Osteuropa, der neue Hort akademischer Redefreiheit

Osteuropa, der neue Hort akademischer Redefreiheit

The Spectator: Warum gibt es in Bukarest mehr intellektuelle Freiheit als in Cambridge?

 

„Du kannst reden, über was du willst“, sagte mir Radu, ein junger rumänischer Wissenschaftler, als er mich zu einer Konferenz in Bukarest einlud. Das Thema der Konferenz lautete „Echte Freiheit oder neue Obrigkeit?“, die anlässlich des Jahrestages des Sturzes von Nikolae Ceauşescu vor 30 Jahren abgehalten wurde. Das Publikum bestand aus rumänischen Studenten.

Da der Hauptredner, ein deutscher Zentralismusbefürworter für seine Rede plante, die EU mit klassisch liberalen Argumenten zu verteidigen, wählte ich für meinen Vortrag den naheliegenden Titel „Klassisch liberale Argumente gegen die EU“. Als ich Radu das mitteilte war ich dennoch etwas nervös. Denn vor dreißig Jahren noch wurden die Rumänen von einem Mann regiert, der seinen Kritikern buchstäblich Krebs verpasste. Ich fragte mich daher, ob in Bukarest die Angst vor einer Kritik an der Staatsmacht noch immer in der Luft liegt. Entsprechend erwartete ich von Radu etwas in der Richtung zu hören, dass eine Verwechslung vorliegt und mein Vortrag abgesagt worden sei, doch dann kam von ihm… „Ausgezeichnet! Das ist genau das, was wir brauchen.“

Eine Woche später bereitete ich mich auf eine andere Rede in Cambridge vor, die ich vor einer universitären politischen Gesellschaft halten sollte. Ich schlug ihnen das gleiche Thema vor. Nur diesmal habe ich die Erklärung bekommen. „Das Problem ist…. wir suchen nach etwas mehr Mainstream.“ Mainstream? Das ist im Großen und Ganzen die Meinung von 52 Prozent der britischen Bevölkerung, gab ich im zurück. „Richtig. Es ist nur, dass wir einmal einen Redner hatten, der für den Brexit argumentierte und das endete dann ein bisschen unangenehm, ein wenig… umstritten.“ Umstrittene Ideen? An einer Universität? Was kommt als nächstes?

Der Vertreter aus Cambridge war mir gegenüber diesbezüglich völlig ehrlich. Offenbar hat seine Gesellschaft beschlossen, Brexitbefürwortern keine Auftritte mehr zu ermöglichen. Ich ersparte ihm meine sich in im Kopf zusammenbrauende Meinung über Cambridge als dem wissenschaftlichen Herz der englischen Reformation und dem parlamentarischen Kampf gegen die Willkürherrschaft. „Etwas über China, vielleicht?“, schlug er vor. Ein autoritäres Regime, das die freie Meinungsäußerung unterdrückt. Ja, ich verstehe, warum das in Cambridge besser ankommt.

Die Veranstaltung in Rumänien fand in einem Hotel in Bukarest statt. Der deutsche Zentralist tat sein Bestes: Kant, ewiger Frieden, die Brüderlichkeit Europas im Stile der guten alten Zeiten des Heiligen Römischen Reiches (also abgesehen vom Dreißigjährigen Krieg). Man wollte von ihm wissen, wie er diese Vision mit dem Chaos der heutigen EU in Einklang bringt. „Wir müssen diese Nationalstaaten platt machen, das ist der Weg“, gab er guten Mutes zurück. Er schloss seine Rede mit großen Worten ab und erklärte, dass „Bratislava heutzutage im Rahmen des EU-Systems eine großartige deutsche, ich meine europäische Stadt ist“. Nervöses Lachen; höflicher Applaus.

