufe der Zeit eine neue Kaution aufbringen müssen, weil die alte von den negativen Zinsen gefressen wurde.

Diese unfreiwillige Entsparung über die Kaution lässt sich neutralisieren, indem Mieter eine Bürgschaft eingehen, und das Kautionsgeld in einer alternativen Anlageform anlegen. Seien dies Aktien mit einer postiven Rendite, Edelmetall als Inflationsschutz oder Bildung für das Erschließen neuer Quellen neuen Arbeitseinkommens.

Die Opportunität besteht dabei in der anfallenden Gebühr für die Kautionsbürgschaft. Diese liegt aktuell bei circa 5 Prozent der Kautionssumme, wobei der Mieter für seine persönliche Abwägung zwischen den Alternativen noch den Zins für die Anlage durch den Vermieter addieren muss. Sind die Zinsen positiv, dann verringert sich der Vorteil für eine Kautionsbürgschaft für den Mieter genauso wie für den Anbieter. Einmal, weil beim Anbieter Kosten anfallen und die Gebühr nicht beliebig sinken kann, während sich der Vorteil einer Bürgschaft auf Seiten des Mieters mit steigenden Zinsen immer weiter schwindet, bis die Erträge aus einer Barkaution höher ausfallen.

Sobald aber die Zinsen Null erreichen oder gar ins Negative rutschen, wird es für den Mieter billiger, die jährliche Gebühr zu zahlen, als die Verluste zu akzeptieren, die aus der Anlage der Kaution in negativ verzinste Anleihen entstehen. Sollten die Zinsen noch weiter sinken, dann könnten Kautionsbürgschaften unter Umständen im Preis ebenfalls weiter sinken.

Falls dagegen eine Normalisierung der Zinsen eintreten, dann wird das Geschäftsmodell schnell wieder zu einem Randphänomen werden, das es in der Vergangenheit war und nur noch bei Unternehmen mit einem Liquiditätsengpass zum Tragen kommen.

Die Mechanismen, die hinter dem Aufkommen von Kautionsbürgschaften stehen, sind kleine Absurdität, die im großen und von der Modernen Geldpolitik geschaffenen Meer der Absurditäten fast untergeht. Bedenkt man allerdings, wie viele Mieter und damit Kautionskonten es in Deutschland gibt, dann handelt es sich dabei um eine überaus relevante Sache.

 

Das schmerzfreie Multimilliardenkonjunkturpaket

 

Aufgrund bekannter historischer Umstände ist Deutschland ein Land der Mieter. Nicht alle Mieter müssen eine Kaution hinterlegen, etwa wenn es sich um eine Wohngenossenschaft handelt, doch es bleiben sehr viele, die maximal bis zu drei Monatskaltmieten hinterlegen mussten. Hinzu kommen zahlreiche gewerbliche Mietverträge, die zahlenmäßig zwar weniger sind, bei denen es jedoch meist um höhere Summen geht, als im privaten Bereich.

Alles in allen lässt sich für Deutschland grob schätzen, dass zwanzig Millionen Mietparteien pro Vertrag 500 Euro als Kaution hinterlegt haben. Zusammen sind das zehn Milliarden Euro, wobei das aufgrund der genannten gewerblichen Mietverträge vermutlich konservativ angesetzt ist. Es könnte auch gut und gerne das doppelte sein.

Fakt ist, dass es sich um eine trotz der verrutschten Relationen im Finanzsektor um eine wahnsinnig hohe Summe handelt. Sie entspricht circa 0,1% der deutschen Jahreswirtschaftsleistung. Gleichzeitig liegt der allergrößte Teil des Geldes einfach nur da, sei es in Form von Anleihen oder auf der hohen Kante des Vermieters, der die kleine Verzinsung aus dem laufenden Geschäft finanziert.

Wäre es möglich, diese Summe in relativ kurzer Zeit freizusetzen, dann ergäbe sich daraus ein veritables Konjunkturpaket. Würde es auf dem Mietmarkt plötzlich normal, anstelle von Barkautionen Kautionsbürgschaften zu verwenden, dann würde den Mietern von hier auf jetzt eine hohe Barsumme zur Verfügung stehen, die keinem Budget zugehörig wäre und entsprechend ausgegeben werden könnte.

Das angenehme an einem derartigen Konjunkturpaket wäre, dass kaum volkswirtschaftliche Verluste erzeugt. Mieter könnten frei über die Verwendung des freigewordenen Geldes bestimmen und für ihre Zwecke optimal einsetzen. Für Vermieter wiederum würden die Vorteile des neuen Status Quo die Nachteile deutlich überwiegen, und Versicherungsanbieter hätten allen Grund, ein eigenes Angebot aufzubauen, was gut für den Wettbewerb ist.

Einer Umsetzung stünde also nichts prinzipielles entgegen. Auch praktisch ließe sich ein derartiges Kautionskonjunkturpaket relativ leicht auslösen, da lediglich eine rechtliche Neujustierung von Nöten wäre, nach der Kautionsbürgschaften gegenüber Barkautionen besser gestellt werden.

 

Drei potenzielle Nachteile

 

Lediglich der Fiskus müsste sich darauf gefasst machen, dass der Abzug von Mitteln vom Anleihenmarkt zu einem Preisrutsch führen könnte. Hier jedoch lässt sich einwenden, dass klassische Konjunkturpakete schuldenfinanziert sind, sich die Preismengenänderung also auch auf dem klassischen Weg der Wirtschaftsankurbelung ergeben hätte.

Zwei weitere Nachteile potenzieller Natur gäbe es im Zusammenhang allerdings noch zu erwähnen. Einmal lässt sich das Pulver nur einmal verschießen. Sobald alle Kautionen aufgelöst wurden, sind sie weg und müssen erst wieder im Laufe der Zeit aufgebaut werden, um ein weiteres mal als Dopingmittel in den Wirtschaftskreislauf gespritzt werden zu können.

Als zweites gibt es noch den langfristigen Nachteil, wenn sich das Zinsregime wieder normalisiert und für Mieter die Barkaution wieder vorteilhafter wird. Dafür müsste im großen Stil Geld aus dem Kreislauf gezogen werden, was sich in der selben Weise negativ auswirkt, wie das Gegenteil positiv. Doch auch in diesem Fall gäbe es einen Gewinner: Dem Fiskus würden dank der erhöhten Nachfrage Ersparnisse bei der Refinanzierung winken. Es könnte mittel- bis langfristig genau das sein, was die Staatskasse braucht.

Quelle Titelbild

Bloggerei.de