Der „Aktien-Wealth-Gap“, über den niemand berichtete: Bis in die 1930er Jahre lag der Frauenanteil bei Aktionären bei fast zwei Dritteln!

Der „Aktien-Wealth-Gap“, über den niemand berichtete: Bis in die 1930er Jahre lag der Frauenanteil bei Aktionären bei fast zwei Dritteln!

Manchmal fällt es schwer, einen guten Titel zu finden. Das liegt gelegentlich daran, dass man wenigstens ein bisschen die Waagehalten muss zwischen Information und Klickfalle. Hin und wieder auch werden in einem Artikel gleich zehn Themen aufs Mal abgearbeitet, was die Frage aufwirft, worin das Metathema liegt. Und manchmal, so wie in diesem Fall, weiß man gar nicht was man schreiben soll angesichts der Vielzahl an passenden Möglichkeiten. Das folgende hat es wirklich in sich. Wer ungeduldig ist, der betrachte intensiv die alte Grafik weiter unten, um die sich alles dreht.

 

Frauen verdienen 21% weniger als Männer – doch war das immer schon so?

 

Worum es geht? Nun, es geht um eine uralte Grafik, die ich in diesem ZeroHedge Artikel fand. Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage der Auswirkungen von der Coronakrise, die bald schon vermutlich nur noch mit der Großen Depression ab Ende der 1920er Jahre vergleichbar sein werden. Die im Artikel eingestreute Grafik aus dieser Zeit jedoch erzählt daneben auch eine ganz, ganz andere Geschichte. Genau genommen stellt sie wie ich meine einen K.O. Schlag für den Feminismus dar, mitsamt aller möglicher seiner Forderungen und im besonderen das Pochen darauf, dass „Frauen 21% weniger als Männer verdienen“.

 

 

Die Grafik stammt aus dem 1936er Geschäftsbericht des US-Telekomriesen und damaligen Monopolunternehmens AT&T. Verzeichnet ist darin die Aktionärsstruktur des Unternehmens, wobei der schwarze Teil der Balken für „Frauen“ steht, der gestreifte für „Männer“ und der weiße für institutionelle Investoren wie Versicherungen oder andere Gesellschaften in Form von Familienstiftungen. ZeroHedge schreibt dazu: „Auch erwähnenswert: 41% aller AT&T Aktien [im Jahr 1929] wurden von weiblichen Privatinvestoren gehalten gegenüber nur 33% Männern, während sich der Rest in institutioneller Hand befand.“

Sie haben also richtig gesehen: Während der längsten Zeit des 20. Jahrhunderts war das Geschlechterverhältnis beim Aktienbesitz massiv zugunsten von Frauen ausgeprägt. Zieht man die institutionellen Investoren einmal ab, dann hatten Frauen im Jahr 1936 einen Anteil von imposanten 64% gegenüber 36% für die Männer. Der „Aktien-Weath-Gap“ betrug massive 29%* und zwar zulasten von Männern!

Noch einmal: Frauen besaßen früher EXTREM viel mehr Aktien als Männer.

Die Zahl der Aktionäre sagt zwar noch nichts aus über die von den beiden Geschlechtern jeweils gehaltene Zahl an Aktien, und AT&T war auch nur ein Unternehmen von vielen, wenngleich ein sehr großes und dominantes. Dennoch lässt sich auf Basis dieser Grafik eindeutig sagen, dass Frauen in mindestens einer relevanten Kategorie meilenweit vor den Männern lagen und daher auh mit großer Wahrscheinlichkeit beim Aktienreichtum in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts allgemein weit vor Männern lagen.

 

Was sind Ursachen für diese „Anomalie“?

 

Ich habe versucht, noch ein paar weitere Informationen über das historische Geschlechterverhältnis beim Aktienbesitz und dessen Ursachen zu finden. Allerdings sind die Geschichtsschreibung in diesem Bereich und die Berichterstattung darüber eher zurückhaltend. Der Grund dafür drängt sich angesichts des Aktien-Wealth-Gaps von 29% geradezu auf.

Oberflächlich betrachtet könnte man diese Relation für eine Anomalie und Spätfolge des 1. Weltkriegs halten, da auch die USA mit über 116.000 Soldaten einen hohen Blutzoll zu beklagen hatten. In Großbritannien beispielsweise starben viele Erben der Oberschicht in den Schützengräben Flanderns, was unter anderem als Hintergrundgeschichte für den Action Film Kingsman verwendet wurde. Die meisten amerikanischen Soldaten jedoch starben nicht an der Front, sondern aufgrund der Spanischen Grippe, die in erster Linie die unteren Dienstgrade heimsuchte und weniger die Offiziersränge.

