Umweltaktivist Michael Shellenberger entschuldigt sich für die in den letzten 30 Jahren geschürte Klimapanik

Viel höher aufsteigen im klimapolitischen Elfenbeinturm als David Shellenberger kann man kaum noch. Als langjähriger Umweltaktivist und Klimaexperte schüttelte Shellenberger die Hände der Mächtigen und konnte als Mitglied des „Weltklimarates“ an der Agenda mitarbeiten, wie die Welt dem Klimatod begegnen sollte. Selbstverständlich trompetete auch er dabei in voller Lautstärke die übliche Angstpropaganda, wie schrecklich da CO2 doch sei und wie nahe wir dran sind am Abgrund.

Nun aber kommt die große Wendung von Shellenberger. Vor wenigen Jahren bereits macht er einen zaghaften Ausfallschritt, als er die Atomkraft als gangbaren Lösungsweg aus der Klimakrise heraus bezeichnete. Vor wenigen Tagen schließlich brach er vollends mit der Klimagemeinde und veröffentlichte bei Forbes eine Entschuldigung für die jahrzehntelange Panikmache durch ihn und seine Kollegen. Selbstverständlich wurde der Artikel innerhalb von Stunden zensiert.

 

Forbes: Im Namen aller Umweltschützer entschuldige ich mich für das Verbreiten von Klimaangst

 

Im Namen der Umweltschützer in aller Welt möchte ich mich formell für die Klimaangst entschuldigen, die wir in den letzten 30 Jahren verbreitet haben. Der Klimawandel findet statt. Aber er ist ganz einfach nicht das Ende der Welt. Er gehört nicht einmal zu den drängendsten unserer Umweltprobleme.

Es mag seltsam erscheinen, dass ich all das sage. Seit nun 20 Jahren bin ich ein Klimaaktivist und seit 30 Jahren im Umweltschutz aktiv.

Als ein Experte für Energie, der vom amerikanischen Kongress gebeten wurde, ein objektives Expertengutachten abzugeben, und als jemand, der vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) als Gutachter für deren nächsten Bewertungsbericht eingeladen wurde, fühle ich mich verpflichtet, mich dafür zu entschuldigen, wie sehr wir Umweltschützer die Öffentlichkeit in die Irre geführt haben.

 

Der Mensch verursacht nicht das „sechste Massensterben“.
Der Amazonas ist nicht „die Lunge der Welt“.
Der Klimawandel verschlimmert Naturkatastrophen nicht.
Waldbrände sind seit 2003 weltweit um 25% zurückgegangen.
Die Landfläche, die wir für Fleisch verwenden – der größte Flächenverbrauch der Menschheit – ist um eine Fläche zurückgegangen, die fast so groß ist wie Alaska.
Es ist die Anhäufung von Holzbrennstoffen und mehr Häusern in der Nähe von Wäldern, weshalb es in Australien und Kalifornien mehr und gefährlichere Brände gibt und nicht der Klimawandel.
Die Kohlenstoffemissionen sind in den reichen Ländern seit Jahrzehnten rückläufig und erreichten Mitte der siebziger Jahre in Großbritannien, Deutschland und Frankreich ihren Höhepunkt-
Die Anpassung an das Leben unterhalb des Meeresspiegels machte die Niederlande reich und nicht arm.
Wir produzieren 25 % mehr Nahrungsmittel als wir brauchen, und die Nahrungsmittelüberschüsse werden weiter steigen, wenn die Welt heißer wird.
Der Verlust von Lebensraum und das direkte Töten von Wildtieren sind größere Bedrohungen für die Artenvielfalt als der Klimawandel.
Holzbrennstoff wirkt sich auf Mensch und Tier weitaus schlimmer als fossile Brennstoffe.
Für die Verhütung künftiger Pandemien brauchen wir mehr und nicht weniger „industrielle“ Landwirtschaft.

 

Ich weiß, dass die oben genannten Fakten für viele Menschen klingen, als kämen sie von einem „Klimaleugner“. Diese Annahme aber zeigt nur die Macht des Klimaalarmismus.

Tatsächlich stammen die oben genannten Fakten aus den weltweit besten verfügbaren wissenschaftlichen Studien. Darunter Studien, die vom IPCC, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) und anderen führenden wissenschaftlichen Gremien durchgeführt oder als stichhaltig akzeptiert wurden.

