Analyse der neuesten Zahlen von Euro-Momo für die Kalenderwoche 12 (16. – 22. März 2020)

Analyse der neuesten Zahlen von Euro-Momo für die Kalenderwoche 12 (16. – 22. März 2020)

Nachdem mein Beitrag aus der vergangenen Woche über die Zahlen von Euro-Momo sehr viel Zuspruch fand, möchte ich auch für diese Woche eine kleine Analyse bieten. Immer Freitags veröffentlicht der Dienst seine Zahlen für die vorige Woche, so dass jetzt die Diagramme mit den vorläufigen Zahlen für die Kalenderwoche 12 (16. – 22. März 2020) erhältlich sind.

 

Eine Stellungnahme von Euro-Momo zum Einfluss des Coronavirus auf die Mortalität

 

Aufgrund der Bekanntmachung durch Dr. Wodarg erlebt die Statistikseite Euro-Momo gerade einen großen Andrang durch Personen, die sich über den geringen Einfluss des Pandemievirus auf die Mortalität wundern. Daher wurde auf der Seite die folgende Stellungnahme veröffentlicht, die ich übersetzt habe:

„In den letzten Tagen erhielt Euro-Momo sehr viele Fragen zugeschickt zu den wöchentlichen Zahlen über die Gesamtmortalität, sowie über den möglichen Beitrag, den COVID-19 auf die Mortalität hat. Einige fragen sich, warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen für die von COVID-19 betroffenen Länder keine erhöhte Mortalität beobachtet wird.

Die Antwort ist, dass eine erhöhte Mortalität vor allem auf subnationaler Ebene auftritt oder in kleineren Schwerpunktbereichen und/oder sich teilweise in kleineren Altersgruppen konzentriert, so dass der Einfluss auf nationaler Ebene möglicherweise nicht nachweisbar ist, was noch weniger für die aggregierten Werte auf europäischer Ebene gilt, da die betrachtete Gesamtbevölkerung sehr groß ist. Darüber hinaus gibt es immer einige Wochen Verzögerung bei der Registrierung und Meldung von Todesfällen.

Daher müssen die bei Euro-Momo veröffentlichten Mortalitätszahlen aus den letzten Wochen mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden.
Aber selbst wenn eine erhöhte Mortalität in unseren Zahlen nicht sofort erkennbar ist, so bedeutet dies nicht, dass es in einigen Gebieten oder in einigen Altersgruppen mit oder ohne einen Zusammenhang mit COVID-10 keine erhöhte Mortalität gibt.“

Zusammengefasst bedeutet es, dass die aktuellen Zahlen mit Vorsicht genossen werden müssen und zuverlässige Aussagen auch im Zusammenhang mit dem Coronavirus nur für länger zurückliegende Zeiträume möglich sind. Tatsächlich wurden inzwischen auch bereits einige Zahlen aus der Kalenderwoche 11 (KW) korrigiert, so dass die folgende Analyse in einer Woche vermutlich ebenso einen zweiten Blick benötigen wird für eine bessere Interpretation und Einschätzung der Lage.

 

Die Zahlen für Italien

 

Während das Coronavirus im Verlauf der vergangenen Woche überall in Süd- und Westeuropa Fuß fassen konnte, so ist noch immer Italien von der Coronakrise am stärksten betroffen. Spanien liegt mit halb so hohen Werten bei Infizierten und Toten relativ nahe dahinter, Deutschland liegt aufgrund der hohen Testintensität bei den Infizierten an dritter Stelle, während Frankreich bei den Toten an dritter Stelle liegt.

Laut Statistik bewegen sich in Italien die täglichen Todesfälle aufgrund des Virus seit einer Woche in etwa zwischen 400 und 800 Personen pro Tag.

Insgesamt starben in der letzten Woche circa 4.200 Patienten am Coronavirus. Zum Vergleich, in Normalzeiten sterben in Italien in dieser Jahreszeit wöchentlich in etwa 12.000 Menschen, so dass sich der Anstieg um circa ein Drittel merklich in den Diagrammen für das Land niederschlagen müsste.

Tatsächlich lässt sich die erhöhte Mortalität zumindest an der Grafik für Personen ab 65 Jahre ablesen.