Es waren also sehr wahrscheinlich nur sehr wenige Erbschaften, die in dieser anomalen Weise das Geschlecht des Besitzers wechselten. Nicht anders sieht es mit dem Unglück der Titanic aus, als zwar mehrere hundert sehr wohlhabende US-Amerikaner das Leben kostete, während ihre Frauen den Untergang wegen des damals gelebten „Frauen und Kinder zuerst“ überlebten. Jedoch war das bereits im Jahr 1912 und damit zu lange in der Vergangenheit, als dass es statistisch noch einen allzu großen Einfluss hätte haben können.

Nicht zuletzt zeigt die Grafik, dass AT&T quasi seit seiner Gründung 1885 mehrheitlich im Eigentum von Frauen war. Leider sind die Balken für die Jahre vor 1908 zu klein, als dass man die Geschlechterrelation davor abschätzen könnte. Danach aber kamen Männer im Direktvergleich mit den Frauen in keinem einzigen Jahr auf über 40% Anteilsbesitz.

AT&T war also immer schon mehrheitlich weiblich und es scheint sich dabei um eine natürliche Verteilung zu handeln. Denn auch früher überlebten Ehefrauen ihre – vermutlich – für das Geschäft und die Familienfinanzen zuständigen Ehemänner. Das erstaunliche Ergebnis daraus ist, dass dieser Zustand sie im erzkapitalistischen Amerika in struktureller Weise an die (wirtschaftliche) Macht brachte.

 

Wie sieht es denn heute aus?

 

Leider konnte ich nur für Deutschland ein genaues Geschlechterverhältnis herausfinden. Laut Statista machten Frauen im Jahr 2015 inklusive aller Wertpapierformen gegenüber Männern einen Anteil von 37,2% aus, während ihr Anteil „alleine bei Aktien“ mit 34,7% leicht darunter lag. Überträgt man diese Werte auf die USA, dann ereignete sich in den letzten 90 Jahren also eine komplette Umkehrung der „kapitalistischen Machtverhältnisse“.

Die USA jedoch, so sollte man meinen, sind in dieser Hinsicht kaum mit dem anlagescheuen Deutschland zu vergleichen. Das Financial Advisor Magazin allerdings berichtet, dass laut einer Studie sogar im Mutterland des Kapitalismus nur noch 26% aller Frauen in Aktien investiert sind. Das sind relativ zu allen Frauen zwar noch immer erheblich mehr als in Deutschland, wo der Anteil bei 8,5% (alle Wertpapiere) und 2,5% (nur Aktien) liegt. Setzt den Anteil an Amerikanerinnen mit einem Aktienportfolio jedoch ins Verhältnis aller US-Amerikaner, von denen laut Gallup mehr als die Hälfte über ein eigenes Portfolio verfügen, dann lässt sich auch für die USA indirekt eine Umkehrung der traditionell von Frauen dominierten kapitalistischen Machtverhältnisse sprechen.

Darüber hinsaus berichtet der Financial Adivosor im selben Artikel darüber, dass mehr als zwei Drittel aller Frauen der Generation Millennial in den USA und Kanada „finanziell schlecht dastehen“ und weiter: „Dies zu einer Zeit, in der Frauen weltweit dabei sind, ein Vermögen von insgesamt 72 Billionen Dollar zu kontrollieren, was über 40 Prozent des globalen Reichtums entspricht.“

Damit lässt sich schlussfolgern, dass Frauen in nur 90 Jahren ihre solide wirtschaftliche Machtposition im Kapitalismus gänzlich verloren haben und von über 60% auf unter 40% heruntergefallen sind. Die Frage ist: Warum nur?

 

Der kulturelle Zeitgeistfaktor

 

Zwischen den 1930er Jahren und heute hat sich einiges verändert. Ein paar Sachen aber blieben auch gleich, wie etwa die Existenz des Konzernkapitalismus amerikanischer Provenienz mit Großunternehmen wie AT&T. Das Unternehmen mag heute zwar nicht mehr so hell leuchten, oder eher, wird überstrahlt von anderen Technologiegiganten.

Im Grunde genommen aber hätte es für die Frauen zum Erhalt ihrer Machtposition ausgereicht, wenn sie Aktienanteile an AT&T einfach an die folgende Generation Frauen vererbt hätten, um die ausgeschütteten Dividenden neu in den Markt zu investieren. Im Ergebnis hätten sie heute noch immer eine vergleichbare Macht im institutionellen Kapitalgefüge, oder zumindest wäre es nicht so stark erodiert.

Die letzten vier Generationen an Frauen müssen also einiges falsch gemacht haben, dass Männer erst klaglos den 29% Aktien-Wealth-Gap überwunden haben und Frauen heute sogar über den 21% Gender-Wealth-Gap jammern müssen. Da aber wie gesagt keine Forschung darüber zu existieren scheint, kann ich nur spekulieren über die Gründe, wie es dazu kommen konnte.

