Eine Frage der korrekten Übersetzung: „The Survival of the Fittest“ als intellektueller Stolperstein linker Denke

Eine Frage der korrekten Übersetzung: „The Survival of the Fittest“ als intellektueller Stolperstein linker Denke

Gelegentlich klinke ich mich auf linken Onlineforen in die Debatte ein und versuche, die Brigade der digitalen Weltverbesserer aus der Reserve zu locken. Oft stellt sich heraus, es mit relativ simplen Gemütern zu tun zu haben, manchmal mit ausgesprochen extremistischen Kollektivisten und ja, ab und an lerne auch ich etwas dabei.

Was ich bei diesen Streifzügen aber immer wieder feststellen muss ist, dass viele Linke ihr Weltbild auf einer unhaltbaren Annahme aufbauen. Es geht dabei nicht um etwas hochtrabendes wie Hegels Dialektik, sondern um einen ausgesprochen dummen Fehler in der Übersetzung von Darwins evolutionärem Imperativ. Mein Eindruck ist, dass sich damit ein Gutteil der linken ideologischen Irrungen erklären lässt.

 

Der faule Kern sozialistischer Phantasien

 

Die korrekte Übersetzung für „The Survival of the Fittest“ lautet „Das Überleben der Angepasstesten“, so viel vorweg, da es überaus oft vorkommt, dass nicht nur Linke diese Aussage mit „Das Überleben der Stärksten“ inkorrekt übersetzen. Ich nehme an, das ist zurückzuführen auf das in der öffentlichen Sprachverwendung dominierende Denglisch, Unterabteilung „Fitness Studio“.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass der Satz permanent falsch übersetzt wird und damit seine Implikationen fehlinterpretiert werden. Oder ob es sich dabei eher um einen selbst verstärkenden Effekt handeln könnte, der sich im Laufe der Zeit aufgrund der gedanklichen Verkürzung von „überlegen = stark“ herausgebildet hat. Die Vorstellung des „Überleben des Stärkeren“ zumindest ist deutlich älter als die Denschlischmode, wie das Beispiel der Nazis zeigt, die ihre Ideologie auf dieser Stärkstenauslese aufgebaut und die waren alles andere als beeindruckt von der anglo-amerikanischen Lebensweise.

Es waren aber auch nicht Hitler und Co., die den evolutionären Imperativ im deutschen Sprachraum so verhunzt haben. Bereits lange davor gab es diese eingeengte Vorstellung evolutionärer Prozesse und sie spielt auch in der Ideologie des Kommunismus eine zentrale Rolle. Die Kommunisten gab es bereits lange vor den Nazis und deren Paten Karl Marx und Friedrich Engels waren Zeitgenossen von Charles Darwin, wobei ich vermute, dass weder Marx noch Engels Zeit ihres Lebens allzu sehr von Darwins Vorstellung der Entwicklung basierend auf universeller Selektion beeinflusst wurden, oder dessen Arbeiten überhaupt kannten.

Beim Überfliegen der Literatur beider Urheber des kommunistischen Utopiephantasmas jedenfalls fand ich weder den Namen Darwin, noch das „Survival of the Fittest“. Man muss also annehmen, dass der Kern aller sozialistischen Überlegungen, wonach der Reichere immer gewinnt unabhängig entstand von dessen biologischen Pendant des Angepasstesten.

Die Parallelen zwischen beiden Vorstellungen jedoch sind unbestreitbar. Die politische Linke weiß darum und wähnt sich bei der Materie auf der Seite der Sieger. Zu gerne verweisen sie etwa in abwertender Weise auf „Sozialdarwinismus“, wenn jemand das Argument einwirft, wonach die Auslese per Wettbewerb eine positive Sache ist und es keinen vergleichbaren Mechanismus gibt, der ähnlich gute Ergebnisse erzielt, dabei aber weniger Verlierer erzeugt.

Sozialisten lehnen den Sozialdarwinismus in Gänze ab und wollen ihn beseitigen, und ihr Argument dafür beruht auf der Ansicht, dass immer nur der Reichere gewinnt – oder eben überlebt – und alle anderen immer verlieren. Ganz so wie bei Darwin, so meinen sie. Für sie steht der Kern der kommunistischen Ideologie in voller Übereinstimmung mit einem der wichtigsten wissenschaftlichen Postulate überhaupt.

Für Sozialisten nämlich besteht das Innerste einer jeden gesellschaftlichen Entwicklung aus einem Widerspruch zwischen Interessen, die sich diametral entgegenstehen. Dieser Widerspruch muss sich früher oder später auflösen und weil eine Seite immer stärker ist als die andere, gewinnt immer die stärkere Seite diesen Widerspruchsprozess, während die schwächere Seite stets verliert. Für die rein sozio-ökonomisch denkende Linke ist die stärkere Seite dabei auch immer deckungsgleich mit „reicher“. Die die sich daraus ergebende logische Schlussfolgerung darin besteht, dass wenn jemand stets der Reichere ist, dann gewinnt dieser immer und entsprehend wird ihm einem Gesetz gleich irgendwann auch alles gehören.

Diese Verengung des evolutionären Imperativs jedoch ist grundfalsch und widerspricht der Selektionsvorstellung Darwins in fundamentaler Weise.

Der „Angepassteste“ mag zwar manchmal der Reichere sein, er ist es aber definitiv nicht immer. Tatsächlich ist dieses vermutlich sogar nur die Ausnahme als die Regel, dass alleine der Wohlstand über den Sieg in der nächsten gesellschaftlichen „Spielrunde“ entscheidet.