 

 

Bei der ältesten Bevölkerungsgruppe kam es in Italien der vergangenen Woche also zu einem signifikanten Anstieg der Mortalität und einer deutlichen Abweichung vom erwarteten Wert nach oben. Interpretieren lässt sich der derzeitige „Z-Score“ von etwa 6 wie er aus dem Diagramm ablesbar ist damit, dass die Wahrscheinlichkeit für eine derartige Abweichung bei unter 0,1% liegt. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass eine derartige Abweichung nicht öfters als einmal in 1.000 Tagen oder einmal in drei Jahren vorkommt.

Der Blick auf Ausreißer in der Vergangenheit zeigt, dass derartig starke Abweichung vom Erwartungswert in der Realität tatsächlich in etwa so oft oder selten beobachtet werden können. Somit zeigt Euro-Momo Statistik für die Alten Italiens in der KW 12 damit klar einen Ausnahmezustand dar, wenngleich dieser noch lange nicht als „historisch“ bezeichnet werden kann.

 

Der seltsame Ausreißer Dänemark

 

Der gesundheitliche Ausnahmezustand bleibt insgesamt jedoch eindeutig auf die Alten und zum größten Teil auf Italien beschränkt.

Denn mit Belgien (7.300 Fälle insgesamt; 290 Tote), Dänemark (2.000; 40) und der Schweiz (12.000; 200) gibt es zwar drei weitere Euro-Momo Teilnehmerländer, in denen die Mortalität bei Personen ab 65 Jahren in der vergangenen Woche merklich angestiegen ist. Allerdings halten sich die Zunahmen noch sehr nahe am erwartbaren Rahmen.

An den Grafiken der einzelnen Länder lässt sich überdies ablesen, dass die Mortalität bei den unter 65-jährigen kaum abweicht vom Erwartungswert. Zwei relative Ausnahmen gibt es allerdings. Einmal ist es der leicht erhöhte Wert für die 15-64 jährigen in Italien, was möglicherweise auf die überdurchschnittliche Anfälligkeit für den Coronavirus von Personen ab dem Alter von 50 Jahren zurückzuführen ist.

Die zweite unerwartete Ausnahme stellen die 5-14 jährigen in Dänemark da, deren Erwartungswert für die Mortalität in der KW 12 deutlich stärker über dem erwartbaren lag, als es beim Erwartungswert für die Dänen ab 65 Jahre der Fall ist.

 

 

Da in Dänemark bislang jedoch nur 53 Personen im Alter zwischen 0 und 19 Jahren positiv auf den Virus getestet wurden, während im Land über 1,2 Millionen Menschen diesen Alters leben, kann der Coronavirus keinen Einflussfaktor darstellen für die beobachtete Abweichung vom Erwartungswert.

Auch wenn ich an dieser Stelle nur spekuliert kann, so könnte es sein, dass der Coronavirus womöglich indirekt für die erhöhte Mortalität der Altersgruppe verantwortlich sein könnte. Denn immerhin handelt es sich bei 5-14 jährigen (fast) ausnahmslos um Schüler. Gleichzeitig hat Dänemark wegen der Krise die Schulen geschlossen, was vermutlich die größte Veränderung im Alltag der dänischen Schüler darstellt. Da jedoch auch in anderen Ländern die Schulen geschlossen wurden, gleichzeitig aber keine erhöhte Mortalität bei Kindern und Jugendlichen festgestellt werden kann, bleibt auch hier ein Fragezeichen für die wirkliche Ursache des dortigen Anstiegs.

 

Die aggregierten Zahlen aller Teilnehmerländer

 

Mit den Werten der einzelnen Länder und Altersgruppen, von denen die wenigsten in der KW 12 nach oben ausgeschlagen sind, sind auch beim Aggregat aller Werte keine besonderen Abweichungen zu erwarten.

Tatsächlich zeigen die nach Altersgruppen aufgeschlüsselten Diagramme mit den absoluten Sterbezahlen in zwei Fällen sogar eine überraschende Abweichung nach unten.

 

 

Das unterste Diagramm mit allen Werten aller Länder zeigt, dass wir uns bei der Gesamtbevölkerung seit zwei Wochen exakt auf dem Erwartungswert bewegen, was auch für die Kohorte ab 65 Jahren gilt, die circa 80% aller Todesfälle auf sich vereinen.

