Die vier Ebenen der Indoktrination

In den Untiefen des deutschspachigen Internets hat sich mittlerweile eine veritable Opposition gebildet. Sei es in Foren oder Chatgruppen, immer mehr Menschen vertrauen dem offiziell vertretenen Bild nicht mehr und erkennen die unübersehbaren Risse im Bild. Für mich war es auch der Grund diesen Blog zu beginnen, allerdings wird für mich auch immer klarer, dass die Zersetzung des öffentlichen Diskurs weitaus tiefer geht als nur bis zu den Leserkommentaren bei SPON. Die innere Zensurschere wirkt auch dort, wo man es nicht erwarten würde. Im folgenden eine Übersicht über die vier Ebenen der Indoktrination und in welcher Weise die öffentliche Debatte in Deutschland sogar im alternativen Spektrum zersplittert ist.

 

1. Der Hygienezwang für Informationsquellen

 

Wer eine Internetseite betreibt und sei es nur ein kleiner Blog wie in meinem Fall, für den sind Zugriffsstistiken ein wichtiges Werkzeug der Erfolgskontrolle.

Unter anderem bekommt man in diesen Statistiken gezeigt, von wo aus Besucher auf die Seite gelangen. Für mich immer interessant zu sehen, in welchen Diskussionen zu meinem Blog verlinkt wird und gehe dem kurz nach, da es zeigt, in welcher Weise meine Artikel aufgenommen werden und ob sie als positiv oder negativ erachtet werden.

Was mir bei kritischen Kommentare zu meinen Beiträgen dabei meist auffällt ist, dass es sich selten um eine inhaltliche Kritik handelt, sondern vor allem eine Kritk der Präsentationsform. Gerne wird bemängelt, dass mein Blog (und auch andere alternativen Blogs) keine Top-Level-Domain haben, sondern über Blogspot oder einen anderen Anbieter wie WordPress laufen.

Klar ist, so etwas wirkt auf den ersten Blick amateurhaft. Für viele ist es dazu leider ein unüberwindbares Hindernis, da sie es offenbar als ein klares Zeichen dafür sehen, dass jemand in seinem Keller sitzend Dubioses in die Welt schleudern will über Reptiloiden oder Reichsbürger oder etwas anderes in dieser Liga. Es wird nicht einmal erwogen, den Inhalt ernstzunehmen und ihm eine oder zwei Minuten Lesezeit zu gönnen.
Eine weitere Auffälligkeit in dieser Hinsicht, wonach bei manchen das Filtern bereits mit der URL beginnt, fand ich so weit ich mich erinnern kann bei N8wächter, wo die Zahl im Titel als unseriös kritisiert wurde und das Angebot daher nicht beachtenswert sei

Man muss die Inhalte bei N8wächter nicht mögen, aber es ist doch recht seltsam, dass manche sich ausgerechnet daran stören und nicht am ausgeprägten Verschwörungsdenken der Seite. Hinzu kommt bei der Seite noch ein weiterer Malus, da der Blog auf „.info“ endet, also nicht auf „.de“ oder zumindest „.net“ oder „.com“. Etwas, das bei einigen sicherlich ebenso negativ bewertet wird und abschreckt.

Deutsche Konsumenten sind so sehr an die saubere Darbietung medialer Inhalte gewöhnt, dass es einen natürlichen Abwehrdrang gibt gegen alles, das nicht dem gewohnten Bild entspricht. Alles jenseits der üblichen mit viel Geld (und Marketing Know-How) auf Hochglanz polierten Seiten der Mainstream Medien wird per se mit Ignoranz bestraft.

 

2. Kognitive Dissonanz im alternativen Spektrum

 

Das große Problem mit diesem Phänomen des informellen Hygienezwanges ist, dass es bei weitem nicht nur regelmäßige Leser der Mainstream Medien betrifft, sondern auch Nutzer, die im alternativen Spektrum unterwegs sind.

Mein Beispiel dafür ist der Forent Otternase bei Finanzen.net, dessen Kommentar auch den konkreten Anlass für diesen Blogbeitrag darstellte. Im dortigen Forum verlinkte ein anderer Nutzer meinen Artikel über die Deutsche Umwelthilfe. Otternases Reaktion darauf bestand aber nicht in einer inhaltlichen Kritik der von mir aufgestellten Hypothese (Neudeutsch: „Verschwörungstheorie“). Vielmehr störte sich der Nutzer an der Billigwerbung, die ich vor kurzem aufgeschaltet habe.

Bislang dachte ich, dass jeder weiß was man bei Onlinewerbung macht. Man ignoriert sie und falls einem der Artikel gefällt und man die präsentierte Arbeit belohnen will, dann klickt man ungeachtet der abgebildeten Werbung kurz darauf und schließt das aufpoppende Fenster danach schnell wieder.