Anpassung und der Angepasstere oder Angepassteste zu sein bedeutet vielmehr, dass es eine Vielzahl von Variablen sind, die darüber entscheiden wer die Nase vorn behält. Wer nur reich ist, ansonsten aber nichts zu bieten hat, der wird tatsächlich nur selten gewinnen und am Ende sehr wahrscheinlich mit Nichts dastehen. Wer wiederum auf der anderen Seite arm ist, aber intelligent, redegewandt, beliebt, vernetzt und agil, der wird sehr viele dieser Spielrunden für sich entscheiden können und am Ende weitaus besser dastehen als zu Beginn.

Selbst wenn man es herunterbricht auf nur eine einzige entscheidende Variable der optimalen Anpassung, es ist nie stets der relative Reichtum, der über Sieg oder Niederlage entscheidet. Intelligenz, Überzeugungskraft, Äußerlichkeiten, „der richtige Riecher“ und quasi jede andere positive wie negative Ausprägung kann sich als jene erweisen, die den Merkmalsträger in einer Situation zum „Angepasstesten“ macht.

Linke verstehen das nicht und wenn sie es doch verstehen, dann müssen sie es ignorieren, damit ihr Weltbild nicht ins Wanken gerät.

 

 

Logikfehler für Anfänger

 

Für viele stellt der Sozialismus in seinem hölzernen Wesen sehr wahrscheinlich kein allzu intuitives Gesellschaftssystem dar – von den vielen abschreckenden Beispielen mit „real existierendem Sozialismus“ einmal ganz abgesehen.

Mir persönlich geht es ähnlich, allerdings wird bei mir das Bild sozialistischer Gedankenführung genau dann klar, wenn ich die obige Annahme mit einem unzulässig verengten evolutionären Imperativ berücksichtige. Denn nimmt man einmal an, „Survival of the Fittest“ würde tatsächlich mit dem „Überleben des Stärkeren“ übersetzt, dann ergäben die linken Ableitungen tatsächlich überaus viel Sinn.

Zunächst steht im linken Weltbild die Annahme, dass der Gewinner einer beliebigen gesellschaftlichen Situation bestimmend auftritt und den Verlierer in der ein oder anderen Weise ausnutzt und damit ausbeutet. Es handelt sich um eine Annahme, die man denke ich kann so durchaus akzeptieren.

Gewinnt nun in jeder Situation der Stärkere gegen den Schwächeren wie es die linke Interpretation des Darwinismus besagt, dann folgt daraus zwingend, dass der Stärkere den Schwächeren permanent ausbeutet. Es handelt sich dabei um eine völlig logische Ableitung aus den beiden Annahmen, wonach immer der Stärkere gewinnt und dieser den Sieg zu seinen Gunsten und zulasten des Verlierers nutzt.

Eine solche Konstellation, da stimme ich den Sozialisten voll zu, wäre eine untragbare Situation und sie müsste korrigiert werden. Als Beispiel könnte man anführen, dass wenn der Staat stets der Stärkere ist und den fleißigen, aber schwachen Arbeiter mit Steuern ausbeutet, dann wäre eine Revolution dagegen durchaus angezeigt. Die linke Denkweise hat also durchaus ihre Meriten.

Problematisch wird es allerdings genau dann, wenn man sich nicht in einem Sonderfall wie einem ausbeuterischen Staat befindet, sondern im Normalfall, in dem es ein vielschichtiges Geben und Nehmen gibt zwischen den beteiligten Akteuren, von denen mal der eine, mal der andere der Angepassteste ist.

Denn würde es stimmen, dass der Stärkere stets gewinnt, weil er stärker ist, dann müsste man ihn permanent schwächer machen, damit der Schwächere auch einmal gewinnen kann, um etwas Stärke zu gewinnen.

Übertragen auf das Gebiet der Sozio-Ökonomie bedeutet dies auf praktischer Ebene, dass der Reichere mit Hilfe von Steuern ärmer gemacht werden muss, um das Geld dann an die Armen zu verteilen. Dabei handelt es sich um eine klassische linke realpolitische Forderung, die sich aus den beiden Annahmen ergibt.

Auf theoretischer Ebene wiederum – und damit als langfristiges Ziel hin zur Utopie des Kommunismus – bedeutet es, dass die Reichen erst generell arm gemacht werden müssen, damit Arme überhaupt reich werden können, da das Anhäufen von Wohlstand per se aus Unterdrückung entsteht.

Im sich daraus ergebenden kommunistischen Kalkül, also dem unterdrückungsfreien Generieren von Wohlstand, müssen daher alle gleichzeitig gegen alle gewinnen und gleichzeitig alle gegen alle verlieren. Ansonsten ist Wohlstand grundsätzlich nicht möglich.

Anders formuliert könnte man auch sagen: Damit alle reich werden können, müssen erst alle arm gemacht werden, und dann müssen alle arm bleiben, damit alle reich sein können.

Das ist für mich ein Logikfehler höchster Güte und er ergibt sich unmittelbar aus dem schiefen Blick, den Sozialisten auf den evolutionären Imperativ werfen. Wenn Sie also das nächste Mal in eine Diskussion mit einem Linken geraten, bitten Sie diesen zu Beginn kurz Darwins „Survival of the Fittest“ auf Deutsch zu übersetzen.

Sie werden erstaunt sein, wie viele den Fehler begehen und sie werden nicht weniger staunen, wie leicht es ist, sozialistische Ansichten und Forderungen mit Hilfe dieses Winkelzugs ihrer argumentativen Legitimität zu berauben.

Genau so einfach kann das Gewinnen von Diskussionen sein. Man muss sich nur entsprechend anpassen. 🙂

Quelle Titelbild, Test

Bloggerei.de
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