Gleichzeitig jedoch gibt es bei den jüngsten und bei den Erwachsenen unter 65 Jahren eine deutlich verringerte Mortalität. Zu den Ländern, in denen die Mortalität unter Erwachsenen besonders deutlich zurückging, gehört vor allem Spanien. Die unerwartete Verringerung der spanischen Mortalität in dieser Altersgruppe lässt sich möglicherweise auf die Einschränkungen im Alltagsleben zurückführen (es wäre die gegenteilige Erklärung zum Anstieg in Dänemark). Denn wer zu Hause sitzt, der hat weniger Gelegenheiten, im Straßenverkehr oder bei einer gefährlichen Tätigkeit im Arbeitsalltag das Leben zu lassen.

Eine naheliegende Erklärung der deutlich hinter der Erwartung zurückbleibenden Mortalität bei der jüngsten Kohorte der 0-4 jährigen gibt es dagegen nicht. Bei diesen sind für die KW12 quer durch die Euro-Momo Länder leicht sinkende Werte zu beobachten. Dies, obwohl Kleinkinder eine intensive medizinische Betreuung bedürfen, auf die in zu vielen Fällen aktuell verzichtet werden muss. Eventuell jedoch liegt es auch hier an der engeren Betreuung der Kinder durch ihre Eltern in Ausgangssperre.

 

Fazit

 

Alles in allem beginnt sich die Coronakrise allmählich auch in der Statistik auf die Kohorte der Alten durchzuschlagen. Noch ist es nur Italien, wo sich das Sterben aufgrund des Virus auf die Mortalität auswirkt, allerdings könnten in der kommenden Woche weitere Länder hinzukommen, von denen die wahrscheinlichsten Kandidaten Spanien und Frankreich sind.
Gleichzeitig werden die einzelnen Länderwerte bei Euro-Momo wohl nicht weiter stärker ausschlagen, als es gerade bei Italien der Fall ist. Dies verhindern die mitunter rabiat überwachten Alltagsbeschränkungen, was mindestens in Italien und Spanien bereits dazu führte, dass die Zahl der Coronatoten einen konstanten Tageswert erreichte.

Dennoch entwickelt sich die Situation in einigen Teilnehmerländern von Euro-Momo noch immer dynamisch, was vor allem für Frankreich gilt, wo trotz rigider Ausgangssperre die Zahl der Toten nach wie vor täglich steigt. Für die KW 13 in der kommenden Woche könnte es also sein, dass Frankreichs „Z-Score“ für die Altersgruppe ab 65 Jahren jener von Italien folgen wird.

Bei allen anderen Altersgruppen mit jüngeren Kohorten dagegen existiert die Coronakrise entweder gar nicht, oder aber die deswegen gemachten Umstände mit den Alltagsbeschränkungen wirken sich sogar ein kleines bisschen positiv auf deren Mortalität aus (mit Ausnahme der Jugend in Dänemark).

Ob das alles aber rechtfertigt, die Menschen für einen längeren Zeitraum pauschal zu Hause einzusperren, wäre eine Frage, die sich die Politik dringend stellen muss. Denn jenseits der unmittelbaren Vorteile einer allgemeinen Ausgangssperre muss damit gerechnet werden, dass neben großen wirtschaftlichen Verwerfungen die Menschen irgendwann auch depressiv werden, da ihnen mindestens das Sonnenlicht für die Bildung von Vitamin D fehlt.

Es gelten daher weiter meine Empfehlung aus der Analyse von vergangener Woche. Wesentlich sinnvoller als die pauschalen und teils massiven Einschränkungen für alle wäre es, die Hochrisikogruppen der Alten und Vorerkrankten zu schützen und dem Rest in eingeschränkter Weise ein normales Alltagsleben zu ermöglichen, da Erkrankungen bei diesen in den seltensten Fällen zu Komplikationen führen.

Sobald dann ein billiges, schnelles und zuverlässiges Testverfahren zur Verfügung steht, könnte jeweils regional an einem Tag ein Massentest durchgeführt werden. Gegen jeden, der bei diesem positiv getestet wird, müsste dann für zwei Wochen eine strikte Ausgangssperre verhängt werden, während alle anderen wieder zurück in die Normalität entlassen werden könnten. Das Beispiel eines italienischen Ortes, wo es ganuau so gemacht wurde zeigt, dass es sich dabei um einen genauso erfolgsversprechenden wie schnellen Ausweg aus der Krise handelt.

Quelle Titelbild & Grafiken

Bloggerei.de