Einige werden beim Lesen dieser Zeilen denken, dass ich ein rechter Anti-Umweltaktivist wäre. Das bin ich nicht. Mit 17 Jahren habe ich in Nicaragua gelebt, um mich solidarisch mit der sandinistischen sozialistischen Revolution in dem Land zu zeigen. Mit 23 sammelte ich Geld für guatemaltekische Frauenkooperativen. Mit Anfang 20 habe ich das halbe Amazonasgebiet bereist und gemeinsam mit Kleinbauern gegen die Landnahme durch Großfarmer gekämpft. Mit 26 half ich mit, die schlechten Bedingungen in den asiatischen Fabriken von Nike aufzudecken.

Mein Einstieg in den Umweltschutz war, als ich für das Rainforest Action Network eine Spendenaktion organisierte. Mit 27 half ich mit, die letzten ungeschützten alten Mammutbäume in Kalifornien zu retten. In meinen 30er Jahren setzte ich mich für erneuerbare Energien ein und half erfolgreich mit, die Obama Regierung davon zu überzeugen, 90 Milliarden Dollar in den Sektor zu investieren. In den letzten Jahren half ich dabei mit, Kernkraftwerke vor der Abschaltung bewahren, damit sie nicht durch fossile Kraftwerke ersetzt werden mit der Folge eines Anstiegs der CO2-Emissionen.

Bis letztes Jahr habe ich es weitgehend vermieden, mich öffentlich gegen das Schüren der Klimaangst auszusprechen. Das lag zum Teil daran, dass es mir peinlich war. Schließlich war ich darüber genauso alarmiert wie jeder andere Umweltschützer. Jahrelang habe ich den Klimawandel als eine „existentielle“ Bedrohung für die menschliche Zivilisation bezeichnet und diesen als eine „Krise“ bezeichnet.

Aber vor allem hatte ich Angst. Ich schwieg über die Desinformationskampagnen rund um das Klimathema, weil ich Angst hatte, Freunde und Geld zu verlieren. Die wenigen Male, in denen ich den Mut aufbrachte, die Klimawissenschaft vor denen zu verteidigen, die in der Öffentlichkeit Desinformation darüber verbreiteten, hatte ich harte Konsequenzen. Daher stand ich bei ihrem Treiben meistens daneben und unternahm so gut wie nichts dagegen, wenn meine Mitstreiter in puncto Umweltschutz wieder einmal die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzten.

Ich stand sogar daneben, als Leute im Weißen Haus und viele in den Nachrichtenmedien versuchten, den Ruf und die Karriere von Roger Pielke jr. zu zerstören, einem herausragenden Wissenschaftler, der politisch links dachte, lebenslang ein Umweltschützer war und ein Freund von mir ist, obwohl er sich für CO2-Regulierungen ausgesprochen hatte. Warum haben sie das getan? Sie taten es, weil er mit seiner Forschungsarbeit der Nachweis erbrachte, dass Naturkatastrophen nicht schlimmer werden.

 

Es war im letzten Jahr, als die Dinge wirklich außer Kontrolle gerieten.

 

Alexandria Ocasio-Cortez sagte: „Wenn wir den Klimawandel nicht angehen, dann wird die Welt in zwölf Jahren untergehen“. Großbritanniens prominenteste Umweltgruppe, die Extinction Rebellion (XR) wiederum behauptete: „Der Klimawandel tötet Kinder!“ Einer der einflussreichsten grünen Journalisten der Welt, Bill McKibben, bezeichnete den Klimawandel als „die größte Herausforderung, der sich die Menschheit jemals stellen musste“ und sagte, dass der Klimawandel „die Zivilisationen auslöschen“ wird. Mainstream Journalisten berichteten wiederholt, dass das Amazonasgebiet „die Lunge der Welt“ sei, und dass die Abholzung dieser Wälder einer explodierenden Atombombe entspräche. Es verwundert keineswegs, dass die Hälfte der im vergangenen Jahr weltweit befragten Menschen fest davon ausging, dass der Klimawandel für das Ende der Menschheit sorgen würde. Und im Januar berichtete eines von fünf britischen Kindern den Meinungsforschern, wie es wegen des Klimawandels Albträume habe.