Otternase scheint das nicht so recht verstanden zu haben und so ignorierte er komplett meine aufgeworfenen Fragen und ging anstatt dessen ausschließlich ein auf die von ihm vorgefundene Werbung.

Das Problem an der Sache ist nicht die ignorante Haltung von Otternase an sich, seine Meinung steht ihm zu und die Werbung, ja sie ist billig, keine Frage. Warum ich diese Billigwerbung aber überhaupt erst schalten muss und nicht einfach das bei Blogspot fest eingebaute Adsense verwende ist eine Frage, die auch Otternase sich stellen könnte, aber nicht muss.

Über diese Ignoranz und die abfälligen Äußerungen kann man sich ärgern. Viel schlimmer jedoch ist die dabei offen zutage tretende Diskrepanz zwischen dem, was Nutzer wie Otternase bei anderen zu erkennen glauben, aber nicht bei sich selbst für möglich halten.

Da der Nutzer nicht bei SPON kommentiert, sondern sich in einem Finanzforum herumtreibt, wo man meist etwas offener ist im Bereich abweichende Ansichten, lässt sich nämlich schließen, dass er an irgendeinem Punkt in den letzten Jahren bemerkt haben muss, dass etwas fundamental nicht stimmt in Deutschland. Er reagierte darauf und wählte fortan als digitale Debattenheimat eine eher spezielle Nische.

Gleichzeitig jedoch fällt er noch immer herein auf die vom Mainstream und den allgemeinen Regeln des Konsumentenmarketings gesetzten Standards zur polierten Oberfläche. Selbst wenn er von einem Mitforenten als Lesetipp unmissverständlich darauf hingewiesen wird, erwägt er es noch nicht einmal, kurz über den Tellerrand zu blicken.

Im Gegenteil, er bleibt strikt auf der Metaebene der Präsentationsform und wagt es nicht auf die inhaltliche Ebene zu gehen, und das auch nur um es begründet als Schwachsinn zurückweisen zu können.

Das ist kognitive Dissonanz. Dass sie auch bei sich im alternativen Spektrum bewegenden Medienkonsumenten so häufig anzutreffen ist, erstaunt mich immer wieder.

 

3. Die Dogmatik der Verschwörungstheorie

 

Schafft es ein Nutzer, die beiden Wahrnehmungstäuschungen an der Oberfläche zu überwinden, dann wartet gleich das nächste Hindernis für das Verarbeiten einer Information, die nicht mit dem gewohnten Bild übereinstimmt.

Die beste Beschreibung dieses Phänomens stammt wohl von Yuri Bezmenov, einem abtrünnigen KGB Offizier, der in den 1980ern eingehend beschrieb, wie indoktrinierte Menschen nicht in der Lage sind, präsentierte Informationen jenseits ihrer Erwartung zu verarbeiten und diese selbst dann noch als eine Lüge bezeichnen, wenn die Beweise vor ihnen auf dem Tisch liegen.

Über den Weg gelaufen ist mir diese Art der Wahrnehmungszersetzung bereits des öfteren und das letzte Mal bei meinen Recherchen zum Benfordschen Gesetz. Es war in einem Chat für Mathematiker, wo ich die Zahlen und Ergebnisse zunächst ohne Hinweis auf deren Ursprung besprechen wollte. Das war auch kein Problem und ich bekam meine Antworten.

Dann aber wollte jemand wissen, zu welchem Thema sie gehören und ich wies darauf hin, dass es sich um die Wahlstimmen für Bayern handelt und diese im Zusammenhang mit dem Benfordtest auf Manipulation hindeuten.
Zu meiner eigenen Überraschung war das einigen offenbar zu viel und so wechselte die Debatte sofort in Richtung „Verschwörungstheorie“. Ich sei ein Verschwörungstheoretiker und wie es mir nur einfallen könnte, wilde Verschwörungstheorien zu verbreiten und andere Personen mit meinen wirren Ansichten zu belästigen und sie in so etwas Verrücktes hineinzuziehen.

Lediglich ein Chatteilnehmer des halben Dutzend wollte die Unsicherheiten diskutieren, die mit der Anwendung des Benfordtests bei Wahlergebnissen einhergehen, also inhaltliche Kritik üben. Etwas das ich für sehr legitim halte und weswegen ich beispielsweise für die Ergebnisse der Hessenwahl keinen Benfordtest durchgeführt habe.

Die übrigen aber konnten nicht mehr aufhören mit Vorwürfen gegen mich. „Unhaltbare Behauptungen“, „wirre Ansichten“, „völlig hirnverbranntes Verhalten“ und andere Leckereien des gegenseitigen Respekts kamen mir da in wenigen Minuten entgegen geflogen.