Ich wusste, dass ich mit dem philosophischen Zeug meines Vorredners nicht mithalten konnte, und ich muss zugeben, dass seine Worte mit dem ewigen Frieden verlockend klangen. Daher habe ich es einfach gehalten: Ich habe erklärt, wie die EU Gesetze macht, also wie sie das in der Realität macht. Es gibt da ein Parlament ohne die Kompetenz für Gesetzgebungsvorschläge, mit Vertretern, die nicht direkt gewählt werden und dazu jede Menge geheimnisvolle Ausschüsse, die Gesetze abseits des öffentlichen Blicks austüfteln etcpp. Ich schloss damit, dass es sich dabei weniger um die Verkörperung von Kants Vision handeln würde, als vielmehr die Rückkehr zu einer Regierungsform wie man sie vor der Aufklärung kannte. Das Heilige Römische Reich trifft es recht gut, also das plus eine „einheitliche europäische Armee“ (Jean-Claude Junckers Worte). Wer das für liberal hält, der lebt in einer Traumwelt. Das saß erst einmal, die Reaktion bestand in einem Moment des betretenen Schweigens.Dann aber schien plötzlich jeder eine Frage zu haben. Analytisch, forensisch und doch positiv in ihrer Neugierde. Es gab keine vorgetäuschte Empörung, kein Einsatz des in dieser Debatte so häufig anzutreffenden: „Einige böse Faschisten mögen die EU nicht, ergo, wenn wer die EU nicht mag muss ein Faschist sein“. Im Gegenteil, es war eine intelligente, anregende, erwachsene Diskussion.

Ich hege schon lange die Theorie, dass die Erfahrung mit dem Kommunismus die osteuropäischen Länder gegen den Sozialismus geimpft hat. Es ist nicht so, dass ich diese ehemaligen sowjetischen Satelliten romantisiere. Ihre politischen Eliten sind häufig korrupt (und dazu in der Tasche der EU) und ihrer Bürger werden wahrscheinlich erst in Jahrzehnten eine wirkliche Wahl darüber bekommen, ob sie überhaupt Teil der EU sein wollen. Die wenigsten lesen in ihren Zeitungen jemals Kritik an Brüssel, es gibt auch dort stets nur das übliche Loblied auf den Block. Aber darum geht es mir hier nicht.

Bedeutend ist vielmehr, dass die Studenten in Bukarest das machten, was Studenten machen sollten: Sich jede Seite einer Debatte anhören. Sie zeigten keine der Symptome des intellektuellen Zerfalls, die ich oftmals bei Studenten in der Anglosphäre wahrnehme – also insbesondere das, was zum Vorschein kommt, wenn jemand von der vorherrschenden progressiven Orthodoxie abweicht. Das drückt sich dann meistens aus im Ausgeschlossen werden, in Säuberungsaktionen oder anderweitigen Machtdemonstrationen (also etwa das Ausladen von Veranstaltungen, Mobbing in den Sozialen Medien oder der Pranger genannt „offener Brief“). Aber es gibt noch eine andere Krankheit, an der so viele unserer Studenten leiden, und die oftmals auf eine autoritäre Denkweise hinweist: Sie sind langweilig.

In Cambridge wird die Meinungsfreiheit nach wie vor unterdrückt und man begreift dort überhaupt erst gar nicht was es bedeutet, wirklich liberal zu sein. Denn wenn ich in der Hauptstadt einer ehemaligen Diktatur des Warschauer Pakts gegen die Herrschaft gesichtsloser Bürokraten argumentieren darf, nicht aber an einer der besten Universitäten Englands, dann muss ich konstatieren, dass wir ein großes Problem haben. Im Jahr 1975 schon warnte Saul Bellow davor, dass „die Universitäten schmerzhaft versagt haben“, und in den 1980er Jahren wies Allan Bloom darauf hin, dass der „Geist der wissenschaftlichen Forschung“ wie er früher vorherrschte, langsam stirbt. Heute ist es so, dass man an britischen Universitäten einfach nicht mehr über bestimmte Themen sprechen kann. Das klingt für mich in der Tat nach einer „neuen Obrigkeit“.

Quelle Titelbild

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