Auch wer keine Kinder hat, der muss sehen, wie falsch das ist. Möglicherweise bin ich besonders empfindlich bei dem Thema, weil ich selbt eine jugendliche Tochter habe. Nachdem ich mit ihr über die wissenschaftlichen Zusammenhänge sprach war sie beruhigt. Ihre Freunde jedoch sind zutiefst falsch informiert und sind infolgedessen nachvollziehbar verängstigt.

Für mich war deswegen der Punkt erreicht, dass ich mich öffentlich zu Wort melden musste. Mir war dabei klar, dass es nicht ausreichen würde, einfach nur ein paar Artikel zu schreiben. Ich wollte alles in einem Buch festhalten, was mir an der Klimapanik aufstieß. So veröffentlichte ich meine formelle Entschuldigung für die ganze Panikmache in Form des Buches „Apocalypse Never: Warum der Ökoalarmismus uns allen shadet“.

Dessen Inhalt basiert auf zwei Jahrzehnten Forschung und drei Jahrzehnten des Umweltaktivismus. Auf 400 Seiten – davon 100 mit Verweisen – behandelt das Buch den Klimawandel, die Entwaldung,

Plastikmüll, das Artensterben, die Industrialisierung, Fleisch, Kernenergie und erneuerbare Energien. Hier einige Punkte, die ich im Buch bespreche:

Fabriken und moderne Landwirtschaft sind der Schlüssel zur Befreiung des Menschen und dienen dem ökologischen Fortschritt.
Das Wichtigste für die Rettung der Umwelt ist die Verdichtung der Nahrungsmittelproduktion und insbesondere von Fleisch, damit weniger Land verbraucht wird.
Das Wichtigste für die Verringerung der Luftverschmutzung und der CO2-Emissionen ist der Übergang von Holz zu Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran.
100% erneuerbare Energien würden eine Erhöhung der für die Energieerzeugung genutzten Fläche von heute 0,5% auf 50% erfordern.
Wir sollten bei Städten, Famen und Kraftwerken eine höhere und nicht eine niedrigere Energiedichte anstreben.
Vegetarismus reduziert die pro Kopf Emissionen um weniger als 4%.
Greenpeace hat die Wale nicht gerettet, vielmehr war es die Umstellung von Walöl auf Erdöl und Palmöl.
Rindfleisch aus „Freilandhaltung“ würde 20 Mal mehr Land benötigen und 300% mehr Emissionen verursachen.
Der Dogmatismus von Greenpeace verschlimmerte die Waldfragmentierung des Amazonas.
Der kolonialistische Ansatz zur Erhaltung der Gorillas im Kongo führte zu einer Gegenreaktion mit der vermuteten Folge, dass 250 Elefanten getötet wurden.

 

Warum nur, fragt sich, wurden wir alle so sehr in die Irre geführt?

 

In den letzten drei Kapiteln des Buches gehe ich den finanziellen, politischen und ideologischen Beweggründen nach. Umweltschutzgruppen haben Hunderte von Millionen Dollar von der fossiler Brennstoffindustrie angenommen. Gruppen, die von antihumanistischen Überzeugungen motiviert waren, zwangen die Weltbank ihr Ziel von der Beendigung der Armut aufzugeben und anstatt dessen die existierende Armut „nachhaltig“ zu machen. Ein Großteil des Klimaalarmismus, den wir erleben, entspringt einer Angst um den eigenen Status, einer zivilisatorischen Depression und einer allgemeinen Feindseligkeit gegenüber der modernen Zivilisation und ihren Errungenschaften.

Wenn man erst einmal erkannt hat, wie extrem wir falsch informiert werden – und das oftmals von Menschen mit einer schlichtweg widerwärtigen oder ungesunden Motivation dahinter – dann ist es schwer, sich nicht hintergangen zu fühlen.

 

Wird mein Buch einen Unterschied machen? Man kann es bezweifeln.

 

Seit Ende der 1980er Jahre verbreiten die Nachrichtenmedien inzwischen apokalyptische Äußerungen über den Klimawandel und es sieht nicht danach aus, als würden sie bald damit aufhören.