Als erster großer Knick käme der Zweite Weltkrieg in Frage. Diesen gewannen die Amerikaner zwar mit wehenden Fahnen, es wurde also nichts vom wertvollen Aktienbesitz der Amerikanerinnen zerstört, aber es kamen vor, während und nach dem Krieg auch zahlreiche europäische Männer auf der Flucht vor Hitler mit ihrem Kapital in die USA.

Eventuell brachten also Personen wie der aus Ungarn stammende Finanzinvestor George Soros den Umschwung und verdrängten die Frauen auf die Ränge. Aber auch wenn das vielleicht in einigen Fällen so gewesen sein mag, es ist unwahrscheinlich, dass diese Männer durchschnittlich nicht auch vor ihren mit dem Erbe bedachten Ehefrauen starben.

Der zweite große Knick in den USA ereignete sich dann ab Mitte der 1960er Jahre erst mit der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und nachfolgend mit der LSD befeuerten Hippiebewegung. Beides war zunächst jedenfalls nur bedingt auf eine Änderung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse der „alten, weißen Frauen“ aus. Was die Schwarzen wollten war lediglich, dass sie sich ihren gerechten Anteil am Kuchen erarbeiten durften und die Hippies wollten feiern und sich mit Gaia vereinen. Die freie Marktwirtschaft abschaffen wollten die allermeisten vermutlich aber nur innerhalb von Woodstock und anderer Festivalgelände.

Als die Forderungen schließlich durch waren und sich die ursprüngliche Buntheit der 1960er Jahre institutionalisierte, da verließen die Vernünftigen die Bühne, da sie hatten was sie wollten, während nur jene blieben, die nicht saturiert werden wollten. Wer blieb aus den Bebewegungen, der wurde politisch und es entstanden Fronten, die sich sehr stark polarisierten.

Der Kulminationspunkt schließlich waren extremistische Bewegungen, die sich mit der Weltuntergangsstimmung aus dem desaströsen Vietnamkrieg vereinten. Es war dieses Gemisch, das zur Befreiung vom Kapitalismus aufrief, um damit – wie die AT&T Grafik zeigt – effektiv die Frauen von den kapitalistischen Fleischtrögen zu verjagen.

Frauen wurden fortan als unterdrückt dargestellt, als eingeengt in ihrer Zwangsrolle als Hausfrau und Mutter und es galt, sie allmählich von diesen Zwängen zunächst mit dem Wandel im kulturellen Zeitgeist zu befreien und später sukzessive auch über Gesetzesänderungen: Abtreibungen wurden legalisiert, Scheidungen wurden zum einfachen Amtsakt degradiert, der Feminismus wurde zum finalen Ziel des Wissenschaftskanons erhoben und die weitere Erosion sittlicher Rechtsgrenzen etwa im Fernsehen förderte fortan die freie Entfaltung des von seinem Umfeld losgelösten, biologisch weiblich geborenen Individuums.

 

Zwei Generationen lang jedes Jahr im Schnitt 1,5% Verlust

 

Geht man als Näherungswert von 1975 aus als dem Jahr, in dem die Frau gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich endgültig zum „Gender“ mutierte, dann waren es bis heute 45 Jahre oder zwei Generationen Frauen, die dem fortgesetzten Niedergang ihres Geschlechts ausgesetzt waren. Bei 45 Jahren entspricht das einer durchschnittlichen Änderungsrate von 1,5%, um die es für Frauen jedes Jahr schlechter wurde.

Es ist eine Rate, die gerade klein genug ist, dass es eine Frau nicht bemerkt, wie sie am Ende ihres 22,5 Jahre langen generationellen Zyklus um 40% schlechter dasteht als zu Beginn. Denn in dieser Zeit kann sie sich dank des festen Alltags mit Kindern am Traum von der guten alten Zeit festhalten. Sobald diese aber aus dem Haus sind ist es zu spät für eine Kurskorrektur, während die Töchter den Niedergang ihrer Mütter als geistigen Ballast schon mitgenommen haben in das eigene Leben.

Gleichzeitig ist diese Geschwindigkeit aber ebenso hoch genug, um sicherzustellen, dass die Großmutter noch sehen kann, wie die nun erwachsene Enkelin mit nichts dastehend ums Überleben kämpft, während sie diese kaum unterstützen kann. Das, wärend sie selbst als junge Frau dank der vorigen Frauengenerationen aus dem Vollen schöpfen konnte.

Wäre ich ein zynischer, alter, weißer, kapitalistischer Mann aus dem feministischen Bilderbuch, ich hätte die Vertreibung der Frau von ihrer absoluten kapitalistischen Machtposition genau so betrieben. Dass es in Wahrheit aber ganz offenbar die Frauen selbst waren, die aus ihrer absoluten Machtposition heraus diese Entwicklung zu verantworten haben, ist eine Ironie der Geschichte, wie sie bittersüßer kaum sein könnte.

Quelle Titelbild, Quelle Grafik

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