Auf mich wirkte die Situation ziemlich surreal, habe ich den Chat doch ganz bewusst aufgesucht, um das genaue Gegenteil einer Verschwörungstheorie zu verbreiten. Meine Absicht bestand in der mathematisch-statistischen Untermauerung (oder Widerlegung) einer Hypothese.

Bei einer Verschwörungstheorie dagegen handelt es sich nach meinem Verständnis um eine Hypothese, die zwar einerseits bestimmte gesellschaftliche Gegebenheiten oder Verhaltensweisen von Menschen mit Macht sehr gut erklären kann, gleichzeitig aber absichtlich unbeweisbar bleibt oder sogar bleiben soll.

Eine Statistische Analyse ist also das exakte Gegenteil dessen und wurde buchstäblich erfunden zur Trennung von Verschwörungstheorien und plausiblen Hypothesen. Ungeachtet dieses Zusammenhangs wurde ich trotzdem auf der Stelle und ziemlich vehement zum Verschwörungstheoretiker erklärt und mein Interesse an einer statistischen Analyse zum Akt eines Irren.

Das schlimme daran ist, dass in diesem Chat Mathematiker und Programmierer unterwegs waren. Die allgemeine Indoktrination, sie wirkt so tief, dass heute sogar berufsmäßige Analysten eine beweis- oder widerlegbare Hypothese nicht mehr von einer Verschwörungstheorie unterscheiden können und sich in heftigen Abwehrreflexen ergehen, sobald sie mit etwas konfrontiert werden, das der erlernten Dogmatik widersprechen könnte.

 

4. Dummdreiste Denkfäule

 

Bei der vierten Ebene der Indoktrination wurden die ersten drei Hürden zu einer neuen Erkenntnis zwar überwunden, die präsentierten Informationen also angenommen und akzeptiert, am Ende aber scheitert trotz allem die Zusammenführung des vorliegenden Sachverhaltes.
Mein Beispiel dafür besteht in einem YouTube Nutzer, der sich als Mitarbeiter von Heinz-Hermann Thieles Unternehmen ausgab. In den Kommentaren zu einem Video mit kritischen Äußerungen durch Thiele setzte der Nutzer Holger Peitzmeier einen Link zu meiner Vorschlagsliste für Thiele, in der ich beschreibe, wie er mit seinen Mitteln den Protest gegen die gegenwärtige Entwicklung unterstützen kann.

Darauf reagierte ein gewisser „planet disco“, indem er meinen Blog wortgewaltig als „Drecksseite“ bezeichnete. Man könnte dazu urteilen, dass er es damit geschafft hat, die obigen drei Schritte in einem Wort zusammenzufassen.

Die Besonderheit dieses und der nachfolgenden Kommentare von planet disco besteht darin, dass er meinen Artikel ganz offenbar gelesen hat, wobei er auf prinzipieller Ebene er sogar mit mir (und Thiele) darin übereinstimmt, dass Deutschland massiv in Schieflage geraten ist und etwas dagegen unternommen werden muss.

Zu Gute halten muss man planet disco, dass er mich tatsächlich inhaltlich kritisiert hat. Trotzdem aber bleibt er in seiner Position unvollständig und damit in der Indoktrination verhaftet, da er offenbar nicht bereit ist, die gegebenen und von ihm akzeptierten Informationen zusammenzuführen und daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen.

Im Gegenteil, er kritisiert in heftiger Weise das Ziehen persönlicher Konsequenzen (meine geplante Auswanderung) und er kritisiert genauso heftig die Aufforderung durch mich und andere, dass jeder gemäß seiner Mittel Konsequenzen ziehen sollte.

Obwohl also eine Kongruenz besteht bei den gemeinsam gegebenen Informationen, ihrer Erfassung und Bewertung quittierte er die sich daraus ergebende logische Schlussfolgerung trotzdem mit einem „du Spinner“ in meine Richtung.

Dieser Nutzer, er hat zweifellos alles verstanden und doch begreift er rein gar nichts. Ob es sich dabei um Indoktrination handelt, oder um eine persönliche Schutzvorrichtung vor den alternativ drohenden weitreichenden Konsequenzen, die er ziehen müsste, kann ich nicht beurteilen. Der abschließende “Spinner” aber zeigt eindeutig, dass bei dem Nutzer ein wunder Punkt getroffen wurde, den er nicht in der Lage war kognitiv zu kontrollieren.

Insgesamt halte ich es für genauso faszinierend wie frappierend, bis zu welchem Grad es möglich ist, die Erkenntnisfähigkeit einer Person bis zur völligen Selbstaufgabe zu zersplittern. Es müssen über Jahrzehnte sehr starke Kräfte gewirkt haben, um diesen Punkt zu erreichen. Anders kann ich mir so ein Verhalten nicht mehr erklären, da es nicht selten, sondern überaus regelmäßig auftritt.

Quelle Titelbild