Die hinter dem Alarmismus stehende Ideologie – der Malthusianismus – wird seit 200 Jahren immer wieder als substanzlos entlarvt, und dennoch ist der Gedanke dahinter mächtiger denn je. Es gibt aber auch Gründe für die Annahme, dass die kulturelle Macht hinter dem Umweltalarmismus zwar nicht gänzlich verschwinden, aber dennoch deutlich abnehmen wird.

Bei der Coronapandemie handelt es sich um eine tatsächliche Krise, mit der die „Klimakrise“ deutlich relativiert wird. Selbst wenn Sie glauben, dass wir in unserer Antwort auf das Virus überreagiert haben, so hat Covid-19 dennoch fast 500.000 Menschen getötet und Volkswirtschaften rund um die Welt völlig lahmgelegt.

Wissenschaftliche Institutionen wie die WHO und der IPCC haben durch die wiederholte Politisierung der Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit untergraben. Ihre künftige Existenz und Relevanz hängt von einer neuen Führung und ernsthaften inneren Reformen ab.

Die Fakten spielen nach wie vor eine Rolle, und die sozialen Medien lassen ein breiteres Spektrum an neuen und unabhängigen Stimmen zu, die den Alarmismus bei etablierten Publikationen unterlaufen könnten.

Viele Länder orientieren sich um und betonen ihr nationales Interesse stärker, wobei sie sich dabei weg von Malthusianismus und Neoliberalismus bewegen, was eine gute Nachricht ist für die Atomkraft und schlechte für erneuerbare Energien.

Die Beweise sind überwältigend, dass unsere Hochenergiezivilisation besser für Mensch und Natur ist als die Niedrigenergiezivilisation, zu der uns die Klimaalarmisten zurückbringen wollen.

Gleichzeitig sind die Einladungen, die ich Ende letzten Jahres vom IPCC und vom US-Kongress erhielt, ermutigend, da sie mich anhören wollten, obwohl ich zuvor eine Reihe von Kritiken zum Klimaalarmismus veröffentlicht hatte. Das alles sind Zeichen einer wachsenden Offenheit für ein neues Denken über den Klimawandel und den Umweltschutz.

Ein weiteres Zeichen ist die Reaktion von Klimawissenschaftlern, Naturschützern und Umweltwissenschaftlern auf mein Buch. „Apocalypse Never ist ein extrem wichtiges Buch“, schrieb etwa Richard Rhodes, der für The Making of the Atomic Bomb den Pulitzerpreis erhielt. „Das ist vielleicht das wichtigste Buch aller Zeiten zum Thema Umweltschutz“, so Tom Wigley, einer der Väter der modernen Klimawissenschaft.

„Wir Umweltschützer verurteilen stets jeden, dessen Ansichten sich widersprechen, bei denen Ahnungslosigkeit über die Wissenschaft zum Ausdruck kommt, oder die sich von Quellen finanzieren lassen, die ein klares Interesse haben“, schrieb der ehemalige Leiter von The Nature Conservancy, Steve McCormick. „Allzu oft aber machen wir desselben schuldig. Shellenberger bietet uns ‚harte Liebe‘ an: Sein Buch ist eine Herausforderung für festgefahrene Orthodoxien und starre, selbstzerstörerische Denkweisen. Es serviert niemals scharfe, aber immer gut ausgearbeitete und evidenzbasierte Standpunkte, die uns helfen dabei können, jenen ‚geistigen Muskel‘ zu entwickeln, den wir dafür brauchen, um uns nicht nur eine hoffnungsvolle, sondern auch eine erreichbare Zukunft vorstellen und entwerfen zu können.“

Als ich das Buch schrieb war genau das, was ich mir davon erhofft hatte. Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, dann werden Sie mir hoffentlich zustimmen, dass es vielleicht gar nicht so merkwürdig ist, wie es auf den ersten Blick scheint, dass ein lebenslanger Umweltschützer, Linker und Klimaaktivist das Bedürfnis verspürt, sich beim Umweltschutz- und Klimathema gegen den gemeinhin vorgetragenen Alarmismus auszusprechen.

Ich hoffe ferner, dass Sie meine Entschuldigung annehmen werden.

Quelle Titelbild